Alternativer Karneval in Emmerich: "Fastnackt" - in Jamaika sind die Narren los

Alternativer Karneval in Emmerich: "Fastnackt" - in Jamaika sind die Narren los

Alternativ-Karnevalisten zünden im Kellertheater der Seifenblase ein jeckes Feuerwerk. Nicht umsonst stehen die Besucher mehr als drei Stunden für Karten an, nicht umsonst finden mittlerweile fünf Fastnackt-Sitzungen statt - alle ausverkauft.

"Fastnackt"-Kellertheater ist Kult. Seit 1993, also seit 25 Jahren, gibt es "Fastnackt". Am Freitag fand die Premiere des Programms "Von hinten sieht et gut aus!" statt. "Premiere is so wat wie Generalprobe", erklärte Sabine Gerritschen und so gab es, zur Freude der Zuschauer, kleinere Pannen. Mal fehlte ein Text, zwischendurch wurden Regieanweisungen gerufen und auch Wiederholungen gab es, als Sabine bei einem Liedvortrag meinte: "Ich hänge, noch mal von vorne." Alles wurde souverän gemeistert. Das Publikum kam voll auf seine Kosten, denn alle lieben die bissig-hintergründigen Lieder, Sketche und Kommentare mit viel Lokalkolorit und hohem Spaßfaktor, wobei keiner der Akteure ein Blatt vor den Mund nimmt. Und nicht nur die hiesige, auch die große Politik bekam ihr Fett weg.

Im Jamaika-Outfit wurde musikalisch das Thema "Kein Jamaika" behandelt. Ernst Verwaayen riet der SPD "Wacht auf in der Opposition!" und Sabine Gerritschen erzählte, dass sie sich im September in Christian Lindner verknallt hatte und wie sie ihren Hermann dazu überredete, seinen kahlen Kopf mit einer Lindnerschen Haartracht bepflanzen zu lassen.

Und auch beim Vortrag über die durchschlagende Wirkung von Viagra wurde brüllend gelacht. Milena "Mille" Wehren und Nicole Derksen besangen in ihrem "Roots"-Song, "was so ein Kreuzchen in Amerika bewirkte". Immer wieder köstlich, wenn "Mille" die Angie hervorholt: Mit heruntergezogenen Mundwinkeln im roten "Mutti-Kostüm" hielt die "Perle aus der Uckermark" einen Dialog mit Helmut Kohl im Himmel, der ihr riet "mit Gemütlichkeit zu sondieren".

  • Emmerich : Drei Stunden Warten für "Fastnackt"

Natürlich kam die Kommunalpolitik nicht zu kurz. Männe Kotzbulsky aus Duisburg-Hamborn - alias Dieter Sickelmann - besucht seit 20 Jahren Emmerich. "Das ist eine Stadt mit hohem Suchtfaktor", sagte er. "Emmerich ist wie ein Raumschiff, eine Stadt mit Vergangenheit und Zukunft, aber ohne Gegenwart." Da schaffe man die Geburtsstation ab, um mehr Platz für die Alten zu haben. Der Neumarkt sei Trendsetter. "Nach dem Vorbild der dortigen Steinwüste gestalten die Emmericher ihre Vorgärten." Und für den dort entstandenen Wald suche man jetzt einen Stadtförster. Ludger Gerritschen beschrieb in seinem Song "Großer Schreck! Wir nehmen Euch die Schalter weg!" die Sparkassen-Situation.

Angriffe auf die Lachmuskeln startete auch immer wieder Theo Gertsen, diesmal mit einem Vortrag zum "Sitzen". "Nölen geht auch im Sitzen" stellte er fest, bevor er ein amüsantes "Gedicht über den Hintern" vortrug mit dem Resümee: "Man könnte so viel tun, doch im Sessel auszuruhn, ist auch bequem." Ur-Fastnackter Johannes Verbücheln referierte humorvoll über "eheliche Pflichten", Nicole Derksen über den Kummer mit den Männern. Es gab auch wertvolle Tipps zum "Shoppen und Sparen". "Fahrt mit dem Auto nach Arnheim, stellt Euch ins Parkverbot und lasst Euch nicht erwischen. Schon habt Ihr 90 Euro gespart, die Ihr in Klamotten investieren könnt", so Nicoles Rat.

Auf mehrere Sketche verteilt war das Schützenfest - mit "Preußens Gloria", Marschieren, Trinken, Kleiderwahl, Königsschuss und Bombendrohung, alles musikalisch begleitet von Thorsten Banning, Nicki Piefel und Benjamin Wolters. Zum Abschluss sang der Silute-Chor: "Komm doch mit nach Olympia, Russen sind diesmal gar nicht da." Nach dem über viereinhalbstündigen Angriff auf die Lachmuskeln ließ das Publikum die Fastnackt-Leute erst nach dem Kultsong "Panama" von der Bühne.

(RP)