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DFB-Pokalfinale: RB Leipzig hat eine andere Fankultur

DFB-Pokalfinalist : Fankultur bei RB Leipzig ist gänzlich anders als bei den meisten Vereinen

Im DFB-Pokal-Finale trifft RB Leipzig am Samstag auf den SC Freiburg. Seit 13 Jahren gibt es den Verein aus Sachsen. Über seine Daseinsberechtigung wird bis heute diskutiert. Aber wie steht es um die Beziehung zwischen den RB-Fans und ihrem Klub.

In dieser Woche geschah Bedeutendes in Leipzig. Der Verein „RasenBallsport“ Leipzig feierte sein 13-jähriges Bestehen – zwei Tage vor dem DFB-Pokalfinale in Berlin, in dem RB am Samstag auf den SC Freiburg trifft.

Aber darf man das überhaupt schreiben? Verein? Die organisierten Fans in Deutschland und große Teile der normalen Fußball-Anhänger finden: Nein. Sie bezeichnen, was am 19. Mai 2009 in der sächsischen Stadt entstand, als „Fußballkonstrukt“, als Werbefläche für die Produkte des Red-Bull-Konzerns, der 99 Prozent des Kapitals an der ausgegliederten RasenBallsport GmbH hält. Red Bull steht auch für zwei Kunstgriffe, die dem Unternehmensbestandteil RB auf alle Zeit die Ablehnung traditionsbewusster Fans eintrug. Weil die Satzung des Deutschen Fußball-Bundes eine Vereinsnamensgebung zu Werbezwecken untersagt, schufen die Leipziger den Begriff Rasenballsport. Bei RB hört selbstverständlich jeder „Red Bull“, und das soll ja auch so sein.

Weil der Konzern von Mitbestimmung nicht zu viel hält, bietet er nur 21 stimmberechtigten Mitgliedern die Möglichkeit, sich an der Vereinspolitik zu beteiligen, 300 fördernde Mitglieder sind ebenfalls eingetragen. Das macht RB in den Augen der meisten Fußballfreunde hierzulande endgültig zum Kunstprodukt – selbst wenn jeder weiß, dass die Mitglieder der großen Vereine ebenfalls nur sehr mittelbar an den Entscheidungen ihrer Klubs teilnehmen. Sie dürfen aber immerhin darüber abstimmen, wen sie in Gremien entsenden, und sie reden bei den Mitgliederversammlungen über die Entscheidungen des Klubs. Sehr folgenreich ist das freilich nicht.

Die maßgeblichen Gremien im deutschen Fußball finden allerdings schon, dass RB Leipzig ein Verein ist. Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) gestattete den Leipzigern nicht nur, mit dem Startrecht des SSV Markranstädt 2009 in der fünftklassigen Oberliga anzutreten. Er urteilte auch in Gestalt seines damaligen Präsidenten Rainer Milkoreit anlässlich des RB-Aufstiegs in die zweite Bundesliga: „Für den Osten eine tolle Entwicklung.“

Sogar Matthias Sammer, der sich als Dresdner mit den Gefühlen in den 32 Jahre nach der Einheit immer noch sogenannten neuen Ländern auszukennen glaubt, stellte im Blick auf Arbeitsplätze und entstehende Fankultur nach dem Bundesliga-Aufstieg der Leipziger fest: „Ein paar Traditionalisten werden wieder rumschreien und weinen, aber das ist nicht in Ordnung. Wenn es Lokomotive und Chemie Leipzig nach der Wende nicht geschafft haben, ihre Kraft im Interesse des Fußballs vor Ort zu bündeln – dann gibt es immer einen lachenden Dritten.“

Doch wie steht es um die Fankultur bei RasenBallsport Leipzig? Immerhin 24.000 Fans sind in 124 Clubs organisiert. Und unter ihnen sind sicher viele, die es für eine gute Laune des Fußball-Geschäfts halten, dass Leipzig wie auch immer zum Erstliga-Standort geworden ist. Bei Heimspielen ist der Bereich der RB-Anhänger gut gefüllt, wenn es sich nicht gerade um Wochenspieltage im Pokal handelt. Das liegt vor allem daran, dass die Anreise nicht zu lang und das Wochenende auf der Tribüne auch Kindern zuzumuten ist.

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Dazu ein paar Zahlen: Nach statistischen Erhebungen, die jüngst von der „Bild“ zitiert wurden, kommen 75 Prozent der Leipziger Fans aus der Stadt oder dem direkten Umfeld, der Rest aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg. Im Durchschnitt ist der Stadionbesucher in Leipzig 37 Jahre alt, der Dauerkartenbesitzer gar 47. Bei den vergleichsweise jugendlichen Fans hat sich noch keine tragfähige Anhängerschaft entwickelt. Diese Zahlen erklären die erstaunliche Reiseunlust der RB-Freunde. Während andere (Traditions-)Vereine in ihrem langen Bestehen ein Fundament leidensfähiger Fans aufgebaut haben, die auch die Mühen kostspieliger Reisen in die fernsten Ecken des Kontinents für angemessene Beiträge zum Vereinsleben halten, sind die Leipziger zunächst mal zufrieden mit dem Samstagnachmittag-Vergnügen im eigenen Stadion. Die Führung der Leipziger Fußballfirma wirbt mit der familienfreundlichen Atmosphäre. Gegner verhöhnen das „Operettenpublikum“.

Auswärts ist es ohnehin still im Gästeblock. Die Fanseite „fußballmafia.de“ führt RB mit durchschnittlich 435 Auswärtsfahrern auf Rang 16 der Bundesliga-Tabelle. Und nur 97 vereinsamte Fans verloren sich Anfang Mai im Süden des Borussia-Parks von Mönchengladbach. Leipzig rechtfertigte die armselige Bilanz mit dem für jeden Arbeitnehmer unfreundlichen Termin am Montagabend. Beim Europa-League-Halbfinale zogen solche Argumente nicht. Aber auch dem ersten Höhepunkt der Saison zeigten die Leipziger die kalte Schulter. Von den 2500 Karten, die der Klub Glasgow Rangers nach den Uefa-Richtlinien für Gäste reservieren musste, wurden lediglich 1000 abgerufen. Wenn das eine Abstimmung des Ostens über die Bedeutung von RB war, dann sagt es: Fußball in Leipzig hat etwas von einem Konzertbesuch mit der ganzen Familie. Das muss man nicht schlimm finden, aber mit einer lebendigen Beziehung zwischen Fans und Klub (als solcher will RB ja gelten) hat es wenig zu tun. Es ist eher das Verhältnis: Kunden – Unternehmen, ganz so, wie Red Bull sich das wohl vorstellt.

Samstag im Berliner Olympiastadion sieht das beim DFB-Pokalfinale zumindest von den Zahlen anders aus. Alle 26.000 Karten für das Kontingent auf der Seite des Marathontors wurden abgerufen. Vom Leipziger bis zum Berliner Stadion sind es schließlich auch nur 179 Kilometer.