Stadtteil Wittlaer : Ein Dorf am Rand der Stadt

Zugezogene und Alteingesessene schätzen Wittlaer vor allem für die ländliche Atmosphäre. Doch immer mehr Menschen bauen Häuser auf der Suche nach Idylle im Stadtteil – und gefährden damit seinen Charakter.

Seit gerade einmal zwei Monaten wohnt Hyunsoo Kim mit seiner Familie in Wittlaer. Geboren ist er auf der anderen Seite der Welt, in Südkorea, wo er gemeinsam mit seiner Frau im Herzen einer Metropole gelebt hat. „Wir kannten nur Hochhäuser und volle Straßen“, erzählt er von dieser Zeit. Als es Familie Kim aus beruflichen Gründen dann nach Deutschland verschlug, suchten sie einen Wohnort, wo es grüner und ruhiger ist. Acht Jahre lang lebte Kim mit seiner Familie in einem Vorort von München, lernte deutsch und machte sich mit der bayrischen Kultur vertraut. „Trotzdem gehört man als Fremder dort irgendwie nie so ganz dazu“, erzählt er.

Als er Ende Oktober dann – wiederum wegen des Berufs – nach Düsseldorf zog, wollte er die leicht ländliche Atmosphäre seiner ersten deutschen Heimat beibehalten. „Ich hatte zwei Wohnungen zur Wahl: In Golzheim und in Wittlaer. Golzheim ist näher zur Arbeit, aber Wittlaer ist einfach wunderschön, so grün und so nah am Rhein.“

Und obwohl er erst sehr kurz in Düsseldorfs Norden lebt, fühlt sich Hyunsoo Kim hier bereits besser integriert als nach acht Jahren in München. „Mein Chef lebt auch im Viertel und ist in mehreren Vereinen engagiert, er hat mich mit allem bekannt gemacht“, erzählt Kim. So habe er die koreanische Familie kurz nach ihrer Ankunft zum Martinszug im Viertel mitgenommen.

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Gemeinsam mit dem ganzen Stadtteil feierten die Südkoreaner das Martinsfest traditionell mit bunten Laternen. Im ländlichen Wittlaer komme man schneller in Kontakt als in der Innenstadt. „Die Menschen in Düsseldorf sind sehr offen und kontaktfreudig“, findet der Zugezogene. Das hat er weder in Bayern noch in Korea erlebt.

Foto: Endermann, Andreas (end)

Ute Zinken lebt seit fast 40 Jahren in Wittlaer. Die 76-Jährige erinnert sich noch an ihren ersten Karneval im Stadtteil. „Wir haben in der Schule meiner Kinder gefeiert, und eine andere Mutter kam zu mir und sagte: So viel Gemeinschaft gibt es hier nicht immer.“ Und, so stellt Ute Zinken in den nächsten Jahren fest, das stimmt.

„Wittlaer ist eben doch nicht das rheinische Dorf, wo jeder mit jedem per du ist. Man kann hier integriert werden, aber man muss etwas dafür tun und aktiv werden.“ Und das hat die Seniorin getan, heute ist sie Vorstand des örtlichen Kulturkreises. Sie mag ihren Stadtteil, beobachtet seine Entwicklung jedoch mit einem Stirnrunzeln: „Früher war es sehr ländlich, und das hat viele Menschen angelockt, vor allem junge Familien ziehen hier her“, berichtet Zinken. Und je mehr Häuser gebaut würden, desto mehr verliere der Ort das ländliche Flair, das nur noch wenige Randbezirke von Düsseldorf vorweisen.

„Es ist nicht so, dass die Neu-Wittlaer sich nicht mehr um das Dorf kümmern würden, im Gegenteil, sie bringen sich aktiv in die Gemeinschaft ein, die Brauchtumspflege im Sommer und im Winter wird intensiv betrieben“, sagt die 76-Jährige. Aber trotzdem: „Heute an den Haltestellen, da steigen so viele Menschen aus der Straßenbahn aus, das gab es früher überhaupt nicht“. Für Zinken ist der einzigartige Charakter ihrer Heimat in Gefahr, obwohl es gerade die dörfliche Atmosphäre und die grüne Umgebung sei, die die Neuankömmlinge suchen. „Und zum Wohle von Wittlaer muss genau das erhalten bleiben“, sagt Ute Zinken. Dominik Schneider