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ESC 2021: Jendrik Sigwart ist Kandidat für Deutschland - Portrait

Deutschlands ESC-Teilnehmer Jendrik Sigwart : Der Selfmade-Kandidat

Jendrik Sigwart tritt am Abend für Deutschland beim ESC in Rotterdam an. Anders als seine Konkurrenten hat der 26-Jährige nicht nur seinen Song „I Don’t Feel Hate“ selbst geschrieben, sondern auch das Musikvideo produziert.

Damit Jendrik Sigwarts großer Traum in Erfüllung ging, brauchte es 18 Waschmaschinen, zwölf Fake-Kuchen, zwölf Farbkanonen und fünf anstrengende Tage im Schnittraum. Dann war das Musikvideo fertig, mit dem sich der 26-jährige Hamburger gerade noch rechtzeitig beim NDR bewarb. Und das mittlerweile bei Youtube mehr als 1,5 Millionen Mal gesehen wurde. Seit bekannt wurde, dass er mit „I Don’t Feel Hate“ Deutschland beim Eurovision Song Contest 2021 vertreten wird.

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Beim ESC, Europas schrillem Musikwettbewerb, hat sich schon so manche verrückte Geschichte abgespielt. Jendriks geht so: Der hauptberufliche Musicaldarsteller schreibt einen Song und entscheidet: „Der gehört zum ESC“. Er plant ein Musikvideo, trommelt ein paar Kollegen zusammen und berichtet davon in den Sozialen Medien. Auch darüber, wie er mit seinen Bewerbungsversuchen zunächst scheitert. Eine fremde Person mit angeblichem Kontakt zum in Deutschland für den Wettbewerb zuständigen NDR meldet sich. Jendrik schickt ihm seinen Song, dreht das Video unter Zeitdruck fertig und gewinnt das interne Auswahlverfahren. Am 22. Mai wird er live in Rotterdam auftreten. Bis zu 200 Millionen Menschen werden weltweit zusehen.

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„Das stressigste war die Zeit vor dem 1. Dezember“, sagt Jendrik. An diesem Tag fiel die Entscheidung, wer Deutschland in Rotterdam vertritt. Zuvor war er gegen andere Kandidaten in einem internen Finale angetreten. Nun wurde ihm die Energie bewusst, die er eineinhalb Jahre lang in das Projekt gesteckt hatte. „Ich dachte, wenn ich es jetzt nicht bin, dann werde ich erstmal in ein tiefes Loch fallen“, sagt er. Er wurde es.

Während sich andere Länder auch in diesem Jahr ganze Autoren- und Produktionsteams einkaufen, fällt „I Don’t Feel Hate“ schon durch seine Entstehungsgeschichte auf. Jendrik hat den Song selbst geschrieben und produziert. Musikalisch ist der Beitrag schwer einzuordnen. Jendrik spielt die Melodie auf einer mit Glitzersteinen besetzten Ukulele und singt dazu, dazwischen gibt es mehrfach einen deutlich härteren Ausrast-Teil. Es wird viel getanzt und sogar gesteppt. „Ich glaube, er sticht heraus, weil er nicht so ein typischer Popsong ist, der im Radio gespielt wird, sonders anders“, sagt Jendrik. „Ob jetzt negativ oder positiv anders ist Geschmackssache.“ Die eigentliche Gute-Laune-Nummer hat eine tiefere Botschaft: Hass sollte nicht mit Hass beantwortet werden. Auch bei Homophobie, Rassismus und Sexismus. Die „Message“, wie Jendrik es nennt, müsse sein: „Ich werde dir auf einem respektvollen Weg klarmachen: Das was du machst, verletzt mich.“

Wenn es nach den Buchmachern und Fanabstimmungen geht, wird der deutsche Teilnehmer in Rotterdam nichts mit dem Ausgang des Wettbewerbs zu tun haben. Bei den Wettquoten liegt er konstant im unteren Mittelfeld. Wer auf Jendriks Sieg setzt, erhält im Erfolgsfall je nach Anbieter für einen Euro zwischen 150 und 250 zurück. „Dadurch, dass ich ESC-Fan bin, gucke ich tatsächlich schon ein bisschen auf die Wettquoten“, sagt der 26-Jährige. Was er da lese, sei ihm aber eigentlich egal. „Mein Ziel war es, beim ESC mitzumachen. Natürlich will ich jetzt auch gewinnen. Aber enttäuscht bin ich so oder so nicht.“

Schon als Kind sei er mit seinen Geschwistern zu den Songs beim ESC im heimischen Wohnzimmer der Familie aufgetreten. Richtig beeindruckt war er dann 2009, als Alexander Rybak für Norwegen den Wettbewerb gewann. „Ich habe früher auch Geige gespielt. Dann zu sehen, wie jemand Geige auf der Bühne in einem Popsong spielt und das ziemlich cool ist, das hat mich schon beeindruckt“, sagt Jendrik. Im Studium habe ein Freund, der „riesiger ESC-Fan“ ist, dann immer Live-Events veranstaltet. Mit landestypischem Schnaps, Trinkspielen und Abstimmungen. „Ich finde es so geil, dass da jeder ausleben kann, wie er ist. Egal welches Kostüm, egal wen man liebt. Man feiert zusammen Musik und Gemeinsamkeit. Das macht für mich den ESC aus.“

Ein wenig Charme muss der Wettbewerb in diesem Jahr einbüßen. Die Delegationen halten vor Ort ein strenges Sicherheitskonzept ein. Alle Beteiligten werden regelmäßig auf Corona getestet, das Hotel dürfen sie nur für die Auftritte, offizielle Programmpunkte und zum Joggen verlassen. So soll sichergestellt werden, dass kein Covid-Ausbruch den Wettbewerb lahmlegt. Die üblichen Partys, bei denen die Teilnehmer sich und ihre Songs in ganz Europa vorstellen, mussten in diesem Jahr ausfallen. Lediglich ein paar Online-Events fanden statt. Immerhin: 3500 Zuschauer sollen beim Finale in der Halle dabei sein dürfen.

„Ich hoffe, dass es zumindest ein bisschen was vom Flair der letzten Jahre haben wird“, sagt Jendrik. Auch seine Familie wird beim Finale nicht vor Ort dabei sein können. Umso glücklicher sei er, dass er in Rotterdam mit ein paar seiner Musicalkollegen auf der Bühne stehen wird. „Ich bin so dankbar, dass ich meine Freunde da mitnehme. Das wäre sonst ätzend.“

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Abgesehen von sich selbst hat Jendrik auch andere Favoriten auf den Sieg am 22. Mai. Die will er aber nicht verraten. „Das ist gemein gegenüber den anderen“, sagt er. Einen persönlichen Liebling nennt er, der privat gerne Taylor Swift hört, dann doch. „Ich finde Portugal ziemlich cool. Das ist ein Lied, das man auch in Hollywood-Filmen hören könnte.“ Die soulige Pop-Ballade „Love Is On My Side“ hat mit „I Don’t Feel Hate“ etwas gemeinsam: Auch sie spielt laut Buchmachern keine Rolle. Doch im Endeffekt muss das für keinen der beiden Songs etwas bedeuten. Dass Außenseiter manchmal gewinnen können, hat Jendrik bereits im Vorentscheid gezeigt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Deutschlands ESC-Kandidat Jendrik Sigwart