Zeugnisausgabe in Krefeld: Interview mit Psychologe Thomas Aigner "Bei schlechten Noten erst mal Pizza essen"

Krefelder Psychologe zu Zeugnissen: „Bei schlechten Noten erst mal Pizza essen“

Heute gibt es Zeugnisse in NRW. Thomas Aigner vom psychologischen Dienst in Krefeld gibt Tipps, wie Schüler und Eltern mit schlechten Noten umgehen können – und spricht über wachsenden Leistungsdruck.

Zeugnistag bedeutet für viele die Stunde der Wahrheit. Erleben Sie beim Psychologischen Dienst, dass der Zeugnistag immer noch ein Angstdatum ist?

Thomas Aigner Die Situation hat sich in den letzten Jahren deutlich gebessert. Seit den 1970er Jahren gibt es das Zeugnistelefon. Damals war es die Stunde der Wahrheit, weil Eltern über Leistungen voher oft gar nicht informiert waren. Das hat sich in den Schulen deutlich verbessert. Es gibt Elternsprechtage, Eltern erfahren, wie die Leistungen ihrer Kinder sind. Es gibt noch wenige Schüler, die es schaffen, schlechte Noten zu verheimlichen und dann am Zeugnisfreitag bei uns anrufen. Aber diese wenigen sind es uns wert, dass wir die  Zeugnissprechstunde weiter bereithalten. Die meisten Termine haben wir nach den Zeugnissen, wenn es darum geht, wie man die Probleme lösen kann.

Trotzdem ist die Beratungsstelle in diesen Wochen besonders beansprucht. Woran liegt das?

Aigner  Um den Jahreswechsel sind viele schulische Themen virulent: Es gibt die Elternsprechtage und die Zeugnisse, aber auch viele Entscheidungen über die Schullaufbahn: Soll das Kind aufs Gymnasium, bekommt es eine Empfehlung für die erhoffte Schulform? Andererseits haben wir von November bis Januar mehr Anmeldungen, weil um den Jahreswechsel viele an die Grenzen ihrer emotionalen Ressourcen kommen. Stichwort Novemberdepression. Und Stress. Für manche Schüler bedeutet es schon Stress, wenn sie morgens im Dunklen auf die Straße müssen. Man hat gute Erfahrungen in Studien gemacht, wo die Schulen erst um 9 Uhr beginnen. Der Anteil der schlecht ausgeschlafenen Kinder und vor allem Jugendlichen ist dann deutlich geringer.

Der Leistungsdruck für Schüler wächst. Von G8 müssen wir nicht sprechen. Ist denn immer noch die Fünf im Zeugnis die Horrorvorstellung, oder lassen inzwischen auch Dreien verzweifeln?

Aigner Das liegt immer an den eigenen Ansprüchen und den Erwartungen der Eltern. Ich erlebe Kinder, für die eine Drei eine Katastrophe ist. Da gilt es dann zu beruhigen. Bei einer Fünf oder gefährdeter Versetzung sind die Sorgen existenzieller. Da versuche ich, im Gespräch diese existenziellen Ängste herauszunehmen, was passiert, wenn man eine Stufe wiederholen oder die Schulform wechseln muss. Das Schulsystem ist heute so durchlässig, dass viele Alternativen offen sind. Man findet für jedes Kind die passende Schulform, und wir helfen bei der Suche.

Auch Blasrohr und Dartscheibe sind Mittel, um Kinder zu lockern und mit ihnen ins Gespräch zu bringen. Foto: Thomas Lammertz

Bei schlechten Noten reagieren viele Eltern aber gerade nicht entspannt.

Aigner Das stimmt. Ich rate dazu, Schule nicht zum allerwichtigsten Familienthema zu machen. Ich höre auch Sätze wie: „Mit diesen Noten bist du nicht mehr mein Kind“. Das ist vernichtend. Wir werden in unserer Kultur nach Leistungen bewertet. Aber Kinder brauchen gerade in dieser Sitation das Gefühl, dass die Eltern nicht enttäuscht von ihnen sind. Je jünger ein Kind ist, desto abhängiger ist sein Selbstwertgefühl von den Erwachsenen. Eltern sollten nicht die Schule eins zu eins fortsetzen, sondern vermitteln: Wir sind stolz auf dich. Denn ein Kind mit schlechten Noten zweifelt an sich.

Wie erreichen Eltern denn Jugendliche, denen Schule scheinbar egal ist, und an denen Argumente der Eltern abprallen?

Aigner Gerade solche Jugendliche sind hochsensibel. Selbst wenn sie so wirken, als wäre ihnen die Meinung ihrer Eltern völlig egal. Diese Abwehrhaltung ist Zeichen ihres Schutzbedürfnisses. Oft übertragen Eltern auch eigene Erwartungen, Hoffnungen und Ängste auf ihre Kinder: Was wird später; wie sicher ist der Job? Solche Ängste sind kontraproduktiv. Eltern sollten außerdem akzeptieren, dass Jugendliche in der Adoleszenz viel persönlichen, privaten und vertrauten Raum brauchen und den Kontakt auch mal abwehren. Am besten interessieren sie sich für das, worüber die Jugendlichen gern Auskunft geben, zum Beispiel ein Computerspiel. So kommt man miteinander ins Gespräch, und das ist wichtig.

Sie empfehlen Familien, am Zeugnistag gemeinsam Pizza essen zu gehen - vor allem, wenn die Noten nicht gut sind. Warum?

Aigner Eben genau, um miteinander zu kommunizieren. Man kann auch in den Zoo oder zum Schwimmen gehen, Hauptsache, man spricht über etwas anderes als das Zeugnis. Erst mal muss Ruhe einkehren, das Drama herausgenommen und etwas unternommen werden, was allen Freude macht, gerade wenn das Zeugnis enttäuschend war. Die Probleme kann man später analysieren und angehen und sich dazu auch Hilfe holen. Ich rate, zuerst mit dem Lehrer oder Vertrauenslehrer zu reden - auf Augenhöhe als Experten: die Eltern als Experten für ihr Kind, die Lehrer als Experten fürs Lernen. Eltern und Lehrer sollten partnerschaftlich miteinander umgehen. Eltern sollten auch regelmäßig nachfragen, auch mal um einen Termin bitten, wenn etwas nicht in der kurzen Zeit beim Elternsprechtag besprochen werden kann.

Was raten Sie den Eltern und Schülern, die in den kommenden Wochen kommen und wissen wollen, wie sie ihre miesen Zensuren loswerden?

Aigner In Ruhe ansehen, wo die Ursachen liegen. Manche Kinder brauchen fürs Lernen neben der Regelmäßigkeit der Zeit und des Ortes auch die Nähe, jemanden, der sie lobt und ermuntert. Oft stecken auch ganz andere Probleme dahinter. Wenn ein Kind sich nicht wohlfühlt, schwer Freunde findet oder gemobbt wird, dann ist da kein Platz für das, was im Unterricht behandelt wird. Wir, aber auch die Kollegen der katholischen und evangelischen Beratungsstelle sind da Ansprechpartner.

Mehr von RP ONLINE