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ESC-Gewinner 2022: Warum das Kalush Orchestra aus der Ukraine ein würdiger Sieger ist

Eurovision Song Contest 2022 : Warum die Ukraine ein würdiger ESC-Sieger ist

Der Sieg des ukrainischen Kalush Orchestra hat auch eine politische Dimension. Dass es beim ESC alleine um Musik geht, war allerdings schon vor diesem Jahr eine naive Vorstellung.

Es ist also wirklich passiert. Während im eigenen Land Krieg und Zerstörung herrschen, gewinnt das ukrainische Kalush Orchestra den 66. Eurovision Song Contest. Und das mit der Höchstpunktzahl in fast allen Publikumsabstimmungen der ESC-Teilnehmerländer. Es ist ein Erfolg, der noch eine Weile für Diskussionen sorgen wird. Ein politischer Sieg, werden viele sagen. Ja, das mag zum Teil stimmen. Aber ist „Stefania“ deswegen ein unwürdiger Siegertitel? Nein.

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Die Kritik an der ukrainischen Favoritenrolle hatte schon im Vorfeld etwas naiv-romantisches. Hier, der reine Musikwettbewerb, bei dem doch immer nur das beste Lied gewinnen darf. Dort, der ukrainische Beitrag, der doch bitte an rein musikalischen Maßstäben gemessen werden sollte. Als ob es denn jemals so gewesen wäre.

Die Geschichte des ESC ist von Politik nicht zu trennen. Oder geben sich Zypern und Griechenland ausschließlich wegen des gemeinsamen Musikgeschmacks Jahr für Jahr zwölf Punkte? Und mögen Aserbaidschan und Armenien unglücklicherweise nie den Song des jeweils anderen Landes? Randerscheinungen? Vielleicht.

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Wären da nicht die Siegertitel. Conchita Wurst gewann 2014 den ESC für Österreich nicht nur, weil ihre Bond-artige Ballade „Rise like a Phoenix“ so originell war, sondern eben auch, weil da ein Mann mit Bart Frauenkleider trug. Er wurde von einem Teil der Zuschauer als Symbol für Diversität gewählt. Auch der letzte ukrainische Siegertitel von Jamala („1944“) rührte Europa unter anderem deshalb, weil sie in dem Song die Fluchterfahrungen ihrer eigenen Familie verarbeitete. Und, um ein gänzlich unpolitisches Beispiel zu wählen: Die finnischen Monsterrocker von Lordi haben damals auch nicht allein wegen des eingängigen Lieds „Hard Rock Hallelujah“ gewonnen, sondern weil da plötzlich eine Rockband mit Horrormasken vor den noch an Schlagersänger gewöhnten ESC-Zuschauern auftrat.

Es ist nun einmal nicht immer nur die Musik, die einen ESC entscheidet. Ehrlich gesagt ist sie es sogar recht selten ausschließlich. Und sind Horrormasken, Männer mit Bart in Frauenkleidern oder eine emotionale Familiengeschichte dann wirklich ein besserer Grund als die Solidarität zu einem Land, das sich aktuell gegen einen brutalen Angriffskrieg wehren muss? Ich glaube, nein.

Vor allem, weil das nur die halbe Wahrheit ist. Niemals hat ein Land den ESC nur wegen der Show oder Politik gewonnen, auch in diesem Jahr nicht. „Stefania“ ist ein großartiger Beitrag, der gekonnt modernes und traditionelles kombiniert und auf der ESC-Bühne stark umgesetzt wurde. Auch in Friedenszeiten hätte das für die Ukraine zu einem Spitzenplatz gereicht. Zum Sieg vielleicht nicht.

Ein würdiger ESC-Sieger ist aber immer auch ein Ausdruck des Zeitgeistes, eines aktuell vorherrschenden europäischen Lebensgefühls. Das war im vergangenen Jahr so, als die italienischen Rocker von Maneskin nach langer Zeit der Corona-Entbehrungen für die Sehnsucht nach echter Live-Musik und Festivalschweiß standen. Das war auch schon 1982 beim ersten deutschen ESC-Sieg von Nicole so. Dass da ein junges Mädchen mit Gitarre auf der Bühne saß und ein eher dünnes Friedenslied sang, passte damals so sehr wie es heute chancenlos wäre.

Insofern hätte sich Europa keinen passenderen Sieger für den ESC 2022 wünschen können. Ein Lied das ebenso für die kulturelle Geschichte der Ukraine wie für Moderne und Aufbruch steht. Textzeilen wie „Ich werde immer zu dir kommen, auch wenn alle Straßen zerstört sind“, die – auch wenn sie vor dem Krieg geschrieben wurden – so traurig-bitter zum Lebensgefühl eines ganzen Landes passen. Und die Aussicht auf einen ESC 2023, der zu einem Friedensfest in einer immer noch eigenständigen Ukraine werden könnte.

Ganz Europa kann stolz auf diese beinahe einstimmig erfolgte Wahl sein. Denn sie zeigt, dass der Eurovision Song Contest eben nicht nur ein schriller Singsang-Wettbewerb ist, sondern Ausdruck eines europäischen Zusammenhalts, der gerade vor eine schwere Probe gestellt wird. Was könnte es da für ein großartigeres Friedenssymbol geben als diesen Siegertitel.

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