Xanten: Der Mann für die Geschichte

Xanten : Der Mann für die Geschichte

Amerikanische Studenten büffeln europäische Geschichte an einem Zweig ihrer Hochschule in den Niederlanden. Den deutschen Teil unterrichtet der Xantener Historiker Dr. Ralph Trost, Leiter des Museums „Nibelungen(h)ort“.

In der Feier zum Gedenken der Opfer des Explosionsunglücks vor 65 Jahren in der Xantener Munitionsfabrik in der Hees sprach Dr. Ralph Trost. Der Wissenschaftler war kurz zuvor von einer Studienreise mit seinen amerikanischen Studenten aus Prag zurückgekommen – auch aus Theresienstadt. Die jungen Leute – zwischen 19 und 23 Jahre alt – kennen zwar den Film „Schindlers Liste“, den Begriff „Wannsee-Konferenz“ haben die meisten aber noch nie gehört.

Aufenthalt prägt

Wie reagieren junge Amerikaner, wenn ein ebenfalls noch junger deutscher Historiker sie in die Kapitel der deutschen Geschichte führt, die auch zur europäischen gehören ? Dr. Ralph Trost: „Sie verlieren ihre Fokussierung auf Amerika. Die meisten von ihnen kommen vermutlich nie wieder nach Europa. Doch der Aufenthalt hier prägt sie fürs Leben.“

In den Köpfen seien die jungen Amerikaner frei; sie übertrügen keine Schuldbilder aus der Geschichte. „Weder auf das Nachkriegsdeutschland noch auf mich. Der Professor ist der Professor.“ Gleichwohl sei es gerade beim aktuellen Besuch zu bewegenden Szenen gekommen. „Die klappen um, wenn sie die Bilder sehen. Eine Studentin ist weinend rausgelaufen; sie hatte auf einem Foto einen Verwandten erkannt.“

Zweimal im Jahr schickt das Emmerson-College in Boston 80 Studenten für den Studiengang „Art and Communication“ für drei Monate nach Europa. Im niederländischen Well kaufte die Hochschule bereits vor 20 Jahren ein Wasserschloss, das für Unterricht und Unterkunft umgebaut wurde. Trost: „Unterricht ist Montag bis Donnerstag. Freitag bis Sonntag müssen sich die Studenten in Europa umsehen und garantiert wieder am Montag in der Vorlesung sein.“ Es werden Klausuren geschrieben und zum Abschluss Prüfungen abgelegt. Das Fach Geschichte gehört dazu.

Das Seminar des Xantener Historikers (die Weltkriege und die Nachkriegszeit) haben einmal wöchentlich 25 Studenten belegt. Mit ihm fahren sie beispielsweise nach Prag oder nach London, wo verschiedene Museen auf dem Lehrplan stehen. „Den Unterrichtsrahmen und den Lehrstoff gibt Boston mit klaren Regeln vor. Ziel ist es, Geschichte so zu vermitteln, dass die Studenten mit dem Wissen später im Berufsleben arbeiten können.“

„Ein Wissenschaftler muss lehren“, erläutert Ralph Trost seine Motivation für den Lehrauftrag. Und er gewinnt aus der Arbeit und den Exkursionen mit den amerikanischen Studenten selber wieder Erkenntnisse für seiner Arbeit in Xanten. Die Planung für den „Nibelungen(h)ort“ geht in Riesenschritten weiter, auch wenn der erhoffte Umbaustart nicht so großflächig wie erhofft im August beginnen konnte. Die Bauverzögerungen am neuen Römischen Museum des Landschaftsverbands wirken sich auch auf den Zeitplan für den „Nibelungen(h)ort“ auf.

Trost hält jedoch einen Eröffnungstermin Ende 2008 bis Anfang 2009 für realistisch. Brandaktuell überarbeitet hat Gabriele Bühner, Architektin des Dienstleistungsbetriebs (DBX), die Sanierung und Raumplanung für die städtischen Gebäude vom Drei-Giebel-Haus (über der TIX) über Mitteltor und Wehrgang bis einschließlich Meerturm. So wird im Obergeschoss das Museum mit der Einführung in das Nibelungenlied und die Siegfriedsage sowie deren mittelalterlicher Rezeption beginnen.

Das Untergeschoss ist der modernen Rezeption vorbehalten, die im 18. Jahrhundert anknüpft an die Wiederentdeckung der Handschrift des Nibelungenlieds. Dieser Weg führt auch durch die düsteren Kapitel der Stadtgeschichte – die Zerstörung Xantens im Zweiten Weltkrieg. Den Abschluss bildet ein Filmsaal. Denn die Nibelungen waren und sind Filmstoff – von Fritz Lang bis zu Bugs Bunny.

Im zentralen Gewölbe des Meerturms hat der Trägerverein des Museums eine Holographie vorgesehen. „Immer dann, wenn ein Besucher den Raum betritt, erscheint das Hologramm eines Minnesängers, der die Xanten betreffenden Zeilen aus dem Nibelungenlied rezitiert.

1500 Jahre Geschichte, die in Xanten begann und dort endet, werden auf 600 Quadratmeter Fläche dargestellt. Und trotz der engen Zusammenarbeit mit dem Museum in Worms wird der „Nibelungen(h)ort“ kein Literaturmuseum, wie Trost im Gespräch betont. „Wir wollen Leute motivieren, sich wieder verstärkt mit Geschichte und Literatur zu beschäftigen.“

Wer war Siegfried ?

Trost erinnert daran, dass gerade erst am vergangenen Sonntag der TV-Sender „arte“ sich den Nibelungen mit einem Schwerpunkt gewidmet hat. „Das Thema bleibt weiterhin aktuell, wie auch neue Theorien zu Siegfried belegen: War Siegfried Viktor oder gar Arminius ? War der Lindwurm gar ein Symbol für die entlang des Rheins geschlagenen römischen Legionen ?“Das Heldenepos sei der Aufhänger für Kultur und Geschichte. Dabei gebe es in Xanten die glückliche Konstellation, dass der „Nibelungen(h)ort“ auch Bindeglied zwischen Römisches Museum (fertig im Sommer 2008) und Stiftsmuseum (fertig im Frühjahr 2009) sein kann. Die Kooperation zwischen den Museen nennt Trost sehr gut. „Drei Museen in der Stadt – wir können uns den Ball zuspielen.“

(RP)
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