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ESC 2021: Italien siegt – und Deutschland rutscht ab

Måneskin gewinnt für Italien : Mit Festival-Rock zum ESC-Sieg

Die italienische Band Måneskin hat den Eurovision Song Contest 2021 gewonnen. Das lag vor allem am Abstimmverhalten der europäischen Fernsehzuschauer. Show und Ergebnis zeigen, wie viel musikalische Vielfalt Europa mittlerweile zu bieten hat.

Als es geschafft war, liefen bei den Siegern zunächst die Tränen. Vor allem Schlagzeuger Ethan Torchio sah so aus, als sei ihm gerade etwas geschehen, was er selbst nicht versteht. Als Sänger Damiano David wenige Minuten später die ESC-Siegertrophäe entgegennahm, wirkte er im Vergleich schon deutlich gefasster. „We just want to say, to whole europe, to the whole world: Rock 'n' Roll never dies“, rief er von der Bühne der Ahoy-Arena in Rotterdam.

Rockmusik wird niemals sterben. Eine treffendere Botschaft hätte es nach diesem ESC 2021 nicht geben können, der mit einem so vollkommen untypischen Sieger endete. Der italienischen Band Måneskin gelang am Samstagabend etwas, das zuvor nur Lordi 2006 für Finnland geschafft hatten: Sie gewannen mit einen Rocksong den Eurovision Song Contest. Doch anders als Lordi, die zwar mit harten Klängen und Gruselmasken aufgefallen waren, aber doch eher Schlager mit Gitarren abliefertern, ist der diesjährige Siegertitel „Zitti e buoni“ (auf Deutsch: „Leise und brav“) viel eher Festival- als ESC-Hit. Der Beitrag und der wilde Auftritt der Band waren allerdings so gut, dass sie auch die sonst eher Pop-affinen ESC-Zuschauer von sich überzeugten. Erstmals seit 1991 findet der Wettbewerb im kommenden Jahr wieder in Italien statt.

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Dass die Italiener ihren dritten ESC-Sieg feiern konnten, lag an den europäischen Fernsehzuschauern. Während die Fachjurys mehrheitlich die starken Balladen aus der Schweiz (Gjon’s Tears mit „Tout l’univers“) und Frankreich (Barbara Pravi mit „Voilà“) vorne sahen, gewann Måneskin deutlich die Publikumsabstimmung. Frankreich wurde am Ende Zweiter, die Schweiz Dritter. Vierter wurden Dadi Freyr og Gagnamagnid („10 Years“) für Island, die wegen eines Corona-Falls in der Band nur mit einem Probenvideo teilnehmen konnten. Dass das Publikum in diesem Jahr eher härtere Klänge bevorzugte, bewiesen auch die Beiträge aus der Ukraine und Finnland. Go_A landeten mit ihrer dystopisch anmutenden Electro-Nummer „Shum“ auf dem fünften, die finnischen Hardrocker Blind Channel auf dem sechsten Platz. Beide Beiträge hatten die Jurys deutlich schlechter eingestuft. Enttäuschend lief der Abend hingegen für Destiny aus Malta. Mit ihrem kraftvoll vorgetragenen Popsong „Je Me Casse“ war sie als Wettfavoritin nach Rotterdam angereist. Vor allem beim Publikum war sie als Vierzehnte jedoch weit von den Spitzenplätzen entfernt. Mithilfe der Jurys wurde sie zumindest Siebte.

Der deutsche Teilnehmer Jendrik sammelte in Rotterdam mit seiner offenen und sympathischen Art viele Pluspunkte bei Presse und Konkurrenz. Das Ergebnis war hingegen eine große Enttäuschung. Wie die letzten deutschen ESC-Teilnehmer S!sters erhielt er vom Publikum null Punkte. Ein Schicksal, das neben ihm auch die Beiträge aus der Niederlande, Spanien und Großbritannien ereilte. Mit mageren drei Jury-Punkten reichte das vor dem punktlosen Briten James Newman („Embers“) nur zum vorletzten Platz. Dass er es trotz eines bunten und fröhlichen Auftritts mit seiner Gute-Laune-Nummer „I Don’t Feel Hate“ in einem äußerst starken Teilnehmerfeld schwer haben würde, hatte sich bereits in den Tagen vor dem Finale abgezeichnet.

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Chancenlos war in diesem Jahr auch ein altes ESC-Erfolgsrezept: Viel Haut, schnelle Beats und perfekte Choreographie. Das musste auch die hochambitionierte zypriotische Teilnehmerin Elena Tsagrinou mit ihrem „El Diablo“ erfahren. Für sie reichte es nur zu Platz 16. Ähnliche Konzepte aus Moldau (Platz 13), Serbien (15), Israel (17) und Aserbaidschan (20) scheiterten ebenfalls deutlich. Für San Marino reichte es trotz des eigens engagierten US-Rappers Flo Rida sogar nur für Platz 22. Die Zeit, in der eher unspirierte Up-Tempo-Songs den ESC gewannen, scheint endgültig vorbei. Auch das war eine Botschaft des musikalisch so vielfältigen Wettbewerbs in Rotterdam.

Der ESC 2021 war ein großer Corona-Modellversuch. Delegationen aus 38 Nationen kamen für zwei Wochen im Hochinzidenz-Gebiet von Rotterdam zusammen, um für den Wettbewerb zu proben. Lediglich die im Halbfinale ausgeschiedenen Australier reisten nicht in die Niederlande, sondern nahmen nur per Video teil. Bei den Halbfinal- und Finalshows waren jeweils 3500 Zuschauer in der Ahoy-Arena – zwar getestet, aber ohne Abstand und Maske. Ganz reibungslos lief das nicht. Neben den isländischen Teilnehmern konnte auch Duncan Laurence, der Sieger von 2019, nach einem positiven Corona-Test nicht live im Finale auftreten.

Nach der merkwürdigen Darbietung von Madonna in Tel Aviv 2019 setzten die Verantwortlichen in diesem Jahr für die Pausenacts zwischen Teilnehmern und Punktevergabe auf viel ESC-Prominenz. Das zeigte sich in zahlreichen Einspielern und einem aufgezeichneten Auftritt über den Dächer von Rotterdam, bei dem mit Lenny Kuhr (1969), Teach-In (1975), Sandra Kim (1986), Helena Paparizou (2005), Lordi (2006) und Måns Zelmerlöw (2015) gleich sechs ESC-Gewinner Teile ihrer Siegersongs darboten.

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Am Ende sind es vor allem zwei Botschaften, die von diesem ESC 2021 in Rotterdam nachhallen werden: Die Zeiten, in denen ESC-Sieger immer gleich klangen, sind vorbei. Wer in Europa triumphieren will, braucht eine starkes Lied und eine überzeugende Performance. Ob mit italienischem Rock wie in diesem Jahr, einer englischsprachigen Ballade wie der Niederländer Duncan Laurence 2019 oder sogar Jazz wie beim portugiesischen Sieger Salvador Sobral 2017, ist zweitrangig. Und: Live-Musik vor Zuschauern scheint rund ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie wieder möglich. Sollte sich beides auf Dauer bestätigen, sind das schon einmal nicht die schlechtesten Nachrichten.

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