Radtour für neues Radverkehrskonzept in Kempen

Kempen : Hier wird’s für Radler in Kempen brenzlig

Die Stadt Kempen lässt ihr Radverkehrskonzept aktualisieren. Die Planer hatten interessierte Bürger zu einer Radtour durchs Stadtgebiet eingeladen. Dabei wurden vor allem problematische Punkte im Radwegenetz geprüft.

Ohne Fahrrad läuft in Kempen nichts. Doch manches läuft dabei nicht rund. Aktuell wird das Radverkehrskonzept aus dem Jahr 1996 aktualisiert. Dafür hat die Stadt zwei Planungsbüros beauftragt, die das Radwegenetz anschauen und alles radikal auf den Prüfstand stellen. Ganz wichtig ist dabei die Bürgerbeteiligung. Es gab bereits eine Online-Befragung und einen gut besuchten Workshop. Jetzt machten sich Vertreter der Stadtverwaltung und Experten der beiden Planungsbüros mit Bürgern auf den gemeinsamen Weg durch Kempen – natürlich per Rad.

Rund 15 Interessierte trafen sich an den überdachten Radabstellplätzen am Bahnhof. Manche mit Fahrradanhängern oder E-Bikes. „Wir wollen uns auf der Fahrt einige Orte konkret ansehen, da sieht manches anders aus als in der Theorie“, sagte Heinz Puster, der bei der Stadtverwaltung für die Fahrradwegkonzeption zuständig ist. Fast zehn Kilometer lang ist die Strecke, die Andrea Fromberg vom Verkehrsplanungsbüro VIA aus Köln und Dennis Stocksberg von der „Planersozietät“ aus Dortmund erarbeitet haben.

Verboten: Parken auf dem Radweg. Foto: Eva Scheuß

Auf der Strecke liegen die Punkte, die sich als neuralgische Orte herauskristallisiert haben. Im Gepäck haben die Experten eine Vielzahl von Fragen, die sie an die Teilnehmer richten werden. Am ersten Knotenpunkt befindet man sich bereits. Die Kreuzung vor dem Kempener Bahnhof ist von allen Seiten vielfach genutzt. Busse, Autos, Fußgänger und Radfahrer queren diese Kreuzung. Eine Querungshilfe verläuft in Höhe der überdachten Fahrradabstellplätze. „Ich fahre schon vorher rüber, wenn ich zur Unterführung will“, sagt ein Teilnehmer. Auch die überfüllt wirkenden Fahrradunterstände selbst sind Thema. Viele seien „Schrotträder“, die dort dauerhaft abgestellt seien, wird gemutmaßt. „Glauben Sie, dass es akzeptiert würde, wenn hier rundum abgeschlosse Fahrradboxen aufgestellt würden, die bezahlt werden müssten?“, fragt Andrea Fromberg. Die Zustimmung ist einhellig. „Ich lasse mein teures Rad lieber zuhause und nehme das Auto, wenn ich weiß, dass es am Bahnhof nicht sicher steht“, sagt ein Teilnehmer.

Die Fahrt führt über die Arnold­straße durch das Industriegebiet zur Schauteshütte. Viele Schüler aus St. Hubert benutzten diesen Weg, um Schulen in Kempen zu besuchen, erzählen die Planer. Darauf seien die Straßen, die durch das Industriegebiet führen, nicht ausgerichtet. In St. Hubert sind es zwei gegenläufige Einbahnstraßen, die König­straße und die Hauptstraße, die die Planer beschäftigen. Viele Fahrradfahrer fühlten sich hier unsicher und nähmen lieber den Fußweg. „Sollte man diese Straßen für den Radverkehr in beide Richtungen freigeben?“ fragen sie in die Runde. Eine Idee, die grundsätzlich Zustimmung findet, falls die Straßen dann entsprechend markiert seien.

Achtung Schienen: St. Huberter Straße. Foto: Eva Scheuß

Über die Bahnstraße und die Kempener Landstraße geht es zurück über die St. Huberter Straße in Richtung Kempener Bahnhof. Der Radweg ist dort relativ breit, wird aber beidseitig benutzt. Zu Stroßzeiten vor allem von vielen hundert Schülern. Auch der Autoverkehr ist um den Bahnhof herum lebhaft. Dieses Gebiet sei einer der Unfallschwerpunkte in Kempen, sagen die Experten. „Als Fußgänger gibt es Zeiten, da geht man hier nicht freiwillig raus“, sagt Gisela Ditzen, Lehrerin am Kempener Luise-von-Duesberg-Gymnasium. „Fänden Sie es gut, wenn der Radverkehr auf die Straße verlagert würde und gleichzeitig hier Tempo 30 eingeführt wird?“, fragen die Experten. Eine ganz große Mehrheit der Teilnehmer befürwortet diesen Vorschlag.

Zu eng: Drängelgitter am Brahmsweg. Foto: Eva Scheuß

Auf dem Brahmsweg, der eigentlich eine ideale Fahrradstraße rund um Kempen wäre, werden die eng gestellten rot-weißen Drängelgitter bemängelt, die mehr als gefährliches Hindernis denn als Schutz wahrgenommen werden. Auch die ständige Unterbrechung durch Kempener Zufahrtstraßen sei hinderlich. „Könnte man nicht den Fahrradfahrern Vorfahrt geben?“, fragt ein Teilnehmer.

Zu schmal: Radweg an der St. Töniser Straße. Foto: Eva Scheuß

Der Weg über die Hülser Straße zum Viehmarkt gerät ein wenig zum Abenteuer. Da das blaue Fahrradschild fehlt, dürfen Radfahrer die Straße benutzen, was aber vielen Autofahrern nicht wirklich einsichtig erscheint. Der Fahrradweg entlang des Altsstadtrings ist eng, verwinkelt und schlecht einsehbar, wird in beiden Richtungen benutzt, auch von Fußgängern. Mit anderen Worten: Er ist unattraktiv, so dass viele Radfahrer lieber die Fußgängerzone nehmen. Eine radikale, aber interessante Idee der Planer ist es, hier eine Art Fahrradstraße anzulegen, eventuell sogar auf einem der beiden Autofahrstreifen.

An der Kreuzung vor dem Gymnasium Thomaeum wird moniert, dass viele Autofahrer den Weg über die Ludwig-Jahn-Straße und Am Gymnasium als Abkürzung benutzten, obwohl die Straßen hier im Schulgebiet als Fahrradstraßen ausgewiesen sind. Als wirklich katastrophal und gefährlich wird die Situation auf der Berliner Allee wahrgenommen. Hier gibt es die meisten Mängelmeldungen besorgter Bürger: Nur 90 Zentimeter breit ist der einseitige Radweg, der von Hunderten von Schülern in beide Richtungen genutzt wird. Gleichzeitig ist die nur sechs Meter breite Straße eine der Hauptverkehrsverbindungen in Kempen. „Seit einem Jahr hat der Lkw-Verkehr hier massiv zugenommen“, hat Gisela Ditzen hier beobachtet.

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