„Lost Places“ sind bei  einer Fotoausstellung im Tönisberger „Haus Baaken“ zu sehen.

Ausstellung : Verlorene Orte ins rechte Licht gerückt

„Lost Places“ sind bei  einer Fotoausstellung im Tönisberger „Haus Baaken“ zu sehen. Die Bilder stammen von der Gruppe „fineArt365“. Deren Mitglieder sind in der Szene keine Unbekannten.

Kurzfristig aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst wurde das historische Haus Baaken am vergangenen Wochenende. Und es waren fünf Prinzen, die dafür verantwortlich waren. Unter dem Motto „Lost Places“ haben die Fotokünstler der Gruppe „fineART365“ dem seit zwei Jahren leer stehenden Haus mit einer faszinierenden Ausstellung wieder Leben eingehaucht. Über 110 Bilder aus den vergangenen acht Jahren haben sie zu diesem Thema zusammengetragen.

Sie alle künden von der morbiden Schönheit des Verfalls. Denn was der Mensch heute verlässt, erobert die Natur sich zurück. Alte Gemäuer oder Industrieanlagen werden über Jahre Spielball von Wind, Regen und Ranken, und so ergibt sich eine Symbiose von Zeit und Raum, die die Künstler in ihren Fotografien festhalten. Sie verzaubern ihre Zuschauer mit der Magie des Zurückgelassenen, das sie in aller Welt aufstöbern. Da findet man das alte belgische Herrenhaus, dessen Decke bereits herabgestürzt ist. Doch das rotsamtene Sofa, das traumverloren die Mitte des Bildes beherrscht, kündet von vergangenem Leben, ebenso die achtlos weggeworfene Puppe mitten im Schutt.

Ein Blick in ein altes belgisches Herrenhaus. Einstmals war der Raum ein stattlicher Salon, heute steht ein Sofa mitten im Schutt. Die Decke ist herabgestürzt. Foto: Norbert Prümen

Nichts arrangieren die Fotokünstler auf diesen Bildern. Sie lichten nur das ab, was sie im Augenblick sehen, und verlassen die Orte so, wie sie sie vorgefunden haben. Im ganzen Haus Baaken bis zum Dach sind die Werke ausgestellt. In der sogenannten „Opkamer“ hat man ein Klavierzimmer eingerichtet, wo nur Fotos zu sehen sind, die sich mit diesem Instrument befassen: ein Klavier, das auf der Empore eines verfallenen Hotels darauf wartet, Gäste wieder mit Musik zu erfreuen, ein Flügel in einem verlassenen Haus in Frankreich – da steht er im Entrée vor einer weißen Marmortreppe – wohin zog es den Pianisten? Darüber berichtet Michael Roettgerding.

Oft stecken traurige menschliche Schicksale hinter diesen verlassenen Plätzen. Menschen, die einst reich waren, ihr Herz an schöne Dinge hängten, Häuser, ja Schlösser bauten und dann verarmten, alles aufgeben und die Tür hinter sich zuwerfen mussten. Auch die Küche im Bauernhaus, die sich auf einem der Fotos findet, kündet von einem schnellen Aufbruch, liegen doch die zuletzt benutzten Gegenstände noch achtlos auf dem rohen Tisch. An den Fenstern jedoch schon Spinnweben wie leichte Mullgardinen. Auch verrottende Industrieanlagen wie die Tönisberger Zeche werden im Bild festgehalten. Dafür verantwortlich ist der Tönisberger Luca Platzen, der sich auch von der Magie des Zurückgelassenen fesseln lässt, ebenso wie Kai-Patric Fricke, der auch in Tönisberg zu Hause ist.

Jedes der Fotobilder trägt einen eigenen Titel, „symphonie abandonné“ (im Stich gelassene Symphonie) heißt es da im Musikzimmer, „blue mining“ beim blau getönten Foto des Förderturms oder auch „rusty smile“, wenn einen ein rostiger 50er-Jahre-Straßenkreuzer aus Blättergewirr angrinst. Viele solche verlassenen Plätze und Relikte findet man im Ausland, erzählt Michael Roettgerding, da man in Deutschland ziemlich schnell dabei ist, Ruinen abzureißen. Und so zieht es die Künstler immer wieder hinaus. Für das laufende Jahr ist eine Reise in den Osten geplant. Mit dabei ein Kameramann, der die „Lost Places“ für eine Fernsehserie festhalten wird.

Fasziniert und gefesselt ist man von diesen Bildern, die Momente festhalten, die so nie wiederkehren werden. Kein Lebewesen ist auf diesen Aufnahmen zu sehen, und dennoch erzählen sie viel über unser Leben. Lost Places – verlassen sind die Plätze, aber nicht verloren.

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