Der Weihnachtsmarkt in Dresden ist einer der schönsten

Wohin zu den Festtagen? : Märchenhafte Weihnachtszeit in Sachsen

Auf dem Striezelmarkt in Sachsens Hauptstadt entfaltet der Advent ebenso seinen Zauber wie auf Schloss Moritzburg, Drehort des „Märchenfilms des Jahrhunderts“.

Selbst im Winter, wenn die umliegenden Teiche zu Eis gefroren sind, posieren einige Touristinnen barfuss am Märchenschloss. Die Mädchen und Frauen lassen sich fotografieren, während sie an der Treppe auf der Ostseite von Schloss Moritzburg ihr Idol imitieren: Libuse Safrankova. Auf dieser Treppe eilte der Star aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ weg vom Ball des Prinzen und verlor dabei einen Schuh. Der Prinz ritt ihr hinter her und als er sie später erreichte, musste er drei Rätsel lösen, bevor er seine auserwählte Braut in die Arme schließen konnte.

Die Treppe entwickelt sich allmählich zu einer Kultstätte. Liebende machen sich sogar Heiratsanträge an der Stelle, wo im Winter 1972/73 die Außenaufnahmen des „Märchenfilms des Jahrhunderts“ gedreht wurden. In Anlehnung an das Märchen Aschenputtel entstand eine geniale tschechisch-deutsche Koproduktion unter Regisseur Vaclav Vorlicek, mit Pavel Travnicek in der Rolle des Prinzen und der wunderbaren Libuse Safrankova als Mädchen Aschenbrödel. Das Schloss ist ein Barockjuwel in Ocker und Weiß, mit vier dicken, runden Ecktürmen, gebaut auf einer Granitkuppe inmitten einer Teichlandschaft. Sein heutiges Aussehen erhielt es ab 1723. August der Starke hatte für die Gestaltung den Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann beauftragt, der auch den Dresdner Zwinger entwarf.

Jedes Jahr im Winter dreht sich in dem prunkvollen Gebäude alles um Aschenbrödel. Bis zum 1. März läuft eine Ausstellung zum Film: mit Originalkostümen, Kulissenmodellen, Fotos und Videos zur Entstehung von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Ein Geheimnis sei schon verraten: Mangels echten Schnees während der Dreharbeiten, dekorierte die Filmcrew die Landschaft mit Fischmehl winterlich.

Beim Mitmachtheater im Schloss können Kinder in historischer Kleidung Filmszenen nachspielen. Im Märchenkino wird der Film auf Deutsch und ein paar Mal in der Tschechischen Fassung („Tři oříšky pro Popelku“) gezeigt, in der Karel Gott zur Filmmusik singt. Ein anderer Bilderstreifen dort im Programm, „Die Geschichte vom Pferd Nikolaus“, porträtiert Aschenbrödels gutmütigen Freund, den Schimmel Nikolaus. Am dritten Adventswochenende lädt schließlich ein Weihnachtsmarkt auf die Schlossinsel.

15 Kilometer weiter südlich strahlt Dresdens barocke Residenzsilhouette an der Elbe in weihnachtlichem Glanz: der mit Heiligenfiguren geschmückte Turm der Hofkirche, die Semperoper und ihre Quadriga mit Dionysos und Ariadne, der Zwinger und seine Turmzwiebel mit goldener Königskrone, der Engel auf dem gläsernen Dach der Kunstakademie und die alles überragende, anmutige, absolute Kuppel der wieder aufgebauten Frauenkirche. „Ich mußte, was schön sei, nicht erst aus Büchern lernen. Nicht in der Schule, und nicht auf der Universität. Ich durfte die Schönheit einatmen wie Försterkinder die Waldluft“, schrieb Erich Kästner in seinen Lebenserinnerungen über seine Heimatstadt Dresden.

Heiß begehrt ist in der Sächsischen Hauptstadt der Brauch, im Advent nicht nur einen Schuh abzustreifen, sondern die komplette Bekleidung, um splitternackt auf dem Weihnachtsmarkt zu sechst im heißen Wasser eines hölzernen Zubers zu planschen. Jedenfalls ist diese Attraktion der „Mittelalter-Weihnacht im Stallhof“ bereits Wochen vor Beginn so gut wie ausgebucht. Gleichzeitig wird der Innenhof des nahen Hotels Taschenbergpalais Kempinski Dresden in eine Eislauffläche verwandelt.

Ein riesiger Schwibbogen aus dem Erz­gebirge ist das weithin sichtbare Wahrzeichen des Dresdner Striezelmarkts, des Haupt-Weihnachtsmarkts der Stadt. Ein solcher Holzbogen mit aufgesetzten Kerzen gehört in kleiner Ausführung zu den Verkaufsschlagern der Kunsthandwerker aus dem Erzgebirge in Sachsen und symbolisiert ursprünglich den Himmelsbogen und die Sehnsucht der Bergleute der Region nach (Sonnen-)Licht, das sie in der dunklen Jahreszeit kaum sahen, wenn sie von morgens bis abends unter Tage schufteten.

Es gibt Lebkuchen aus der Pfefferkuchenstadt Pulsnitz, nordöstlich von Dresden, und Pflaumentoffel, Glücksbringer aus 14 getrockneten und gebackenen Pflaumen in der Figur eines Schlotfegerjungen. An einem großen Adventskalender öffnet der Weihnachtsmann persönlich täglich eine Tür, gemäß dem Motto: Selbst ist der Weihnachtsmann.

Der Name Striezel meint den berühmten Dresdner Rosinenstollen. Dresdner Stollen ist mit dem EU-Siegel als geografische Herkunftsbezeichnung geschützt und darf nur in der Landeshauptstadt und einem engen angrenzenden, streng definierten Gebiet gebacken werden. Darüber wacht der Schutzverband Dresdner Stollen.

Von den Auszubildenden in den Mitgliedsbetrieben des Schutzverbandes wird alljährlich ein „Stollenmädchen“ gewählt. „Ich verbinde mit ihm die schönsten Weihnachtserinnerungen“, sagt Hanna Haubold, angehende Konditorin bei der Bäckerei Wippler und derzeitige Botschafterin des Traditionsgebäcks, „der Dresdner Christstollen ist für mich eine Herzenssache“.

Mehr von RP ONLINE