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EM-Gastgeber Ukraine zunehmend unter Druck: Hoeneß ruft Nationalspieler zu Kritik auf

EM-Gastgeber Ukraine zunehmend unter Druck : Hoeneß ruft Nationalspieler zu Kritik auf

Der Druck auf die Regierung der Ukraine nimmt zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel erwägt offenbar einen Boykott der EM-Spiele. Bayern-Präsident Uli Hoeneß legte der deutschen Nationalmannschaft nahe, ebenfalls Stellung zu beziehen. Die ukrainische Regierungspartei reagierte auf die Boykott-Überlegungen unwirsch.

Hoeneß appelliert an UEFA-Boss Michel Platini, sich knapp sechs Wochen vor der Fußball-EM (8. Juni bis 1. Juli) mit eindringlichen Worten gegenüber dem autoritären Regime in der Ukraine zu positionieren. "Ich hoffe sehr, dass Michel Platini an den richtigen Stellen deutlich seine Meinung äußert", sagte Hoeneß im Interview mit dem Nachrichten-Magazin Der Spiegel.

Der 60-Jährige forderte die deutschen Nationalspieler auf, ihre Solidarität mit ukrainischen Regimekritikern öffentlich zu bekunden. "Sie würden damit Größe zeigen. Ich traue den Spielern zu, dass sie klug genug sind, sich eine Meinung zu bilden. Ich hätte Respekt vor jedem Spieler, der öffentlich Stellung zu diesem Thema bezieht", betonte Hoeneß, der auch die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu einer deutlichen Haltung aufforderte: "Sie sollten bei jeder geeigneten Gelegenheit öffentlich darauf hinweisen, dass die Haftbedingungen von Frau Timoschenko nicht akzeptabel sind."

Die Entscheidung des Bundespräsidenten Joachim Gauck, eine Reise in die Ukraine aus Protest gegen die Haftbedingungen Julija Timoschenkos abzusagen, bezeichnete Hoeneß als "total richtig".

Merkel erwägt Boykott

Derweil wird in Deutschland parteiübergreifend ein politischer Boykott der EM in der Ukraine gefordert. SPD-Chef Sigmar Gabriel und Grünen-Chefin Claudia Roth riefen am Wochenende alle Politiker auf, nicht zu den Spielen in das Land zu reisen und so gegen die Behandlung von Julia Timoschenko zu protestieren. Als erstes Regierungsmitglied schloss sich dem später Umweltminister Norbert Röttgen an.

Sollte die Oppositionsführerin nicht freigelassen werden, erwägt einem Bericht des "Spiegel" zufolge auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, nicht zu fahren. Mit Äußerungen am Freitag zu Julia Timoschenko hatte sie zudem am Freitag die Führung in Kiew verärgert. "Die (Berliner) Ärzte sind der Meinung, dass die Behandlung (von Julia Timoschenko) am besten in einem deutschen Krankenhaus durchgeführt werden sollte. Darum bemüht sich das Auswärtige Amt, und darum bemüht sich auch das Kanzleramt", sagte Merkel. Die unter starken Rückenschmerzen leidende Timoschenko protestiert seit dem 20. April mit einem Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen.

Regierungspartei attackiert Merkel

Ein Führungsmitglied der Regierungspartei in der Ukraine reagierte darauf am Sonntag mit scharfer Kritik. Die Kanzlerin habe offenbar für einen Moment "vergessen", dass sie die Bundesrepublik und nicht die Ukraine regiere, betonte Wassili Kisseljow von der Partei des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Die Äußerungen von Angela Merkel seien eine "ungenierte Einmischung in die inneren Angelegenheiten" der Ex-Sowjetrepublik, hieß es.

Die Kanzlerin fordere zudem "etwas faktisch Unmögliches" von der ukrainischen Führung. "Unsere Gesetzgebung sieht eine Behandlung von Gefangenen im Ausland nicht vor", unterstrich der Parlamentarier. Erkrankte ukrainische Strafgefangene könnten nur an ihrem Haftort behandelt werden.

Er sei allerdings unter einer Bedingung bereit, einer Gesetzesänderung zuzustimmen, teilte Kisseljow mit: "Wenn Frau Merkel auch die anderen 150 Frauen aus dem Katschanowka-Gefängnis in ihre Obhut nimmt, die die gleichen Probleme haben wie Julia Timoschenko, und sie zur Behandlung in der Charité unterbringt."

Politischer Boykott erwägt

Sollte Julia Timoschenko bis zur Fußball-Europameisterschaft nicht freigelassen worden sein, will Merkel nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" ihren Ministern empfehlen, den Spielen fernzubleiben. Die Europameisterschaft, die gemeinsam von Polen und der Ukraine ausgetragen wird, beginnt am 8. Juni.

Allenfalls für Innenminister Hans-Peter Friedrich in seiner Funktion als Sportminister könne eine Ausnahme gelten. Friedrich hatte in der vergangenen Woche angekündigt, er werde an dem Spiel Deutschland gegen die Niederlande in Charkow nur teilnehmen, wenn er vorher die in einem Straflager der Stadt inhaftierte Timoschenko besuchen könne.

Regierungskreisen zufolge wurde dem ukrainischen Vize-Außenminister Pawlo Klimkin vor wenigen Tagen im Kanzleramt signalisiert, dass ein Besuch Merkels zur EM in der Ukraine keinesfalls sicher sei. Zuletzt mehrten sich in Deutschland parteiübergreifend die Forderungen, dass Politiker die EM in der Ukraine boykottieren sollten, die das Land gemeinsam mit Polen ausrichtet.

Druck auf Ukraine wächst

SPD-Parteichef Sigmar Gabriel forderte ein deutliches Signal der deutschen Politik an Janukowitsch. "Politiker müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden. Denn sie sitzen in den Stadien möglicherweise neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten. Im Zweifelsfall sollte man da nicht hinfahren", sagte Gabriel der "Bild am Sonntag".

Auch der FDP-Generalsekretär Patrick Döring äußerte die Erwartung, dass "offizielle Delegationen des Bundestages und der Bundesregierung wie Bundespräsident Gauck die Spiele in der Ukraine meiden". Schon die Vergabe der EM an die Ukraine sei seinerzeit fragwürdig gewesen, sagte Döring der "Welt am Sonntag". Für einen generellen Boykott sei es aber zu spät, "er wäre auch für die deutsche Nationalmannschaft nach grandioser Qualifikation enttäuschend".

Kritik am Umgang mit Julia Timoschenko übte am Wochenende auch der russische Präsident Dmitri Medwedew. Er nannte den Umgang des Nachbarlands mit der Oppositionspolitikerin "völlig inakzeptabel". Der Staatschef bezeichnete die Situation im Nachbarland als "höchst befremdlich". Der Kreml hatte bereits mehrfach massive Kritik am Prozess gegen Timoschenko geäußert. Sie war im Vorjahr wegen angeblich einseitiger Gasverträge zugunsten Russlands verurteilt worden.

Die unter starken Rückenschmerzen leidende Timoschenko protestiert seit dem 20. April mit einem Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen. Timoschenko wirft dem Staat Foltermethoden vor. Der Machtapparat bezeichnete sie dagegen als Simulantin.

Timoschenko war im Vorjahr in einem international umstrittenen Prozess wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Sie gilt als Opfer politischer Rachejustiz im Auftrag des gegenwärtigen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. 2004 hatte sie die gegen Janukowitsch gerichtete Orangene Revolution angeführt.

(dpa/sid/rtr/das)