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NRW: Aus Liebe zur Heimat - was unser Bundesland ausmacht

Heimat in NRW : Ein Leben im Superlativ

Unsere Küste ist das Rheinufer, unser Gipfelkreuz steht auch auf einer aufgeschütteten Halde. Heimat wird im Bindestrichland Nordrhein-Westfalen zum einzigartigen Erlebnis.

Wer wissen will, wie sich Heimat anfühlt, der sucht dieses Gefühl am besten draußen auf der Straße. Wie an einem späten Samstagabend, als noch ein Brief in den Postkasten eingeworfen werden muss. Wie es der Zufall will, stehen fünf Menschen an einem Briefkasten, alle mit einem Brief in der Hand. Drei der fünf fangen spontan an, miteinander zu reden, witzeln über den Stau an einem Briefkasten („Von wegen, alle schreiben nur E-Mails“, „Geht das da vorne auch was schneller?“). Nur zwei der Menschen blicken leicht panisch drein und schauen, dass sie schnell wegkommen. Nach deren schnellem und stummem Abgang ist sich der Rest der Zufallstruppe einig: „Das können keine Rheinländer gewesen sein.“ Eine Gelegenheit zum unverbindlichen, sinnbefreiten, aber herzlichen Klaaf lassen die sich schließlich nicht entgehen. Es gibt keine ungeselligen Orte, lautet eine rheinische Lebensregel. Und wenn das Universum samstagabends am Briefkasten einen Stau verursacht, darf, ach, muss man diese Gelegenheit nutzen.

Schließlich genügt an Rhein und Ruhr kein knappes „Moin“. Da darf es schon ein „Guten Morgen, junge Frau“ sein – auch wenn die junge Frau schon 96 ist. Es wird gewitzelt, gefrotzelt, sich erkundigt. Wie isset? Alles gut? Ja, muss! Und zu Hause? Alles gut! Schönen Tach noch! Reden können die Menschen in NRW, unüberhörbar und viel, in diesem lauten Land mit seinen 31 Autobahnen, und seiner großen Tradition der Kohle-, Stahl- und Autoindustrie. Das mögen einige Zugereiste etwas geschwätzig, nervig und oberflächlich finden, aber die meisten lassen sich gerne einlullen von dieser Redelust. Und falls nicht, finden sie auch stillere Ecken (und Menschen) im Land, etwa im Sauerland oder in Ostwestfalen.

„Operation Marriage“ nannten die Briten nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Plan, ein neues Bundesland zu erschaffen. Am 23. August 1946 schließlich kam es zur Heirat: Aus dem nördlichen Teil der preußischen Rheinprovinz mit den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf und Köln sowie der preußischen Provinz Westfalen wurde das Land Nordrhein-Westfalen. Das Land zwischen Rhein und Weser bekam zwar einen Doppelnamen, aber es leben mehr als zwei in dieser Beziehung. Im Januar 1947 folgte die Vereinigung mit dem Land Lippe.

 Kopfweiden am Niederrhein lösen die bei manchem Heimwehkranken  sehnsuchtsvolle Seufzer aus.
Kopfweiden am Niederrhein lösen die bei manchem Heimwehkranken  sehnsuchtsvolle Seufzer aus. Foto: Hans Glader

Diese Menage à trois ist Heimat von knapp 18 Millionen Menschen. Familien sind seit Jahrhunderten fest verwurzelt. Andere haben erst eine neue Heimat gefunden: Jeder vierte Mensch in NRW hat einen Migrationshintergrund. Viele NRWler leben längst woanders, tragen aber die Heimat im Herzen und mitunter auf der Zunge. Die Metropolregion Rhein-Ruhr ist mit rund zehn Millionen Bewohnern einer der 30 größten Ballungsräume der Welt. 30 der 81 deutschen Großstädte liegen in NRW, der Westen stellt die größte Gruppe in der Fußball-Bundesliga. Ein Verein, der Karneval, Kirmes-und Schützenfeste, Kirchengemeinden und Nachbarschaften, das Dorf, der Kiez, das Veedel – all das sorgt für Heimatgefühle.

Die lassen sich in NRW aber schwer in nur einem Bild zusammenfassen – da haben es Norddeutsche mit Dünen und Brandung oder die Bayern mit ihrem Bergpanorama gewiss leichter. Unsere Küste ist das Rheinufer, unser Gipfelkreuz steht auch auf einer aufgeschütteten Halde. Niederrheinische Kopfweiden lösen bei Heimwehkranken für sehnsuchtsvolle Seufzer aus. Das Sauerland, das Land der tausend Berge, der Teutoburger Wald und das Siebengebirge machen mit ihren grünen Hügeln selbst die mit wenig Kondition versehenen Wanderer zu Gipfelstürmern. Wir haben weder die höchsten Berge noch die tiefsten Seen.

 Ein Wahrzeichen Düsseldorfs: Der Rheinturm mit Leuchtidoden in Olympia-Farben.
Ein Wahrzeichen Düsseldorfs: Der Rheinturm mit Leuchtidoden in Olympia-Farben. Foto: Krebs Andreas/Krebs, Andreas (kan)

Und viele Orte, an denen wir heute unsere Freizeit genießen, stehen in der Tradition harter Arbeit: So sind Kletterwände in alten Industrieanlagen entstanden, blaue Lagunen waren früher Kiesabbaugebiete. Und eines Tages darf das Land vielleicht einen Ozean beheimaten, wenn ein Tagebau bei Inden im Kreis Düren geflutet wird und NRWs größter See entsteht.

Es gibt Unesco-Weltkulturerbestätten wie den Aachener Dom, die Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl, den Kölner Dom, das Kloster Corvey und das Essener Welterbe Zollverein. Wer etwas über Geschichte lernen will, von Römern und Neandertalern, der muss je nach Wohnort nur die S-Bahn nehmen. Es ist alles da in diesem Land, das viele erst in der Corona-Pandemie für sich entdeckt haben. Nur für wahre Einsamkeit muss man je nach Wohnort richtig weit fahren. Wer keiner Menschenseele begegnen möchte, der muss sehr tief in den Wald hinein oder in aller Herrgottsfrühe aufstehen.

Längst wissen wir Nordrhein-Westfalen mit unserem leichten Hang zur Selbstverliebtheit, dass wir im Superlativ der Republik leben. Schließlich sind wir das bevölkerungsreichste Bundesland – wir sind wirklich viele, prozentual gesehen die meisten. Das nervt zwar im pickepackevollen Regionalexpress am Montagmorgen und im Stau am Freitagnachmittag, aber stiftet immer auch ein Gefühl von Heimat: Denn egal wo wir in der Welt hinkommen, ob ans Nordkap, in ein kleines ligurisches Dorf oder in einen Weiler im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern – ein anderer Besucher mit dem Auto-Kennzeichen VIE, MS oder GM ist sicher schon vor uns da.