Serie - Zur Geschichte der Kempener Martin-Schule (4)

Serie Zur Geschichte der Kempener Martin-Schule (4) : Neustart nach dem Ende des Krieges

Kontrollbesuche durch Besatzungsoffiziere, Schulspeisung für unterernährte Kinder, Arbeit mit notdürftigsten Mitteln – Mängel und Notbehelfe prägten den Schulbetrieb in der Nachkriegszeit.

März 1945: Für Kempen ist der Krieg zu Ende. Das Gebäude der Knabenvolksschule, in dem bis zu ihrem Auslaufen am 29. Juni 2019 die Martin-Schule untergebracht war, hat ihn fast unversehrt überstanden. Anfang Oktober 1945 erteilt die Britische Militärregierung der Knabenvolksschule die Erlaubnis, ihren Unterricht wieder aufzunehmen. Einen Lehrplan gibt es noch nicht. Noch steht nicht fest, welche Werte er zu vermitteln hätte. Bald zeigt sich, dass in diesen unsicheren Zeiten der Trend zu Bewährtem geht, an dem man sich festhalten kann. Nach dem Ende des kirchenfeindlichen „Dritten Reiches“ wenden viele Menschen sich wieder christlichen Grundsätzen zu. Die Besinnung auf die Botschaft des Christentums führt zur Gründung einer Volkspartei, die über Konfessionen und Gesellschaftsklassen steht, die evangelische und katholische Christen zusammenfasst: der CDU. Am 1. Dezember 1945 wird in der dicht besetzten Aula der Kempener Knabenvolksschule der CDU-Kreisverband Kempen-Krefeld gegründet. In einer Schule, die bis zum Kriegsende den Namen des „Führers“ der Nationalsozialisten getragen hat. Ein Ereignis mit symbolischer Aussagekraft; Ausdruck einer politischen Wende.

Im Sommer 1946 sprechen sich 87 Prozent der Kempener Eltern für die Konfessionsschule aus. So werden ab dem 1. August 1946 die von den Nationalsozialisten eingeführten Gemeinschaftsschulen durch konfessionelle Bekenntnisschulen ersetzt, und das im „Dritten Reich“ verpönte Kreuz hält wieder Einzug in die Klassenzimmer. Fortan ist die Erziehung bewusst religiös.

Ein Stimmungsbild aus den Fünfzigerjahren: Fackelbasteln in der katholischen Volksschule St. Hubert im Oktober 1953. Foto: Archiv Martin-Schule

Es ist die Zeit des Mangels und der Notbehelfe. Die Schulbücher, die die Nationalsozialisten herausgegeben haben, sind verboten. Erst im Dezember 1945 kommen notdürftig auf Altpapier gedruckte Fibeln zum Lesen und Rechnen an, die Blätter sind provisorisch zusammengeheftet. Zwei Kinder teilen sich ein Buch. Weil Schiefertafeln fehlen, schreibt man auf Dachschieferplatten und benutzt lange Nägel als Griffel. Englische Offiziere besuchen häufig und unangemeldet den Unterricht. Sie überprüfen, ob keine Nazi-Lehrwerke verwendet werden, inspizieren die Hausaufgaben und die provisorischen „Klassenbücher“, die auf der unbeschriebenen Rückseite von Altpapier-Blättern geführt werden.

Am 1. Februar 1946 wird eine Schulspeisung eingeführt, unterstützt von der britischen Militärregierung. An jedem der sechs Schultage – von Montag bis einschließlich Samstag – packen Helferinnen jedem bedürftigen Kind, das vom Klassenlehrer eine „Eßkarte“ bekommen hat, eine Portion Eintopf in das Kochgeschirr oder den Blechnapf, den es mitgebracht hat. Gibt es ausnahmsweise eine Tafel Schokolade dazu, muss sie vom Schüler, der sie empfangen hat, unter den Augen der Lehrer angebissen werden, damit sie nicht als unberührte Originalware auf dem Schwarzen Markt landet. Erst als sich die wirtschaftlichen Verhältnisse nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 bessern, melden mehr und mehr Eltern ihr Kind von der Schulspeisung ab.

Die Esskarte, mit der man als Schüler der Volksschule an der Schulspeisung teilnehmen durfte. Foto: Archiv Martin-Schule

Aber noch im März 1948 haben 42 Prozent der Schüler Untergewicht, 54 bekommen regelmäßig kein Frühstück. Fünf Prozent besitzen keine Schuhe. Zum Unterricht kommen sie auf nackten Füßen, um die sie Lappen gebunden haben. 38 Prozent haben nur ein Paar Schuhe. Bei 13 Prozent ist der Vater im Krieg gefallen, bei weiteren zehn Prozent ist er noch in Gefangenschaft oder vermisst.

Und die Lehrer? Im November 1944 ist während einer Kur in Bad Wildungen der bisherige Schulleiter, der Nationalsozialist und Heimatdichter Wilhelm Grobben, an den Spätfolgen einer Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg gestorben. Bis ein Nachfolger ernannt wird, leitet der älteste Lehrer, Heinrich („Heini“) Weber die Schule, an der er seit 1920 arbeitet. Am 1. November 1945 wird Wilhelm Eckmanns, der seit 1932 Volksschulrektor in Duisburg war und den es nach der Entlassung aus englischer Gefangenschaft in den Kreis Kempen-Krefeld verschlagen hat, neuer Leiter der Kempener Knabenvolksschule.

Wilhelm Eckmanns, Rektor der Knabenvolksschule von 1945 bis 1959. Foto: Archiv Martin-Schule

Gewaltige Herausforderungen kommen auf ihn zu. 1946 sind Hefte, Tafeln und Kreide immer noch Mangelware. Erst zum Schuljahrsbeginn 1952 steht das erste richtige Deutschbuch zur Verfügung – „Die 7 Ähren“. Bis dahin muss man sich mit Lesebögen behelfen, die die Bezirksregierung monatlich schickt. 1949 setzt sich eine pädagogische Neuerung durch: Die Ganzheitsmethode, bei der die Kinder nicht nach Buchstaben, sondern Wort für Wort lesen lernen. „Das hat die anfangs misstrauischen Eltern begeistert“, notiert Rektor Eckmanns. Überhaupt ist nach dem Gesinnungsterror des „Dritten Reiches“ der Hunger nach geistiger Nahrung groß. Rektor Eckmanns will eine neue Schülerbücherei aufbauen und bittet die Öffentlichkeit um Spenden. Nun ja, es wird viel „Schmutz und Schund“ abgeliefert, wie man damals Heftchenromane und Bildergeschichten nennt. Aber auch 310 „gute Bücher“, die Eckmanns auf die einzelnen Schuljahre verteilt.

Weil Glühbirnen nicht zu haben sind, muss im Winter mit Lese- und Schreibübungen so lange gewartet werden, bis das Tageslicht dafür hell genug ist. Nach den Weihnachtsferien 1947 gehen der Schule die Kohlen aus. Die Schüler bleiben bis Mitte März zu Hause, kommen nur kurz ins ungeheizte Schulgebäude, um vom Lehrer die Hausaufgaben nachsehen zu lassen, die er ihnen täglich stellt. Aus den verlorenen Ostgebieten strömen Vertriebene in die Stadt, so dass im Schuljahr 1947/48 die Zahl der Schüler von 517 auf 639 steigt.

Die 1950er-Jahre brechen an, die Aufbaujahre nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Es ist die Ära Adenauer – eine konservative, eine biedere Zeit. Undenkbar, die Autorität von Amtspersonen wie Lehrern und Polizisten in Frage zu stellen. Im Unterricht gibt’s bei Fehlverhalten mit dem Rohrstock was auf die Fingerspitzen. In schwereren Fällen muss der Schüler sich auf die Bank legen und bezieht „Senge“. Aber die Lederhose fängt die Schläge auf, und wer sich zusätzlich einen Schnellhefter untergeschoben hat, spürt gar nichts. Prügel als Erziehungsmittel? Keiner findet was dabei. Erst 1971 wird in Nordrhein-Westfalen die körperliche Züchtigung in Schulen für unzulässig erklärt werden. Der Schulbetrieb ist konfessionell geprägt. Ein Beispiel: Zur Entlassung der Abschlussschüler im Juli 1957 stiftet Julius Düllmann, Besitzer einer Eisengießerei, 150 Mark, um jedem Achtklässler ein schönes Abschiedsgeschenk zu ermöglichen. Was die Schule von dem Geld jedem ihrer Entlassschüler als Leitfaden fürs Leben kauft? Keine Frage: ein „Neues Testament“.

Andererseits ist Modernisierung angesagt – auch in der Schule. 1952 wird für jede Klasse eine Pflegschaft aus den jeweiligen Eltern und Lehrern eingeführt. Dazu kommt eine Schulpflegschaft aus den Vorsitzenden aller Klassenpflegschaften und eine Schulgemeindeversammlung aus allen Erziehungsberechtigten und allen Lehrern. Bei ihrer ersten Versammlung 1954 ist der Saal des alten, 1981 abgebrochenen Kolpinghauses am Hessenring überfüllt. – Ebenfalls 1952 schafft die Knabenvolksschule sich ein Radiogerät mit eingebautem Plattenspieler an. Dazu kommen Fortschritte im medizinischen Bereich: Seit 1952 führt ein Schulzahnarzt bei allen Schülern Untersuchungen durch, 1955 starten alljährliche Röntgen-Untersuchungen der gesamten Schülerschaft, 1959 Impfungen gegen Tuberkulose im ersten bis dritten Schuljahr.

Am 13. Februar 1959 stirbt Karl („Kalla“) Mühlen – ein allseits beliebter und engagierter Pädagoge, Konrektor seit 1954. Lange hat er den Schulchor dirigiert, hat beispielsweise 1949 auf dem Markt ein adventliches Konzert aller Kempener Schulen durchgeführt. Alle Lehrer und Schüler, viele Eltern, nehmen an seiner Beerdigung teil. Am 1. Juli 1959 geht Wilhelm Eckmanns, der die Schule durch die schweren Jahre nach dem Krieg geführt hat, in Ruhestand. „Gott segne die Schule, die mir in fast 15-jähriger Leitertätigkeit sehr ans Herz gewachsen ist, allezeit!“, schließt er seinen Abschnitt in der Schulchronik.

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