Natur in Schwalmtal: Früher gab es auch im Tal der Schwalm Wölfe

Natur in Schwalmtal : Früher gab es auch im Tal der Schwalm Wölfe

Das Raubtier ist auch in Nordrhein-Westfalen wieder auf dem Vormarsch. Nicht jeder ist von dieser Entwicklung begeistert.

„Ein Wolf ist und bleibt ein Raubtier.“ Karl-Heinz Schroers liebt Tiere. Aber manche Äußerung zur Rückkehr der Wölfe in NRW erscheint dem 71-Jährigen „doch etwas naiv“. Der Heimatforscher aus Waldniel hat deshalb in den Annalen geblättert und ist auf eine Wolfsplage im Tal von Schwalm und Maas zu Beginn des 19. Jahrhunderts gestoßen. Tatsächlich verzeichnet der Chronist neun tote Kinder durch Wolfsangriffe in den Jahren 1810 und 1811 im Grenzland.

Am 31. Oktober 1810 beispielsweise sprang ein Wolf in Wegberg-Merbeck von einer Anhöhe auf die Kinder Willem Lenaerts und Anna Catharina Jans, die Hand in Hand unterwegs waren. „Durch die Wucht des Aufpralls fielen beide zu Boden. Willem stieß einen kurzen unterdrückten Schrei aus“, berichtet Schroers. Der Wolf verschleppte den neunjährigen Jungen in den Wald, während sich die 14-jährige Anna Catharina retten konnte. „Am nächsten Morgen fand man in einem Sumpfgebiet die Leiche des Kindes“, so Schroers. Die anderen acht toten Kinder waren im gleichen Zeitraum in Silverbeek bei Niederkrüchten, in Arsbeck, in Bracht, in Oebel bei Brüggen sowie in den niederländischen Orten Beesel, Posterholt, Kessel und Helden zu verzeichnen. Das Grenzland blies zu einer Attacke gegen den Kindsmörder und organisierte Ende 1810 eine Wolfstreibjagd im Gebiet von Venlo im Norden, Echt im Süden, Meijel im Westen und Dülken im Osten. „Mehr als 6000 Personen wurden hierbei eingesetzt, darunter 573 Jäger aus 51 Gemeinden sowie 255 Soldaten der französischen Besatzungstruppen. Kein Wolf sollte mehr sicher sein“, berichtet Schroers.

Der Heimatforscher geht davon aus, dass die Überfälle vor gut 200 Jahren von einem einzelnen Wolf verübt worden sind. „Heutzutage hören wir selten von Wolfsangriffen auf Menschen. Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema der Wölfe“, sagt der 71-Jährige. Zum anderen würden nur noch äußerst selten Kinder zum Hüten von Nutztieren eingesetzt. Für Paul Derix ist das ein schwacher Trost. Der 73-Jährige unterhält in Niederkrüchten-Laar eine Schafherde. Mit ungutem Gefühl hat der Tierhalter gelesen, dass sich der Wolf wohl wieder in Nordrhein-Westfalen ausbreitet. Die Spuren des Raubtiers sind aktuell auch am Niederrhein nachweisbar.

Gerissene Schafe, Fotobeweise und Totfunde: Die amtlich bestätigten Wolfsnachweise in NRW häufen sich. Das Landesumweltamt hat allein in 2019 zwei Dutzend Belege geführt. Nach genetischen Nachweisen gilt der Wolf, der vor 200 Jahren in NRW ausgerottet worden ist, wieder heimisch im bevölkerungsreichsten Bundesland. Der vierbeinige Räuber streift durch Eifel, Sauerland, aber auch über den Niederrhein. Paul Derix fährt täglich zum heimischen Derixhof nach Laar, um nach den Schafen zu sehen. Die Tiere freuen sich, wenn er mit dem Trog in der Hand kommt und ihnen Futter gibt. Mittlerweile schweift sein Blick auch immer über die Wiesen, Felder und angrenzenden Waldgebiete. „Ob da wohl schon ein Wolf lauert? Möglich ist es“, sagt der Naturfreund.

Heimatforscher Karl-Heinz Schroers und Schafbesitzer Paul Derix fordern, Wölfe abzuschießen, wenn sie gefährlich werden. Foto: Axel Küppers

Derix und Schroers sind sich einig: Wenn der Wolf wieder zur Gefahr für Mensch und Tier wird, muss er abgeschossen werden. Die Schwalmtaler verweisen auf die aktuelle Rechtslage. „Die Bundesregierung hat am 22. Mai 2019 den leichteren Abschuss von Wölfen beschlossen, weil die Klagen der Weidetierhalter immer größer wurden“, betont Karl-Heinz Schroers. Aufgrund des besonderen Schutzes dürfe der Wolf grundsätzlich aber nicht bejagt werden.

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