Horst Seehofer - ein Politikjunkie wird 70 Jahre alt

Innenminister denkt nur langsam ans Aufhören : Horst Seehofer - ein Politikjunkie wird 70 Jahre alt

Schon oft war der ehemalige Frontmann der CSU totgesagt und abgeschrieben worden. Trotzdem feiert Horst Seehofer am Donnerstag seinen 70. Geburtstag als amtierender Innenminister. Und wenn es nach ihm geht, bleibt er mindestens bis 2021 noch im Politikbetrieb.

Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Horst Seehofer hat tatsächlich immer noch ein Amt. War da nicht was mit einem angekündigten Rücktritt? Als Bundesinnenminister versieht der CSU-Mann seine Arbeit seit Monaten ziemlich geräuschlos. Kritik zieht er allenfalls durch Gesetzesentwürfe seines Hauses zur inneren Sicherheit, zur Einwanderung von Fachkräften oder zur Beschleunigung von Abschiebungen auf sich. Doch geht es da nur noch um Sachfragen, nicht um Macht, Parteiengezänk oder Personalien. Am Donnerstag begeht der Katholik seinen 70. Geburtstag - nach eigenen Worten im engsten Familienkreis.

Der Vollblutpolitiker hat turbulente Monate hinter sich. Sein alter Rivale Markus Söder beerbte ihn zunächst als bayerischer Ministerpräsident, dann auch als CSU-Chef. Da hatte die Partei gerade ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1950 eingefahren. Seehofer hält sich seither bemerkenswert zurück, auch wenn ihn seine eigene Abschiebung nach Berlin lange schmerzte. Die Ausrichtung der CSU bestimmen inzwischen andere, auch gegenüber der Kanzlerin verkneift sich der Ingolstädter jede Spitze.

Als die Union erbittert um die richtige Linie in der Flüchtlingspolitik stritt, machten viele die unversöhnlich aufeinanderprallenden Alphatiere Seehofer und Merkel für die verfahrene Lage verantwortlich, die 2018 fast zum Bruch zwischen CSU und CDU geführt hätte. Das fand der Oberbayer nicht fair und beklagte dabei auch manches Foul aufseiten seiner eigenen Parteifreunde. Er habe gar nicht so schnell von der Leiter wieder heruntersteigen können, wie sie ihm weggezogen worden sei, sagte er einmal in einer Journalistenrunde. Doch das ist Vergangenheit.

Kein Zweifel - Seehofer hat seinen Zenit überschritten und muss manche Dinge nehmen, wie sie kommen. So hat zum Beispiel weniger er als die waidwunde SPD es in der Hand, ob er Minister bleibt. Kündigt sie die Koalition auf, ist er seinen Job wohl los, zumindest im Fall von Neuwahlen.

Wie sehr der CSU-Mann den Typus eines Politjunkies verkörpert, wurde selten deutlicher als 2002. Da verschleppte er bis zur letzten Minute eine Herzmuskelentzündung. Sein Freund Theo Waigel sah eine "lebendige Leiche" vor sich und riet ihm eindringlich, sofort ins Krankenhaus zu gehen. Dass er diese Empfehlung beherzigte, rettete ihm das Leben.

Nach über 40 Jahren aktiver Politik denkt aber nun auch ein Seehofer so langsam ans Aufhören. Zu Jahresbeginn sagte er in einem Zeitungsinterview, er sei auf der Suche nach einem "Profi", der seine Memoiren aufschreiben solle. An Stoff herrscht kein Mangel.

Der gelernte Betriebswirt gewann von 1980 bis 2008 stets ein Direktmandat für den Bundestag. Nach dem Wahldebakel von Günther Beckstein war er der Hoffnungsträger seiner Partei. Tatsächlich eroberte er 2013 noch einmal die absolute Mehrheit in Bayern zurück. Dann begann der Fall, der so weit ging, dass einige in ihm 2018 den alleinigen Sündenbock für das Desaster bei der Landtagswahl sahen.

Seehofer prägte Schlagworte wie "Obergrenze" oder die "Koalition mit dem Bürger". Was die einen als instinktive Reaktionsfähigkeit auf veränderte Stimmungslagen bewunderten, legten ihm andere als prinzipienlose Wankelmütigkeit aus und verpassten ihm den Spitznamen "Drehhofer". Ungerecht war dieses Urteil wenigstens in einer Hinsicht: Als "Anwalt der kleinen Leute" hat sich der großgewachsene Christsoziale stets verstanden. 2005, nach seinem Rücktritt als Unionsfraktionsvize im Bundestag im Streit um die Gesundheitsreform, hätte ihn der Sozialverband VdK jedenfalls mit Handkuss zum Präsidenten gekürt.

Auch die Kirchen hat Seehofer stets als wichtige Gesprächspartner der Politik nicht nur respektiert. Er forderte sie sogar auf, sich einzumischen. Als die Tonlage in der Flüchtlingspolitik rauer wurde und bayerische Ordensobere 2015 die CSU öffentlich scharf attackierten, lud er sie zur Aussprache in die Staatskanzlei. Das unweit seiner Heimatstadt gelegene Benediktinerkloster Plankstetten schätzt er in politischen wie in privaten Krisen als Rückzugsraum. Dort ist fast immer ein Zimmer für ihn frei.

(felt/kna)
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