Myhl: Chroniken der Bürgemeisterei gefunden

Bürgermeisterei-Chroniken entdeckt : Ein Griff in die Myhler Geschichtstruhe

Vor rund drei Jahren finden Christoph Steffens, Dieter Krappen und Sepp Becker einen historischen Schatz: die Chroniken der Bürgermeisterei Myhl für die Jahre 1825 bis 1931. In mühseliger Fleißarbeit fertigen sie eine Abschrift an und zeichnen damit ein deutliches Bild der damaligen Gesellschaft.

Wie beeinflussten Naturkatastrophen und Wetterumschwünge die Hungersnöte im 19. Jahrhundert? Welche Auswirkungen hatte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf die Region? Welche kuriosen Todesfälle ereilten die Menschen damals und wie sah die Myhler Gesellschaft im Allgemeinen aus? All diese Informationen wurden zur damaligen Zeit in den sogenannten Bürgermeisterei-Chroniken für die Nachwelt dokumentiert.

Im frühen 19. Jahrhundert mussten auf Anweisung der preußischen Verwaltung alle Bürgermeister Jahresberichte über die Ereignisse in ihrer Verwaltungseinheit verfassen – die Bürgermeisterei-Chroniken. Viele Chroniken sind mit der Zeit leider verschollen oder sogar verbrannt worden. Doch nicht die Chronik der ehemaligen Bürgermeisterei Myhl, zu der damals noch Altmyhl, Wildenrath, Arsbeck, Dalheim und Rödgen gehörten. Vor rund drei Jahren stoßen Christoph Steffens, Dieter Krappen und Sepp Becker zunächst auf einen kleinen Teil der Wassenberger Chronik, etwas später dann auch auf die Birgelener. „Wir haben dann im Myhlener Heimatmuseum nachgeschaut, ob die Bürgermeisterei-Chroniken hier vielleicht auch erhalten sind“, erzählt Dieter Krappen, der die Archivgruppe der Pfarrei St. Marien Wassenberg ins Leben gerufen hat. Und tatsächlich: In vier großen Lederbänden finden die geschichtsinteressierten Männer die vollständige Chronik für die Bürgermeisterei Myhl. Jährliche Dokumentationen der damaligen Bürgermeister von 1825 bis 1931. Der Haken an dem historischen Fund: Die Texte sind teilweise in der alten deutschen Kurrent- oder Sütterlinschrift verfasst. Auch die veraltete Grammatik und unbekannte Wörter erschweren es, aus den Dokumenten inhaltliche Schlüsse ziehen zu können. „Zum Glück haben wir ja Christoph Steffens, der diese alten Schriften entziffern und lesen kann“, erklärt Sepp Becker. Bei Steffens wird das Interesse an der Kurrent- und Sütterlinschrift schon früh durch Stammbäume, Feldpostbriefe und andere historische Quellen geweckt. „Dann habe ich mir das lesen selber beigebracht. Wenn man mit Geschichte arbeitet, muss man diese Schriften entziffern können“, meint er.

So starten die drei Hobby-Historiker das Projekt, die vier erhaltenen Myhler Chroniken in die heutige Schriftform zu übertragen und damit für alle lesbar zu machen. „Das war auf jeden Fall eine Herausforderung“, erklärt Christoph Steffens, der als Berufstätiger seine Zeit nach Dienstschluss für das Abschreiben genutzt hat. „Wenn man da einen längeren Zeitraum dran gearbeitet hat, musste man das Projekt aber auch mal für vier Wochen an die Seite legen.“ Rund drei Jahre später sind die Abschriften, die in zwei Bänden auf den Markt kommen, fertig. Der erste Band beinhaltet die Jahre 1825 bis 1874, im zweiten werden die Jahre 1875 bis 1931 thematisiert.

„Die Jahre beginnen oft mit einer Beschreibung der Witterung und der Ernte. In Zeiten von Hungersnöten waren das die relevanten Themen“, erzählt Krappen. „Man findet aber auch Informationen über Todesfälle, Morde, Viehzucht, Gesundheit, den Bergbaustart, Vorfälle mit Schmugglern an der Grenze oder Reaktionen auf die überregionale Politik.“ Für Sepp Becker ist es wie eine „Geschichtstruhe, wo sich jeder genau das herausnehmen kann, wofür er sich interessiert.“