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Tradition der Schützen in NRW bleibt faszinierend

Tradition in NRW : Einmal Schütze, immer Schütze

Das Schützenwesen ist ein Phänomen. Es hat auch in modernen Zeiten nichts von seiner Attraktivität verloren. Weil es Bindungen schafft, nach denen sich viele heute sehnen. Zum 75-jährigen Bestehen der Rheinischen Post blicken wir auf Themen, die das Land und die Zeit geprägt haben.

Heimat, so sagen viele, kann man schmecken, sehen, riechen, hören, fühlen. Wenn es richtig ist, dass wir Heimat mit allen Sinnen wahrnehmen, dann muss Schützenfest ein Stück Heimat sein. Es schmeckt nach Bier und Reibekuchen, wir sehen opulente Uniformen, bunte Fahnen wehen, wir riechen Pferdeäpfel und Blumen, wir hören Marschmusik und fühlen, wie uns der Schweiß beim Marschieren über den Rücken rinnt.

 Schützen beschützen, darum ist ihre Idee lokal bis ins kleinste Dorf verankert. Dort, wo wir aufgewachsen sind, zogen auch Schützen durch die Straßen. Wir trugen noch kurze Hosen. Kein Rheinländer, kein Westfale, der nicht als Kind dem Schützenfest entgegenfieberte, das meist mit einer kleinen Kirmes kombiniert wurde. Aber die Schützenidee greift auch Raum über Grenzen hinweg. Eine Million Schützen aus 3000 Vereinen und zwölf Ländern haben sich in der Europäischen Gemeinschaft Historischer Schützen (EGS) zusammengeschlossen. Mit der Heimat im Herzen die Welt umarmen.

 Wer so breit aufgestellt ist, sucht Halt und Orientierung in einem Zentrum: Neuss ist die „Rheinische Schützenhauptstadt“, verfügt über ein eigenes Schützenmuseum, feiert am letzten August-Wochenende sein großes Schützenfest mit 8000 Aktiven und wird geprägt durch eine moderne Stadtgesellschaft, zu deren Korsettstangen die Schützen gehören – nicht ausschließlich, aber unüberhörbar. 

 Wer vor 50 Jahren über Neuss sprach, der mag an Novesia Goldnuss gedacht haben, an den Fußball-Regionalligisten VfR 06, für den mit Albert Brülls sogar ein ehemaliger Vizeweltmeister kickte, er dachte an die Galopprennbahn oder an die Blumenversteigerung. Alles vorbei. Geschichte. Erinnerung. Geblieben ist das Schützenfest, präziser formuliert: Geblieben ist das Schützenwesen, denn in diesen Pandemiezeiten diktiert das Corona-Virus den Lockdown und somit den Schützen ein Marschierverbot am letzten Wochenende im August 2020. Keine Uniformen. Keine Umzüge. Keine Bälle. Kein Kirmesrummel.

 Doch wer genau hinsah, genau hinhörte, der erblickte Männer auf Terrassen und in Gärten an großen Tischen in froher Runde, der hörte Marschmusik und immer wieder Tochter Zion, das bekannte Weihnachtslied ist der Lieblingshit der Neusser zur Schützensaison. Die Neusser feierten dezentral – wegen oder besser trotz Corona. Aber sie feierten - und das in Gemeinschaft. Für viele war es das reduzierte zugleich das wichtigste Fest seit Jahrzehnten.

 Es waren nicht rauschende, unbeschwerte Tage, aber dieses ausgefallene Schützenfest beschützte den Einzelnen und nahm ihn mit. Die Botschaft: Du bist nicht allein! Die Zugkameraden sind da, deren Familien, die Frauen und die Kinder. In Neuss Schütze zu sein, das beschränkt sich nicht auf Vollgasgeben beim Feier-Marathon Ende August, sondern Schütze zu sein, vermittelt das Gefühl, dazuzugehören – das ganze Jahr über. In Freude, in Trauer. Nur wer sich auf das Schützenwesen mit seinen tausenden Aktiven einlässt, der wird die Neusser Gesellschaft verstehen. Oder anders ausgedrückt: Dieses Schützenwesen ist das integrative Netz, das die Stadt durchwebt, trägt und erträgt. Dick und dünn, alt und jung, arm und reich.

 Dieses Phänomen charakterisierte der frühere Schützenpräsident Thomas Nickel in einem Satz: „Das Schützenwesen ist der Kitt der Gesellschaft.“ Genau dieser Substanz bedarf es im übertragenen Sinne, um die Gesellschaft einer Großstadt zusammenzuhalten. Analoge soziale Bindung versus Zentrifugalkräfte einer digital individualisierten Gesellschaft. Wer sein Vorurteil pflegt, dass beim Schützenfest alte, weißhaarige Männer durch die Stadt ziehen, der irrt – zumindest in Neuss. Die Schützenlust, die mit 1700 Marschierern größte Einheit, weist ein Durchschnittsalter von 34 Jahren auf. Die Grenadiere, die mit Frack und Zylinder besonders schick aussehen, bringen es auf 42 Jahre. Jedem Besucher, der bei den Umzügen in die Gesichter der Schützen schaut, wird bewusst: Die Neusser feiern ein junges Fest.

 Das Regiment kennt keine Nachwuchssorgen. Jahr für Jahr meldet der Oberst Rekordstärke. Dabei muss der Verein keineswegs akquirieren. Ihm laufen die Schützen zu. Am traditionsreichen Quirinus-Gymnasium hat sich eingebürgert, dass sich alljährlich aus dem Abiturjahrgang ein neuer Schützenzug bildet. Ehe die Schulkameraden sich in alle Welt für Studium, Ausbildung oder freiwillige Jahre verabschieden, verabreden sie ein fixes Datum auf Jahre, um sich nicht aus den Augen zu verlieren: Wir sehen uns zum Schützenfest im August in Neuss! Das Schützenfest wird zum überdimensionalen Klassentreffen.

 Diese junge Gemeinschaft bleibt – meist personell nur leicht verändert – fürs Leben zusammen, altert gemeinsam und zieht sich erst zurück, wenn es das Alter diktiert. Aber auch dann ist noch längst nicht Schluss. Zum Schützenfest ersparen sich die alten Recken zwar das Tragen der schweißtreibenden Uniform und das Blasen bildende Marschieren, doch sie treffen sich leger gekleidet zum fröhlichen Tun – in Neuss „Sesselkirmes“ gerufen. Einmal Schütze, immer Schütze – weil Schütze von Beschützen kommt.

 Es gibt ein zweites Modell, wie Züge ihre Zukunft interpretieren: Väter holen ihre Söhne und deren Freunde nach. So entsteht ein Mehrgenerationenzug. Der älteste Zug im Regiment „Knüver“ lebt seit 1884. Und wer nicht mehr marschieren kann oder mag, der bleibt als Passiver in der Gemeinschaft. Er genießt das Privileg des Alters: Alles kann, nichts muss! Die meisten finden es wunderbar. Denn so kommen Jung und Alt ins Gespräch. Die Alten lernen, dass Zugbefehle auch digital bequem zu handhaben sind. Die Jungen lernen, dass Platt ein Alleinstellungsmerkmal ihrer Heimat ist.

 Das Schützenfest entwickelt starke Bindungskraft unter den Menschen. Begegnen sich zwei Neusser, so will einer bestimmt schon bald wissen: Wo läufst Du Schützenfest mit? Mit der Antwort gibt das Gegenüber vieles über sich preis. Ist er bei der Schützenlust, liegt die Vermutung nahe, dass er Akademiker ist. Trägt er Jäger- oder Grenadieruniform, handelt es sich wahrscheinlich um einen Handwerker, Angestellten oder Arbeiter. Aber auch die kleinste Einheit im Regiment, der Zug, hat seine eigene DNA. Die „Jungen Elche“ sind zwar nicht mehr ganz so jung, aber wer ein „Elch“ ist, der muss ein Feierbiest sein. Im Zug „Santa Lucia“ sammeln sich kreative Fackelbauer. Mehr als hundert dieser großen Lichterwagen, die lokale und überregionale Themen augenzwinkernd kommentieren, werden am Schützenfest-Samstag durch die Stadt geschoben. Ein Seherlebnis, das alljährlich rund 150.000 Zuschauer anlockt.

 So spiegelt das Neusser Regiment soziologisch die Stadtgesellschaft, Stand und Klasse inklusive. Wo bleibt da die Integration? Die Uniform hebt wie die Badehose am Strand alle Unterschiede auf. In Uniform ist der Generaldirektor nicht von seinem Chauffeur zu unterscheiden. Die Schützen sind eine Wir-Gesellschaft, und auf der Festwiese herrscht das Schützen-Du. In dieser offenen Gemeinschaft haben es Neu-Neusser leicht, sich einen Freundeskreis in der neuen Heimat zu erobern. Voraussetzung: Der Neue ist bereit, sich auf das große Spiel der Männer einzulassen.

 Das Spiel der Männer? Diese Formulierung gibt das Thema vor. Welche Rolle bleibt da für die Frauen? Die ziehen zwar in den Musikgruppen mit, aber die Teilnahme in Schützenuniform an den Umzügen ist ihnen verwehrt. Wobei offen bleibt, wie viele Frauen bereit wären, als Amazonen mitzuwirken. Dennoch ist das Schützenfest ebenso weiblich wie männlich – abgesehen von den Umzügen. Ein Ball im Zelt ohne Frauen? Freudlos. Ein Zugleben ohne Zugdamen? Undenkbar.

 Dass die Frauen-Diskussion nur lau geführt wird, mag einen Neusser Grund haben. Alljährlich sind sechs Wochen vor dem eigentlich Fest die „Bürger und Bürgerssöhne“ aufgerufen – seit wenigen Jahren auch die Ratsfrauen aus dem Hauptausschuss -, darüber zu befinden, ob es denn Sinn macht, erneut ein Schützenfest zu feiern. In Vorzeiten ging es darum, ob die Bürgerschaft aufgefordert werden sollte, die Stadt zu verteidigen. Darum geht es im Prinzip auch noch heute: Die Stadt vor negativen Einflüssen zu beschützen.

 So begründet zur Bürgerversammlung stets ein Komiteemitglied den Verteidigungsfall. Meist geht es darum, ein Zeichen der Lebensfreude gegen die Sorgen des Alltags zu setzen, oder darum, einen wirtschaftlichen Impuls durch ein großzügiges Fest für Handel und Wandel in der Stadt zu inszenieren. Wenn dann hunderte Männer „Zog! Zog!“ skandieren, dann bildet sich aus der Bürgerschaft – zu der ja auch die Frauen gehören – eine marschierende, Uniform tragende Truppe. Die Schützen. Aber auch alle anderen Bürger, Männer wie Frauen, beschützen die Stadt. Frauen zum Beispiel, indem sie viel Organisation in Zügen und Familien übernehmen, ihre Männer bei den Umzügen bejubeln und letztlich mit ihnen auf der Wiese, im Zelt und in den Sälen feiern.

 Im Coronajahr 2020 fiel die Bürgerversammlung dem Lockdown zum Opfer. Aber auch ohne Abstimmung war allen klar: Wer als Schütze beschützen will, der darf nicht fünf Tage lang mit rund 1,5 Millionen Gästen feiern. Wer als Schütze beschützt, der pflegt aber – und wenn es sein muss auf Abstand – Gemeinschaft. Diese Nähe ist in Pandemiezeiten die Antwort auf geschlossene Gaststätten und Geschäfte, auf ausgefallene Feste. Ein Fest mit emotionaler Nähe, das alle mit allen Sinnen wahrnehmen. Gemeinsam allein. So wächst Heimat. Wenn es das Neusser Schützenfest nicht schon gäbe, es müsste erfunden werden.