Kloster Eberbach - Warum Wein-Tradition und Rheingau Musik Festival Touristen anlocken

Wein und Musik im Kloster Eberbach : Zum Wohl

Kloster Eberbach ist nicht nur durch den Film „Der Name der Rose“ berühmt. Dort gibt es auch einen famosen Riesling und das feine Rheingau Musik Festival. Jährlich pilgern Zehntausende zu dem ehemaligen Zisterzienserkloster.

Als es William von Baskerville allmählich dämmerte, wer hinter den Morden in dieser sagenumwobenen Benediktinerabtei in Apulien steckte, war draußen ebenfalls die Dämmerung eingetreten. Das Licht war nun ungünstig, der Drehtag ging dem Ende entgegen, William von Baskerville zog die Kapuze seiner Mönchskutte hoch, weil er fror, ging durch eine Tür und war jetzt wieder Sean Connery. Hinter der Tür stand lachend Günter Ringsdorf und hielt ihm ein Glas Riesling entgegen.

„Der Name der Rose“ ist als Film ein Bluff mit Weltwirkung. Jene Benediktinerabtei gab es gar nicht, sie stand als riesige Attrappe auf einem Hügel vor Rom. Alle Innenaufnahmen hingegen wurden in Kloster Eberbach im Rheingau gemacht, in jenen 1980er Jahren, da Ringsdorf dort Betriebsleiter war. Das Zisterzienserkloster ist seit 1803 entweiht, trotzdem nennen Ringsdorf alle im Rheingau „den letzten Abt von Eberbach“. Ohne seine Einwilligung hätte es den Film nicht gegeben, das wusste jeder; Bernd Eichinger, der Produzent, wusste es, ebenso Jean-Jacques Annaud, der Regisseur, und Connery auch. Sie hatten ein herzliches Verhältnis zueinander, die Künstler und ihr Türöffner.

Seitdem ist Kloster Eberbach endgültig ein touristisches Ziel, das viele Menschen in den Rheingau zieht. Ähnlich dem Bayreuther Festspielhaus befindet es sich auf einem grünen Hügel, mitten im Wald, uneinsehbar für die Welt, doch besitzt Abgeschiedenheit ja magnetische Eigenschaften. Wer den Wald wieder verlässt und Richtung Tal fährt, sieht die geografische Einzigartigkeit im Panoramablick vor sich. Unten strömt der Rhein von Ost nach West, das verschafft den Weinbergen mächtige Besonnung. Auch das erhabene Schloss Johannisberg ist ein Imperium des Weinbaus. Im Tal darunter hocken Winzer, zu denen die Connaisseure aus aller Herren Länder reisen, um nach finanzieller Transaktion in spiritueller Erwartung, mit Kisten und Kartons beladen, wieder nach Hause zu fahren.

Die Säkularisierung als Folge der französischen Revolution hat das Kloster nicht wirklich erschüttert. Weinbau hatten die Mönche und Laienbrüder seit der Gründung im Jahr 1136 immer betrieben, sie lebten und arbeiteten dort oben in vergnügter Zielstrebigkeit und einer hochlöblichen Infrastruktur, wovon noch heute zahllose Räume künden: das Dormitorium als Schlafraum, das Refektorium als Mensa, die Gewölbe mit Kelterpressen, die Krankenräume, Kabinette, Kapellen, Klausuren, der wunderbare Kreuzgang, die Bibliothek und die Wirtschaftsgebäude, alles umgeben von Gärten und dem früheren Abtshaus. Im Zentrum aber stand und steht eine romanische Basilika, die mittlerweile vollständig entkernt ist und Platz für 1400 Besucher bietet.

Günter Ringsdorf wird liebevoll der „letzte Abt von Eberbach“ genannt. Er betreute als dortiger Betriebsleiter die Filmaufnahmen zu „Der Name der Rose“. Foto: Keller, Christiane

Neben dem Weinverkauf und dem cineastischen Tourismus hat sich Kloster Eberbach zum prachtvollen Tagungszentrum gemausert, das nicht nur von Bankiers aus dem nahen Frankfurt, sondern von vielen Unternehmen aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern in Anspruch genommen wird. Die „Stiftung Kloster Eberbach“, die mittlerweile von Ringsdorfs Nachfolger Martin Blach geführt wird, hat neulich einen Jahresumsatz von 4,2 Millionen Euro erwirtschaftet, der aber konsequent für die Renovierung und Instandhaltung genutzt wird. Blach nennt das „Tagen für den guten Zweck“. Trotzdem sei die Arbeit „ein permanenter Kraftakt“.

Einige Wochen Missmut gab es, als Blach Parkgebühren für das Klostergelände einführte. Der studierte Theologe – der nicht aus dem Rheingau stammt, was nur kurz als Makel auf ihm lastete – entzaubert jeden Argwohn aber durch seine Argumente („jetzt profitiert der öffentliche Personennahverkehr und somit unser Klima“) und durch die eindringliche Natürlichkeit seiner Gesinnung. „Wir alle, die wir Kloster Eberbach Tag für Tag besuchen, spüren, dass die Wände mit uns leben und zu uns sprechen“, sagt er. Von alter klösterlicher Gastfreundschaft kündet noch heute der Wahlspruch der Abtei, der lautet: „Porta patet, cor magis“ – unsere Tür steht offen, mehr noch unser Herz.

Man sollte übrigens nicht glauben, dass der ganze Kulissen- und Requisitenzauber der Dreharbeiten noch aufbewahrt wird. Nur ein paar Ständer und Tafeln erinnern an die aufregenden Tage, da Filmstars wie Sean Connery, Christian Slater oder F. Murray Abraham ihre Präsenz mit dem Raunen der Wände von Kloster Eberbach vermählten. Allerdings hat Ringsdorf, der Pfiffikus, dafür gesorgt, dass in einem Raum über der Krankenstation ein winziges Kino eingebaut wurde, in dem das „Making of“ des Films demonstriert wird, erweitert um O-Töne des eloquenten Betriebsleiters.

Wer sich mit Ringsdorf unterhält, kommt nicht umhin zu begreifen, dass er die Weinbau-Tradition von Eberbach perfekt versinnlicht hat. Seit 1982 gibt er Seminare in Wein-Sensorik an der Hochschule in Geisenheim. Ringsdorf weiß auch, wo noch heute die Wein-Raritäten im Kloster zu finden sind. Um das Jahr 1500 wurde die ehemalige Fraternei, der Arbeitsraum der Laienbrüder, zum Weinkeller und diente als „Schatzkammer“ für besonders wertvolle Weine. Diese Schatzkammer wurde als „Cabinet“ bezeichnet. Davon leitet sich die heute im Weingesetz verankerte Prädikatsbezeichnung „Kabinett“ ab (deutlich über 70 Oechsle).

Absolut hochprozentig geht es in Kloster Eberbach und Umgebung alljährlich im Sommer zu, wenn Mitte Juni das Rheingau Musik Festival beginnt, das die Region und ihre feinsten Veranstaltungsorte zweieinhalb Monate lang bespielt. Dieses Festival darf zu den schönsten in Europa gezählt werden, was längst auch die Künstler wissen. In diesem Jahr verschlug es unter anderem die Pianisten Daniil Trifonov und Grigory Sokolov, die Jazzer Nils Landgren und Curtis Stigers, die Geiger Hilary Hahn und Frank Peter Zimmermann, die Sopranistin Christiane Karg, den Bariton Christian Gerhaher oder das London Symphony Orchestra unter Simon Rattle in den Rheingau. Daneben Künstler des Fado, Pop, Kabarett oder fahrende Musiker in Weingütern: Das ist ein multikulturell-brüderliches Feuerwerk, bei dem jeder ins Staunen gerät. Steuergelder – darauf ist Intendant Michael Herrmann besonders stolz – verschlingt das Festival übrigens nicht. Die Auslastung liegt bei 93 Prozent, die Eigenfinanzierungsquote beim Gesamtetat von acht Millionen bei 99,7 Prozent; 45 Prozent steuern die Sponsoren bei, der Rest stammt aus den Einnahmen der Konzertkarten.

Ann Hallenberg (Mezzosopran) und das Gabrieli Consort unter Paul McCreesh in der Basilika von Kloster Eberbach. Foto: Keller, Christiane

Bachs h-Moll-Messe in Kloster Eberbach unter Paul McCreesh mit dem Gabrieli Consort war – als Finale des Rheingau Musik Festivals – ein Erlebnis, von dem der Zuhörer noch lange zehrt: so intensiv, so glasklar schwingend, so dramatisch, doch keine Sekunde rabiat brexithaft. Alles zu unserem Wohl und zugleich gottesnah, obwohl Eberbach, wie gesagt, seit zwei Jahrhunderten kein geistlicher Ort mehr ist. Aber der Heilige Geist weht bekanntlich, wo er will – und in Kloster Eberbach unterhält er immer noch eine seiner ehrwürdigsten Bodenstationen, nicht nur im Weinkeller.

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