Brigitte Lehnert: Die Special Olympics kennen viele Sieger

Brigitte Lehnert : Die Special Olympics kennen viele Sieger

Die Präsidentin des Organisationskomitees spricht über die nationalen Meisterschaften für geistig Behinderte in Düsseldorf.

Frau Lehnert, erklären Sie doch mal in wenigen Worten, was Special Olympics Deutschland ist.

Brigitte Lehnert Special Olympics Deutschland ist die Sportorganisation für Menschen mit geistiger Behinderung, die regelmäßig trainieren, sich verbessern und ihre Leistungen in Wettbewerben zeigen. Gegründet wurde die Organisation in Deutschland 1991, die ersten nationalen Sommerspiele fanden 1998 statt.

Welches Ziel verfolgt Special Olympics?

Lehnert Menschen mit geistiger Behinderung sollen, wie Sie und ich, ihre Freizeit selbstbestimmt gestalten. Sie sollen eine Sportart wählen, die ihnen Spaß macht und in der sie sich weiterentwickeln können. Im Moment gibt es 40 000 aktive Athleten. Wir hoffen aber, dass sich in den nächsten Jahren die Zahl verdoppelt.

Wer hatte die Idee, eine Sportorganisation für Menschen mit geistiger Behinderung zu gründen?

Lehnert In den USA gibt es die Organisation seit 1968. Die Kennedy-Familie hat sie ins Leben gerufen. Die älteste Schwester von John F. Kennedy war geistig behindert. Die sportbegeisterte Familie hat das Mädchen aber wie selbstverständlich an allen sportlichen Ereignissen teilhaben lassen.

Und wie kam die Organisation dann nach Deutschland?

Lehnert Einrichtungen wie Werkstätten und betreutes Wohnen gab es in Deutschland schon lange, aber eben keine Sportangebote. Dabei hat auch hier rund ein Prozent der Bevölkerung eine geistige Behinderung. Einige Leiter dieser Einrichtungen haben das Konzept aus den USA nach Deutschland gebracht. Daraus ist Special Olympics Deutschland entstanden — übrigens die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, die vom Olympischen Komitee offiziell anerkannt ist.

Apropos Olympisches Komitee — alle vier Jahre werden neben den Olympischen Spielen auch die Paralympics ausgetragen. Wie unterscheiden sich die Special Olympics von diesen Sportereignissen?

Lehnert In erster Linie darin, dass es nicht den einen Sieger gibt. Die Athleten werden in homogene Leistungsklassen unterteilt. Beim 100-Meter-Lauf würde es keinen Sinn machen, einen Sportler, der die Distanz in 15 Sekunden schafft gegen einen Athleten antreten zu lassen, der im Schnitt 30 Sekunden benötigt. Innerhalb der Gruppen werden aber die Sieger ermittelt, für die ersten drei gibt es dann auch eine Medaille, aber auch alle anderen werden mit einer Schleife geehrt.

Was ist das Besondere an der Arbeit mit geistig behinderten Sportlern?

Lehnert Sie sind fair und haben absoluten Respekt füreinander. Natürlich haben sie auch den notwendigen Sportsgeist, aber sie sind nicht so verbissen.

Also nicht siegen um jeden Preis?

Lehnert Es kommt nicht unbedingt darauf an, ob sie eine Medaille gewinnen, die meisten freuen sich über die individuelle Leistung, die persönliche Verbesserung, die Anerkennung. Ebenso gibt es Tränen, wenn ein Athlet nicht an seine gewohnten Leistungen anknüpfen konnte. Aber alles ganz unverfälscht.

Gibt es auch Herausforderungen, vor denen Sie stehen, oder Schwierigkeiten?

Lehnert Natürlich ist in vielen Sportarten das Regelwerk ein bisschen anders. Die Sportler müssen begleitet werden, damit sie sich auf dem Weg zum Start oder zur Siegerehrung nicht verlaufen. Andere brauchen einen besonderen Zuspruch. Aber das sind keine echten Schwierigkeiten. Einige Sportler sind Mitglied in Inklusions-Sportvereinen. Und auch dort funktioniert es.

Frau Lehnert, Sie engagieren sich seit 13 Jahren ehrenamtlich für die Special Olympics. Wie sind Sie zum Verband gekommen?

Lehnert Ein Freund aus den USA hat mich sozusagen rekrutiert. Und ich wollte mich im sozialen Bereich engagieren.

Hat Sie Ihr Ehrenamt verändert?

Lehnert Die wichtigste Veränderung ist, dass ich jetzt weniger Wert auf den persönlichen Erfolg lege. Es gibt sehr viel mehr als den finanziellen und den beruflichen Erfolg. Ich arbeite für die Sache, die Special Olympics, die Athleten. Und das erfüllt mich.

Das heißt?

Lehnert Man denkt nicht mehr so sehr ich-bezogen. Die Arbeit mit geistig behinderten Menschen ist so unverfälscht, und ich bekomme das zurück, was ich gebe. Vor allem die Freude, die wir mit den Sportlern teilen, ist besonders schön. Auch wenn manche Menschen das nicht verstehen können.

Meinen Sie Berührungsängste?

Lehnert Ja. Viele haben Angst davor, etwas falsch zu machen. Sie fragen sich, wie sie mit Menschen mit geistiger Behinderung umgehen sollen und ob sie geduldig genug dafür sind.

Kann man etwas falsch machen?

Lehnert Eigentlich nicht. Nur die Ungeduld sollte man ablegen und die Menschen so nehmen, wie sie sind. Es gibt viele unberechenbare Momente, wenn einem die Athleten plötzlich um den Hals fallen wollen oder anfangen zu weinen. Das war auch für mich ein längerer Lernprozess.

Stichwort Lernprozess — was haben Sie in den Jahren gelernt?

Lehnert Dass der Erfolg, den wir mit unserer Arbeit haben, an die Sache bindet. Ein Bund fürs Leben sozusagen. Inzwischen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, irgendwann mal aufzuhören.

Kann man den Erfolg der vergangenen Jahre messen?

Lehnert Als ich angefangen habe, hatten wir eine Vollzeit- und eine Teilzeitstelle besetzt. Jetzt sind es schon 15 Mitarbeiter, die sich um die Organisation kümmern. Wir haben eine rasante Entwicklung vom kleinen Verein zu einem großen Verband erlebt.

Dann nennen Sie uns doch bitte zum Abschluss etwas, dass in diesem Sinne die Spiele auszeichnet.

Lehnert Ich habe gemerkt, dass man nicht alles durchchoreografieren kann, man Dinge einfach mal zulassen muss. Wenn die Athleten plötzlich aufstehen und mittanzen wollen, dann sollen sie aufstehen und mittanzen. Und wenn die Radfahrer mitten im Wettkampf plötzlich stehenbleiben, weil die Zuschauer klatschen und sich die Sportler verbeugen — das ist toll.

NICOLE SCHARFETTER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(esc)
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