1. Panorama
  2. 75 Jahre RP
  3. Heimat

Düsseldorf, Köln und Co.: Wie Stadt und Land in NRW profitieren

Konkurrenz und Zusammenarbeit in NRW : Stadt, Land, Fluss

Liebevoll gepflegte Rivalitäten gibt es nicht nur zwischen Köln und Düsseldorf. Auch Stadt und Land ringen um ein Verhältnis auf Augenhöhe. Dahinter stecken handfeste machtpolitische und wirtschaftliche Interessen – von denen beide Seiten profitieren.

Großvater und Enkel stehen in am Rheinufer in Neuss und lassen den Blick schweifen in Richtung Düsseldorf. „Und da drüben“, sagt der Opa, „da beginnt Sibirien.“ So wird es gern erzählt, auf der „richtigen“ Rheinseite, die natürlich links des Flusses liegt, wo bekanntlich die Römer schon vor mehr als 2000 Jahren Wein anbauten und es sich in wohl temperierten Badehäusern mit Fußbodenheizung gut gehen ließen. „Drüben“ war damals noch Urwald und menschliches Leben im besten Falle auf Bäumen auszumachen. Die Szene von Opa und Enkel ist, linksrheinisch natürlich, legendär und wird gern von Generation zu Generation weitergegeben – Ausdruck eines eben ganz speziellen Verhältnisses zwischen der Landeshauptstadt und ihren Nachbarn.

Die Beziehung zwischen Metropole und Umland ist zwiespältig. Die Wurzeln dafür reichen weit zurück, etwa bis zur Belagerung von Neuss durch Karl den Kühnen und sein Burgunder-Heer 1474/75, die mit Kölner (!) Hilfe abgewehrt werden konnte. Das Verhältnis blieb schwierig, auch in der jüngeren Geschichte. 1909 zum Beispiel wurden Heerdt, Lörick, Oberkassel und Niederkassel eingemeindet – Düsseldorf setzte an zum Sprung über den Rhein.

Nur noch ein Fall für die Geschichtsbücher? Das ist eine Sichtweise. Die Frage jedoch, wie Düsseldorf wachsen soll, steht immer wieder im Raum. Mitte der 1970er Jahre ist es die von der Landeregierung angestoßene Kommunale Neugliederung mit Szenarien, nach denen zum Beispiel die Stadt Meerbusch zwischen Krefeld und Düsseldorf aufgeteilt oder Erkrath und Monheim in die Landeshauptstadt eingegliedert werden sollten. Meerbusch rette seine Eigenständigkeit erst durch ein Urteil des Verfassungsgerichts.

Gut 30 Jahre später machte der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) Schlagzeilen mit der Idee eines Stadt-Umland-Verbandes nach dem Vorbild von Hannover oder Stuttgart. In den Rathäusern und Kreisverwaltungen in Neuss und Mettmann herrschte deshalb 2003 Alarmstimmung. Erwins Ansatz: Wer als Wirtschaftsstandort auf internationalem Parkett mit Metropolräumen wie Berlin oder London konkurrieren will, muss sich den Realitäten stellen und darf nicht in alten Strukturen verharren. Düsseldorf habe eine große Strahlkraft, für die Menschen, aber auch für viele Unternehmen im Umland, die den Namen der Landeshauptstadt gern ihrem eigentlichen Standort voranstellen.

Landräte wie Thomas Hendele (CDU) aus Mettmann und Dieter Patt (CDU) aus Neuss machten gegen Erwin mobil. Nichts gegen internationale Aufmerksamkeit für die Region, das Argument, dass kommunale Körperschaften in einer zunehmend mobileren und vernetzten Gesellschaft keine Rolle spielen, ließen sie jedoch nicht gelten: „Gerade in einem Prozess, der zunehmend europäisch bestimmt ist, suchen die Menschen Heimat in den Kommunen“, sagte Patt. Regionale Zusammenarbeit, Weltoffenheit, das Bewahren der Heimat und damit auch der kommunalen Selbstverwaltung dürften keine Gegensätze sein. Neue, immer zentralere, immer größere Strukturen seien kein Wert an sich. Im Gegenteil. Es bestehe die Gefahr, dass das Umland das Nachsehen habe, wenn letztlich alles auf die Bedürfnisse der Landeshauptstadt ausgerichtet würde.

Erfolgreiche Kooperationen zwischen Metropole und Umland schließen solche Vorbehalte allerdings nicht aus. Die Neuss-Düsseldorfer Häfen etwa, nicht zufällig, sondern wegen der wirtschaftlichen Stärke der Partner in dieser Reihenfolge so benannt, sind ein gutes Beispiel. Durch die Fusion 2003 entstand zunächst der drittgrößte Binnenhafen Deutschlands. Seit 2012 arbeiten unter dem Dach „RheinCargo“ Neuss-Düsseldorf und Köln zusammen. Sieben Häfen bilden nun gemeinsam den nach Duisburg zweitgrößten Binnenhafen der Republik, eine Logistikdrehscheibe nicht nur für Güter, die auf Wasser und Straße, sondern auch auf der Schiene transportiert werden. Jüngstes Beispiel ist die Anbindung mit einer Güterzugverbindung an die neue Seidenstraße von und nach China.

Stadt und Land, Metropole und Speckgürtel können gemeinsam mehr, als sich gegenseitig misstrauisch zu beäugen. Der Eine kann nicht ohne den Anderen, diese Erkenntnis hat sich längst durchgesetzt. Viele Unternehmen mit Weltruf sind in Düsseldorf zu Hause, fast ebenso viele jedoch in den umliegenden Städten: 3M, Toshiba, Epson, UPS, Kyocera, Pierburg, Bayer, Lanxess, Hydro, die Liste lässt sich fortsetzen. Aus Japan, USA, China und anderen Wirtschaftsnationen finden Firmen im Umfeld von Düsseldorf, was dort ein knappes und deshalb extrem teures Gut ist: Platz. Zudem ist der Siedlungsdruck von Düsseldorf ins Umland weiter enorm, auch wenn die Landeshauptstadt in den vergangenen Jahren den Wohnungsbau wieder stärker in Blickfeld gerückt hat.

Die Städte und Kreise rund um die Landeshauptstadt haben Jahrzehnte davon profitiert: steigende Bevölkerungszahlen auch in Zeiten, in denen andere Landstriche zu veröden drohen, hohe Gewerbesteuereinnahmen, Bauboom, Wirtschaftswachstum, Wohlstand. Das macht stark und selbstbewusst. Kaum ein Projekt, eine Kooperation mit Düsseldorf, in der nicht direkt zu Beginn das Wort Augenhöhe fällt.

Gleichzeitig stellt der Erfolg die Umland-Kommunen vor Probleme: Wohnraum ist auch dort längst knapp und die Zeiten, in denen bereitwillig Grundstücke für XXL-Logistiker mit hohem Flächenverbrauch aber vergleichsweise wenigen Arbeitsplätzen zur Verfügung gestellt wurden, sind vorbei. Dafür kommt neue Bewegung in die Innenstädte. Bürgermeister Reiner Breuer (SPD) aus Neuss zum Beispiel verweist gern auf die vielen Baukräne, die sich in der City drehen. Aus alten Industriegeländen werden neue Quartiere fürs Wohnen und Arbeiten, nicht nur mit exklusiven, sondern auch mit bezahlbaren Adressen. Dabei stehen Konzepte für neue, generationsübergreifende Wohnformen, für innovative Mobilität – ein Beispiel sind die autonom fahrenden Linienbusse in Monheim -, aber auch für klimagerechtes Bauen hoch im Kurs – und der Metropole in nichts nach. Nicht selten wird „das Land“ zum Vorreiter.

Die Städte und Gemeinden rund um Düsseldorf zählen nicht ohne Grund zu den Regionen in Deutschland, die nicht nur in Wirtschaftsrankings, sondern auch bei Vergleichen zur Lebensqualität gute Plätze belegen. Soll das so bleiben, kommt es in Zukunft auf mehrere Faktoren an: Dazu gehören der Strukturwandel im Rheinischen Braunkohlerevier, das sich nach Jahrzehnten als Energieregion mit dem Kohleausstieg neu erfinden muss, ebenso wie Lösungen für fehlenden Wohnraum und eine Infrastruktur, mit der die Menschen zwischen Stadt und Land mobil bleiben und gleichzeitig die gerade im Ballungsraum so wichtigen Klimaziele erreichen.

Soll das gelingen, braucht es allerdings Abstimmung und Kooperation. Mit Kirchturmspolitik sind diese Zukunftsaufgaben nicht zu lösen. Ein Versuch dazu heißt Metropolregion Rheinland. 23 Städte und Kreise, der Landschaftsverband, Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammern schlossen sich 2017 zusammen, nicht von oben verordnet, keine Zwangsehe per Gesetz, sondern als eingetragenen Verein. Sein Ziel: Das Rheinland als Metropolregion von europäischer Bedeutung im nationalen, europäischen und globalen Wettbewerb erfolgreich und als Wohn‐ und Wirtschaftsstandort attraktiv machen. Außerdem soll das Rheinland endlich nach außen und innen als Region wahrgenommen werden – „Metropolregion“ soll in NRW nicht länger ein Synonym für das Ruhrgebiet sein, das sich seit 2005 als „Metropole Ruhr“ vermarktet.

Köln und Düsseldorf, die beiden Großen im Bunde der Rheinländer, sind dabei wichtig, sollen aber nicht den Ton angeben: In den Gründungsstatuten der Metropolregion verbrieft, gilt das Prinzip der gleichen Augenhöhe zwischen den Partnern, insbesondere auch für das Verhältnis zwischen den Städten und den ländlichen Regionen im Rheinland. Das klingt gut, erweist sich jedoch in der Umsetzung als ausgesprochen schwierig. Die Metropolregion kommt nur schleppend in Fahrt, denn in dem Mega-Bündnis der gleichberechtigten Kommunen fällt es schwer, gemeinsame Ziele zu definieren und in konkretes Handeln umzusetzen. Die Bilanz der Metropolregion nach vier Jahren ist mager. Gleichzeitig steigt der Erfolgsdruck, denn in der globalisierten Welt bleibt das Rheinland nur sichtbar, wenn es gemeinsam agiert.

Düsseldorfs neuer Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) und Landrat Hans-Jürgen Petrauschke (CDU) aus dem Rhein-Kreis Neuss haben schon im Wahlkampf und bei ersten Treffen nach der Wahl betont, dass existenzielle Probleme der Region, Beispiel Mobilität, nur gemeinsam zu lösen sind: „Wir brauchen mehr Brückenschläge über den Rhein, denn die Menschen in unserer Region denken nicht so sehr in Stadtgrenzen, wie wir es in den politischen Entscheidungen gewohnt sind.“ Politisches Handeln müsse sich mehr an „Lebenswirklichkeiten“ ausrichten. Das klingt nach Selbsterkenntnis und ist gleichzeitig Messlatte für Fortschritte auf dem Weg zu einer Region, die nicht nur so heißt, sondern auch so handelt. An den meisten Rheinländern in Stadt und Land dürfte das nicht scheitern, denn auch wenn sie Legenden wie die vom rechtsrheinischen „Sibirien“ pflegen, insgeheim sind sie doch so gern beiderseits des Rheins unterwegs, in Stadt und Land, von „Kö“ bis Kopfweiden, von Urbanität bis Ursprünglichkeit.