Lobberich: Modernes Wohnen im Industrieambiente

Lobberich : Modernes Wohnen im Industrieambiente

Im alten Backsteinhaus der ehemalige Longlife-Teppichwerke an der Niedieckstraße in Lobberich entstehen elf moderne Wohnungen. Dazu wurde das Gebäude kernsaniert. Es soll im März 2020 fertiggestellt sein.

Wer schon immer mal mit dem Kopf durch die Wand wollte, hat auf der Baustelle vom Longlife-Wohnpark derzeit Gelegenheit dazu. An der Niedieckstraße 55 wird zurzeit das alte Backsteingebäude kernsaniert. Dort entstehen auf drei Etagen elf Wohnungen, neun davon mit Balkon und Terrassen. Im zweiten Obergeschoss entstehen zwei schöne Loftwohnungen, das Dachgebälk bleibt sichtbar.

Während auf dem Gelände der ehemaligen Longlife-Teppichwerke ein Ensemble moderner Wohnhäuser entstanden ist, bleibt mit dem Backsteinhaus aus dem Jahr 1902 ein historischer Teil des Werkes erhalten. Die Brüder Harald und Hans-Jürgen Cleven haben sich entschlossen, diesen Teil ihres ehemaligen Werkes nicht abzureißen, sondern zu erhalten. Wohnen im alten Industrieambiente besitzt für viele einen hohen Charme.

Architektin Stefani Kremer vom Nettetaler Architekturbüro Kremer bringt viel Erfahrung in Sachen Sanierung und Denkmalschutz mit. Noch verhüllen Folien an den Gerüsten den Blick auf das Gebäude, auch fehlt der Aufzugsturm, der seitlich ans Gebäude angedockt wird. Damit werden die Wohnungen, die sonst über ein großzügiges Treppenhaus erschlossen werden, auch barrierefrei zugänglich.

Die Brüder Cleven investieren eine einstellige Millionensumme in das Projekt. Auf drei Etagen entstehen elf Wohnungen, 65 bis 125 Quadratmeter groß. Weil das Gebäude entkernt wurde, sind die Wohnungen energetisch und baulich wie ein Neubau. Die Raumhöhe beträgt allerdings 3,30 Meter. Das Besondere ist eben die historische Hülle. Und die Loft-Wohnungen mit Blick ins Dachgebälk sind alles andere als alltäglich.

Der Backsteinbau liegt direkt an der Straße. Dahinter erstrecken sich mehrere Neubauten des Longlife-Wohnparks auf dem ehemaligen Fabrikgelände. Foto: Heribert Brinkmann

Wie Harald Cleven, früher kaufmännischer Gesellschafter der Longlife-Teppichwerke, erzählt, wurde das markante Backsteingebäude von den Teppichwerken als Showroom, Tagungsort und Lager genutzt. Ursprünglich war das Gebäude 1902 von der Textilfirma de Ball als Lager und Kantine errichtet worden. Von 1933 bis 1974 diente das Haus dem Krawattenhersteller A. Birgelen & Co. als Betriebsgebäude. 1975/76 übernahmen Krey & Cleven das Gebäude. Für Longlife, spezialisiert auf hochwertige textile Bodenbeläge, die weltweit in Banken und Büros zum Einsatz kamen, wurde das Haus zum Showroom. Nachdem das Haus einige Jahre leer gestanden hatte, kehrte neues Leben dort ein. „Hier gaben sich internationale Unternehmen, Architekten und Designer die Klinke in die Hand“, wie Harald Cleven berichtet. Longlife war das letzte große Textilunternehmen in Nettetal. Aber 2009 war auch für Longlife Schluss.

Bauherr Harald Cleven auf der Baustelle an der Niedieckstraße 55. Foto: Heribert Brinkmann

Es gab zu dieser Zeit noch zwei Betriebsteile. Mitten in der Stadt befand sich die Nassveredlung. Damals war geplant, beide Betriebsteile an der Niedieckstraße zusammenzuführen. Doch dann kam die Finanzkrise 2008 mit der Pleite von Lehman-Brother. Die zweistellige Millioneninvestition, die das Unternehmen für die Zusammenlegung gebraucht hätte, war durch die Finanzkrise plötzlich in Frage gestellt. Die Eigentümer zogen die Notbremse. Harald Cleven, der noch heute im Vorstand des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie tätig ist, hat die Entwicklung dieser Sparte hautnah verfolgt. Bis auf technische Stoffe ist die Textilindustrie aus Deutschland quasi verschwunden. Der globale Markt hat sich dramatisch verändert.

Nachdem 2009 der Betrieb eingestellt worden war, wurden die Fabrikhallen mit Sheddach abgerissen und in der Folge in ein kleines Neubau-Wohngebiet umgewandelt: der Longlife-Wohnpark. Auch das ehemalige Girmes-Gelände auf der anderen Straßenseite wurde neu bebaut. Die Textilindustrie in Lobberich ist Geschichte, durchaus anfangs eine erfofgreiche. 1954 stellte das Unternehmen als erstes in Europa Perlon-Pelze und Perlon-Teppiche her. Das hundert Mitarbeiter zählende Unternehmen mit Weberei, Färberei, Druckerei und Ausrüstung konzentrierte sich zuletzt auf hochwertige Teppichböden und Bodenbelagssysteme, deren Design so außergewöhnlich war, dass es mehrfach mit dem begehrten Red Dot Design-Award ausgezeichnet wurde. Im Büro von Harald Cleven, an den Wänden Porträts von Vater und Großvater, liegt ein Longlife-Teppichboden, der 35 Jahre alt ist und immer noch sehr gut aussieht.