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Xanten: Weizenernte so weit wie noch nie

Xanten : Weizenernte so weit wie noch nie

„Im Märzen der Bauer“ – dieses berühmte Volkslied steht Pate für eine Serie der Rheinischen Post und der Volksbank Niederrhein. Ein Jahr lang begleiten wir Bauern aus der Region. In der fünften Folge sind wir bei Robert Matthaiwe (29) aus Xanten zu Gast und begleiten ihn bei der Getreideernte.

Robert Matthaiwe ist durch: Der Landwirt hat all sein Getreide gedroschen. Er sagt: „Noch nie war die Ernte so entspannt wie in diesem Jahr.“ Kein Wunder, denn aufs Wetter – besser gesagt auf drohende Niederschläge – musste er in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten wahrlich nicht achten. „Richtigen Regen haben wir seit Mai nicht mehr gehabt“, sagt Matthaiwe. Das hat natürlich auch Nachteile. Doch dazu später mehr.

Robert Matthaiwe, 29 Jahre alt, hat schon früh in seinem Leben Verantwortung übernommen. Seit zehn Jahren führt er den Großen Heeshof in Birten. Sein Vater, der ebenfalls Robert heißt, ging 2008 mit 65 Jahren in Rente. Robert Matthaiwe junior, der damals gerade erst die Ausbildung zum Landwirt abgeschlossen hatte, übernahm den Ackerbaubetrieb mit Ställen, Flächen und einer Reithalle für Pensionspferde als zweites Standbein. Bereut hat er den großen Schritt nie.

Schon als Kind durfte er auf dem Feld die Maschinen führen. „Das hat mir immer sehr viel Freude bereitet.“ Ja, der Große Heeshof ist ein Familienbetrieb, geführt in fünfter Generation. „Auch wenn mein Vater offiziell im Ruhestand ist, hilft er tagtäglich mit. Alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen“, sagt Matthaiwe. Er lacht, fügt hinzu: „Im Vergleich zu früher hat sich die Arbeit natürlich sehr verändert. Früher haben wir 10.000 kleine Ballen gepresst, heute sind es 2500 Rundballen. Damals hat mein Vater die Ernte reingeholt und gut war es. Heute muss ich den Weltmarkt im Blick haben, mich über Preise und Prognosen informieren, täglich lesen.“ Behilflich sind ihm dabei Smartphone und Tablet. Darauf befinden sich Börsen-Apps, damit kann er auch seine Beregnungsanlage für die Kartoffeln ein- und ausschalten.

 Robert Matthaiwe (29) ist staatlich geprüfter Ackerbetriebswirt und führt seit zehn Jahren den Großen Heeshof mit 160 Hektar Land.
Robert Matthaiwe (29) ist staatlich geprüfter Ackerbetriebswirt und führt seit zehn Jahren den Großen Heeshof mit 160 Hektar Land. Foto: Fischer, Armin (arfi)
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Neben dem Getreideanbau pflanzt Robert Matthaiwe noch Zuckerrüben, Kartoffeln, Mais und Raps an. Seit einem Jahr kommt ein halber Hektar Land für Speise- und Zierkürbisse hinzu. Insgesamt bewirtschaftet die Familie Matthaiwe – auch Bruder Lucas (28) hilft mit – mit einem Festangestellten und mehreren Aushilfen zur Erntezeit („Die Jungs helfen schon seit 20 Jahren“) 160 Hektar Land. Damit gehören sie wie auch schon die Familie Scholten aus Lüttingen zu den acht Prozent der Betriebe in NRW, die zwischen 100 und 200 Hektar landwirtschaftliche Fläche bewirtschaften. Die meisten Bauern (27 Prozent) haben 20 bis 50 Hektar, nur ein Prozent bewirtschaftet mehr als 200 Hektar. Die Zahlen stammen aus 2016 und wurden von der Landwirtschaftskammer NRW veröffentlicht. Die durchschnittliche Betriebsgröße ist 42,8 Hektar, darin sind auch die Nebenerwerbsbetriebe enthalten.

Während in NRW auf fast 50 Prozent der Flächen Getreide angebaut wird, sind es bei Matthaiwe sogar 55 Prozent. „Das Getreide hat für uns den höchsten Stellenwert. Wir benötigen das Stroh zu großen Teilen für unseren Pensionsbetrieb. Auch die umliegenden Betriebe versorgen wir damit“, sagt Matthaiwe. Das Korn geht derweil zu 80 Prozent in die Saatgutvermehrung. Die restlichen 20 Prozent verkauft er als Viehfutter an umliegende Genossenschaften und Firmen. „Ich würde es zwar lieber sehen, wenn daraus Brot gebacken werden würde. Doch die nächstgelegenen Kornmühlen sind viel zu weit weg. Das rechnet sich nicht. Zudem kommen von einem Brötchen, das für etwa 22 Cent im Laden verkauft wird, nur zwei Cent beim Landwirt an.“

 So sehen gute Körner aus, 2018 sind es allerdings 30 Prozent weniger.
So sehen gute Körner aus, 2018 sind es allerdings 30 Prozent weniger. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Die Getreideernte 2018 war eine besondere. „Sie ist notreif“, sagt Matthaiwe. Wird der Winterweizen normalerweise erst Ende Juli gedroschen, so liegen die Landwirte in diesem Jahr hier bereits in den letzten Zügen. Auch die Wintergerste wurde im Kreis Wesel zwei Wochen früher als üblich eingefahren. Grund dafür sind die lang anhaltenden, trockenen und heißen Temperaturen.

„Dabei hat das Jahr so gut angefangen“, wie Matthaiwe erklärt: „Wir sind aus dem Winter mit einer guten Bodengare gekommen.“ Damit ist der Zustand des Bodens gemeint – gut durchgefroren und gelockert. Optimale Bedingungen also für den Ackerbau. Im Frühjahr kam der Niederschlag – und zwar so sehr, dass die Aussaat weit nach hinten rückte. Mattheiwe erinnert sich: „Die Rüben haben wir erst am 19./20. April gesät, das ist für die leichten Böden, wie wir sie hier auf dem Fürstenberg haben, relativ spät.“ Es folgten die heftigen Gewitter im Mai, und dann war auch schon Schluss mit Regen.

Das hat Folgen. „Wir haben einen Ernteausfall von rund 30 bis 35 Prozent“, sagt Matthaiwe. Er erklärt: „Im Herbst säen wir rund 300 Körner auf den Quadratmeter. Im Frühjahr sind es dann 550 bis 650 Halme. Doch die hohen Temperaturen setzen den Pflanzen zu. Sie stoßen die Nebentriebe ab, um den Haupttrieb zu erhalten. Dadurch gibt es weniger Körner. Auch das Stroh ist sehr trocken und brüchig. Deshalb dreschen wir zur Zeit auch nachts.“

Der Ernteausfall zieht übrigens einen Rattenschwanz nach sich, wie Robert Matthaiwe meint. Und dieser heißt Düngeverordnung. Seit Mai 2017 regelt diese, basierend auf dem Düngegesetz, die Anwendung von Düngemitteln, Bodenhilfsstoffen, Kultursubstraten und Pflanzenhilfsmitteln. Laut NRW-Umweltministerium wird damit unter anderem die Düngung nach dem Düngebedarf der Pflanzen, die maximale Menge für Wirtschaftsdünger wie Gülle und Mist, die Zeiten, in denen keine Ausbringung erfolgen darf, die Bodenverhältnisse, bei denen nicht gedüngt werden darf, die Anforderungen zur Emissionsminderung bei der Ausbringung, die Anforderungen an die Lagerkapazität von Wirtschaftsdüngern, die Aufzeichnungs- und Dokumentationspflichten und die Abstände zu Gewässern geregelt.

 Mit dem Korntankrohr werden die Körner auf den Anhänger befördert.
Mit dem Korntankrohr werden die Körner auf den Anhänger befördert. Foto: Fischer, Armin (arfi)

„Wir müssen schon im Frühjahr festlegen, wie hoch unsere Ertragserwartung ist. Dementsprechend viel oder wenig darf dann im Herbst und im nächsten Frühjahr gedüngt werden. Bei acht Tonnen Kornertrag macht das 175 Kilogramm Stickstoff. Wenn wir nun aber nur fünf Tonnen Kornertrag haben, sind es auch nur 140 Kilogramm Stickstoff. Dabei ist es wissenschaftlich erwiesen, dass die Pflanze Stickstoff braucht“, sagt Matthaiwe. Auch das Umweltministerium schreibt: „Pflanzen müssen ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden, um ein ausgewogenes Wachstum der Kulturpflanzen, gute Qualität der Produkte und eine nachhaltige Bodenfruchtbarkeit sicherzustellen.“

Unabdingbare Voraussetzung sei es jedoch, dass es durch die Anwendung von Düngern nicht zu Umweltproblemen oder vermeidbaren Beeinträchtigungen für Mensch und Natur kommt. „Das wollen auch wir Landwirte nicht. Wir leben schließlich von unserem Boden. Zudem müssen wir den Stickstoff für 65 bis 85 Cent pro Kilogramm bezahlen. Je weniger wir davon kaufen müssen, desto mehr bleibt für den Betrieb“, sagt Matthaiwe, der hofft, dass die Düngeverordnung irgendwann wieder gelockert wird. In Schweden habe man das bereits getan.

Ein Gutes haben die lang anhaltende Trockenheit und Hitze dann aber doch. Denn sie ist nicht nur ein deutschlandweites, sondern auch ein (ost)-europäisches Problem. Russland und die Ukraine werden 2018 zusammen zwischen 15 bis 20 Millionen Tonnen weniger Weizen ernten. Auch in der EU wird die Produktion zurückgehen, Ausnahmen sind Spanien, Frankreich und England. Für Deutschland wird eine Weizenernte von 22 Millionen Tonnen erwartet (Vorjahr: 24 Millionen Tonnen). Dadurch übersteigt die Nachfrage erstmals wieder das Angebot. Die Folge: Die Preise ziehen an. Matthaiwe: „Noch ist der Markt verhalten, doch langsam geht es nach oben.“ Aktuell liegt der Preis an der Börse bei 186 Euro pro Tonne. Das ist ein Plus von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beim Bauern vor Ort kommen allerdings 20 Euro weniger an.