Cold-Case-Ermittler in NRW „Wie eine Zeitreise in die Vergangenheit“

Düsseldorf/Essen · Viele Morde sind in Nordrhein-Westfalen noch ungeklärt. Immer wieder finden Kripobeamte bei diesen Cold Cases neue Ermittlungsansätze. Bei ihrer Arbeit werden sie von 28 Mordermittlern im Ruhestand unterstützt.

 Viele Morde sind in NRW ungklärt.

Viele Morde sind in NRW ungklärt.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Dustin Wisnewski war ein Kind oder noch gar nicht geboren, als sich viele der ungeklärten Mord- und Vermisstenfälle ereignet haben, die der 35-jährige Fahnder der Kripo Essen heute bearbeitet. „Ich finde in alten Ermittlungskisten Zeitungen, Zigaretten und Asservate von damals – aus den 80er Jahren. Das ist total spannend“, sagt der Cold-Case-Ermittler. Es sei wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Wisnewski arbeitet schon seit fünf Jahren an lange zurückliegenden ungeklärten Kriminalfällen, den sogenannten Cold Cases. Dazu gehört auch der Fall der 20-jährigen Cindy Koch, einer alleinerziehenden Mutter, die am 9. August 1997 mit einer Freundin in der Oberhausener Diskothek Turbinenhalle gefeiert hat und am Morgen danach mit mehreren Messerstichen ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden worden ist. Ihren Mörder, so vermutet es die Polizei, habe sie vermutlich in der Disko kennengelernt. Wisnewski geht nicht davon aus, dass sich Täter und Opfer schon vorher kannten, ein Abgleich der Täter-DNA mit Menschen aus Kochs Umfeld hat keine Übereinstimmung ergeben.

Kapitaldelikte wie Morde werden eigentlich in den meisten Fällen von der Polizei aufgeklärt – die durchschnittliche Aufklärungsquote liegt bei weit über 90 Prozent. „Das ist schon viel. Es heißt aber auch, dass im Jahr ein bis zwei Fälle pro Kriminalkommissariat nicht sofort aufgeklärt werden. Und im Laufe der Jahre kommen dann pro Polizeibehörde schon einige solcher Fälle zusammen“, sagt Essens Kripobeamter Ralf Menkhorst.

Nach Angaben des NRW-Innenministeriums sind von den mehr als 1143 ungeklärten Tötungsdelikten seit 1970 804 dank vollständiger Akten in die engere Auswahl für neue Ermittlungen gekommen und 323 bereits vollständig digitalisiert worden. Von diesen seien wiederum bereits 167 neu analysiert worden. Dabei hätten sich in 115 Fällen neue Ansätze ergeben. Um diese Zahl an Fällen bearbeiten zu können, sind 28 Mordermittler aus dem Ruhestand zurückgekehrt; sie kümmern sich nun ausschließlich um diese ungeklärten Fälle.

Einer von ihnen ist Berthold Kunkel. Der ehemalige Leiter des Kriminalkommissariats 11 in Gelsenkirchen zählt zu den neuen Cold-Cases-Unterstützungskräften des Landeskriminalamtes in NRW. Und Kunkel ermittelt auch schon. „Mir wurden Fälle zugewiesen. Ich lese mich ein, betrachte alle Aspekte intensiv“, sagt er. „Bisher habe ich schon neun Fälle bearbeitet und entsprechende Gedanken beziehungsweise Notizen gemacht“, sagt er. An welchen Fällen er konkret sitzt, darf er nicht sagen; die möglichen Täter sollen nicht vorgewarnt werden. „Ich glaube, dass sich aber der ein oder andere Täter freiwillig melden wird, um sich von der Last zu befreien“, sagt er.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärt: „Vielleicht gibt es neue Erkenntnisse oder neue Techniken, vielleicht auch neue Rechtsgrundlagen, weshalb es sich lohnt, einen Fall wieder aufzurollen. Schließlich haben die Angehörigen ein Recht darauf, dass diese Fälle aufgeklärt werden, wenn es eine neue Spur gibt.“ Diese Einschätzung teilt auch Kunkel: „Angehörige von Vermissten leiden bis heute, sie wollen wissen, was passiert ist.“ Mordermittler Berthold Kunkel weiß, dass Angehörige von Mordopfern oder Vermissten den Verlust auch nach Jahrzehnten nicht überwunden haben: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, eine Klarheit zu schaffen, sodass die Angehörigen wissen, was damals passiert ist.“

Dustin Wisnewski hofft im Fall der ermordeten Cindy Koch auf neue Zeugenhinweise. Er hat sich auch schon an die Fernsehsendung Aktenzeichen XY gewandt.

(csh)
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