Studie: Kinder fühlen sich in der Schule unsicher - das muss sich ändern

Studie zu Sicherheit in Schulen : Selbstbewusste Kinder braucht das Land

Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen fühlt sich in der Schule nicht sicher. Das zu ändern, ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.

Wie geht es eigentlich Deutschlands Kindern und Jugendlichen? Gut, möchte man meinen. Jeden Freitag demonstrieren sie erhobenen Hauptes gegen den Klimawandel. Sie bieten Politikern die Stirn und legen den Finger in die Wunde der kapitalistischen Gesellschaft. Sie entscheiden selbst, wie sie an ihre Informationen kommen, unterstützen neue Medienformen und stellen mit ihrer Stimme in den Sozialen Netzwerken gewohnte Kraft- und Machtverhältnisse der Meinungslandschaft in Frage. Der Youtuber Rezo findet nur deswegen Gehör, weil ihm Millionen junge Menschen die entsprechende Durchschlagskraft geben.

Wenn sich Jugendliche und Kinder also mit breiter Brust in den politischen Diskurs einbringen, dem ökologischen Gewissen eine Stimme geben und sich nicht scheuen, Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganze zur Rechenschaft zu ziehen, dann dürften sich doch alle Erwachsenen zufrieden zurücklehnen und einer rebellischen neuen Generation bei ihrer Selbstentfaltung zuschauen – oder? Leider nein.

Kinderarmut verharrt in Deutschland auf hohem Niveau, Bildungs- und Teilhabechancen sind nach wie vor ungleich verteilt. Wie sehr Deutschland davon entfernt ist, seine Kinder- und Jugendpolitik als geglückt und abgeschlossen zu bewerten, zeigt auch eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung.

76,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich sicher an ihren Schulen – lediglich. Denn umgekehrt bedeutet das, dass sich fast jeder vierte Schüler an seiner Schule unsicher fühlt. Jeder vierte. Ein differenzierterer Blick auf die unterschiedlichen Schulformen offenbart noch Besorgniserregenderes: An Gesamt- und Hauptschulen fühlt sich jedes dritte Kind unsicher.

Um die Brisanz dieses Umfrageergebnisses zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, welchen Stellenwert die Schule für Kinder und Jugendliche hat. Die Fridays for Future-Bewegung mag ein Schauplatz jugendlichen Zeitgeistes sein, doch sie ist lediglich ein Nebenschauplatz. Der eigentliche Ort des Geschehens wird immer die Schule bleiben. Sie ist die einzige Institution, die (nahezu) alle Kinder und Jugendliche begleitet, ist Gegenstand und Austragungsort jugendlicher Alltagsrealität. Kinder verlassen morgens ihr Zuhause und verbringen im Rahmen von Übermittagsbetreuungen und Ganztagsangeboten einen Großteil ihrer wachen Zeit in der Schule. Allein die Möglichkeit, dass sie sich hier unsicher fühlen könnten, muss jeden alarmieren. Genauso wie jede Form physischer und psychischer Gewalt, die Kinder an Schulen erfahren.

Denn lediglich eine Minderheit der Schüler (zwischen 43 und 22 Prozent) gibt an, im letzten Monat nicht von anderen Schülern gehauen, gehänselt oder ausgegrenzt worden zu sein. Die überwältigende Mehrheit erlebt physische oder psychische Gewalt sowie Ausgrenzung. An Haupt- und Realschulen gibt jedes fünfte Kind sogar an, im vergangenen Monat sowohl gehauen als auch gehänselt und ausgegrenzt worden zu sein.

Dieses ohnehin schon düstere Bild bekommt eine weitere besorgniserregende Dimension, wenn man sich die finanzielle Lage der jeweiligen Kinder anschaut: Jene, die angeben, sich über die Familienfinanzen Sorgen zu machen, sind auch jene, die sich zum einen besonders oft unsicher fühlen und zum anderen besonders oft Opfer von Hänseleien, Gewalt und Ausgrenzung werden.

 Die Gefahr der Wechselwirkungen zwischen Armut, tatsächlicher und gefühlter Ausgrenzung, Mobbing und Gewalt sind kaum zu unterschätzen. Zwar bedeutet nicht jede Hänselei oder Ausgrenzung gleich Mobbing, doch können die Folgen für die Betroffenen fatal sein - von Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwierigkeiten, seelischen und körperlichen Erkrankungen bis hin zu Suizidalität.

Natürlich gehört ein gewisses Maß an Konflikten zum Schulalltag, doch deren Eskalation zu verhindern, ist eine der elementaren Aufgaben einer Bildungsinstitution. Denn eines ist klar: Einfluss auf den Erziehungsstil der Eltern hat der Staat vergleichsweise wenig. Die Familie steht unter besonderem Schutz. Umso mehr müssen Staat und Gesellschaft, Pädagogen und Politiker alles in ihrer Macht stehende tun, um das, was in ihrer Hand liegt im Sinne der Kinder zu gestalten. Kinder müssen die Schule als ein Refugium wahrnehmen. Ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen, an dem sie sich weiterentwickeln, und jene Kompetenzen und Selbstsicherheit erlernen, die sie in der „echten“ Welt brauchen werden.

Letztlich werden Kinder und Jugendliche immer eine Gruppe sein, die der besonderen Aufmerksamkeit durch die Gesellschaft bedürfen - und diese glücklicherweise auch wollen. Jugendliche wünschen sich - mit zunehmendem Alter sogar verstärkt - erwachsene Vertrauenspersonen, die ihnen beistehen, ihnen bei Problemen helfen, sie vor Ausgrenzung und Gewalt schützen und vor allem sie ernst nehmen. Wenn sich Kinder und Jugendliche beschweren, dass sie sich von Politikern, Lehrern und Eltern nicht ernst genommen fühlen, darf das nicht kleingeredet werden.

Am Umgang mit ihren Schwachen misst sich die moralische Haltung einer Gesellschaft. Und ja, es gehen derzeit in der Tat erfreuliche Bilder junger mutiger Menschen um die Welt. Doch von denen darf man sich nicht irren lassen.

Am Ende sind Kindheit und Jugend immer geprägt von Abhängigkeit. Kinder haben Bedürfnisse, Interessen und Rechte, ihre Macht, diese zu realisieren, zu befriedigen oder einzufordern hält sich allerdings in Grenzen. Sie sind auf die Fürsorge durch Erwachsene angewiesen. Dass es sich für sie auch wirklich nach angewiesen-sein und nicht ausgeliefert-sein anfühlen, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

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