Die Truppe hält zu Oberst Klein

Die Truppe hält zu Oberst Klein

Der Offizier, der vor einem Jahr den Luftangriff von Kundus befahl, gilt vielen als die tragische Symbolfigur für den ungeliebten deutschen Afghanistan-Einsatz. Seine Kameraden sehen in ihm einen Sündenbock.

Der Angriffsbefehl am 4. September 2009 ruinierte seine Karriere: Oberst im Generalstab Georg Klein (49) wäre heute vermutlich Brigadegeneral, hätte er nicht jene folgenschwere Fehlentscheidung getroffen, die irrtümlich auch viele afghanische Zivilisten das Leben kostete. Ein US-Jagdbomber hatte auf Anweisung Kleins zwei von den Taliban entführte Tankwagen bombardiert. Um sie herum standen aber auch Bewohner eines nahen Dorfes.

Der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu dem umstrittenen Angriff läuft voraussichtlich noch bis zum Jahresende. Oberst Klein muss allerdings keine juristischen Konsequenzen mehr befürchten: Die strafrechtlichen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und die Untersuchungen der Bundeswehr wegen eines möglichen Dienstvergehens sind eingestellt.

Trotzdem ist der aus Bendorf bei Koblenz stammende Klein hart bestraft worden. Der als feingeistig beschriebene Stabsoffizier mit Liebe zu klassischer Musik und Literatur bekannte vor dem Untersuchungsausschuss, wie sehr er als Christ unter der Schuld leide, unbeabsichtigt auch Frauen und Kinder getötet zu haben. Wie ein Schwerverbrecher sei er durch einen Nebeneingang in den Sitzungssaal gehetzt, berichten Beobachter. Zurück an seinem Schreibtisch im Stab der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig sei er sichtlich angeschlagen gewesen, heißt es.

Anders als alliierte Offiziere, die nach vergleichbaren Fehlentscheidungen stets anonym blieben, wurde Klein sofort mit vollem Namen genannt und, inklusive Bild, sogar in der "New York Times" an den Pranger gestellt. Der Verdacht liegt nahe, dass sich hohe US-Militärs so an der deutschen Generalität rächten. Denn diese hatte dem großen Bündnispartner jahrelang öffentlich zu rüdes Vorgehen in Afghanistan vorgeworfen. Nach dem Bombardement von Kundus konnte der damalige Isaf-Chef, US-General Stanley McChrystal, die Bundeswehr ebenso hart kritisieren – was er auch ausgiebig tat.

Unabhängig davon ist Kleins Karriere beendet. Eine Beförderung sei auch mit Verzögerung undenkbar, verlautet aus Bundeswehrkreisen. Von einem "Bauernopfer" und einem "Sündenbock" sprechen deshalb viele Soldaten. Sie erkennen im Fall Klein ihre eigene Lage: Die Politik schicke sie in einen lebensgefährlichen Einsatz, der in Deutschland unbeliebt sei. Gehe etwas schief, würden sie eiskalt fallengelassen. Als Beweis dafür werden auch die Probleme anderer Soldaten angeführt. Sie waren nach dem ihnen befohlenen Schusswaffengebrauch mit Toten oder Verletzten monatelangen juristischen Untersuchungen ausgesetzt.

In der Truppe machte nach dem Luftangriff der Begriff des "Oberst-Klein-Syndroms" die Runde: Gemeint sind Vorgesetzte, die nun sogar in kritischsten Situationen lieber gar nicht mehr handeln. Damit werde die Bundeswehr unakzeptabel gelähmt, letztlich sei kein Auftrag mehr auszuführen.

Um die Brisanz dieser Vorwürfe weiß auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Er betont darum oft seinen großen Respekt vor dem Oberst, der in unklarer Lage schnell eine schwere Entscheidung habe treffen müssen. Die Einstellung der Verfahren gegen Klein wurde in der Truppe entsprechend bejubelt. "Das ist sehr, sehr positiv", erklärte Oberstabsbootsmann Wolfgang Schmelzer im Namen des Bundeswehrverbandes: "ein ganz wichtiges Signal".

Hinter dieser breiten Solidarität ist verblasst, dass der Oberst an jenem 4. September 2009 ganz bewusst gegen einen Nato-Befehl verstoßen hat. Die Jagdbomber hätte er ausdrücklich nur dann einsetzen dürfen, wenn eigene Soldaten direkt bedroht gewesen wären.

Internet Chronik und Bilder des Luftangriffs unter www.rp-online.de/politik