Krefeld: Trauer um den Meister des Reduzierens

Krefeld: Trauer um den Meister des Reduzierens

Der Objektkünstler und mehrfache "documenta"-Teilnehmer Reiner Ruthenbeck ist 79-jährig gestorben. Vor allem seine schwebenden Tische und kinetischen Objekte werden in Erinnerung bleiben. Er ist Träger des Krefelder Kunstpreises.

In Düsseldorf reifte er als Künstler heran, von Düsseldorf aus machte er sich einen Namen. Jetzt ist Reiner Ruthenbeck, Schüler von Joseph Beuys und früher Wegbegleiter Gerhard Richters, im Alter von 79 Jahren zu Hause in Ratingen gestorben: ein Mann der schlichten Formen, die zu verblüffend unauslöschlichen Eindrücken führten. Zu Krefeld und den Kunstmuseen hatte er eine innige Verbindung - nicht nur weil er dort mehrfach ausstellte und 1973 den Kunstpreis der Stadt Krefeld erhielt. Zur Sammlung der Kunstmuseen gehören eine Reihe von Arbeiten. Und weil Ruthenbeck mit der Präsentation so glücklich war, hat er dem KWM vor einigen Jahren mehrere kinetische Objekte geschenkt, darunter "No.3" eine lackierte Aluminiumkugel, die auf einem Plattenspieler um sich selbst rotiert. Eine permanente Bewegung, die keinerlei sichtbare Veränderung bringt: Das sagt viel über Ruthenbecks feinsinnigen Humor und seine reduzierte Ästhetik.

Als der Kölner Kurator Kasper König Ende 1984 in der Düsseldorfer Messe unter dem Titel "von hier aus" neue deutsche Kunst zeigte, stachen zwei Objekte von Ruthenbeck durch ihre Verrücktheit hervor: Tische, die ihrer alltäglichen Bestimmung in wörtlichem Sinne enthoben waren. Der eine balancierte unbefestigt auf einer großen gelben Kugel, als genügte ein Lufthauch, ihn kippen zu lassen. Der andere ruhte auf langen, sich zum Boden in die Horizontale streckenden, elastischen Stahlstäben, die den Tisch scheinbar auf eine Himmelfahrt schickten. In beiden Fällen ging es offenkundig um die Überwindung der Schwerkraft und wohl auch um plastische Bilder eines utopischen Denkens.

Beide Tische wurden später Museumsstücke. Der "Tisch auf gelber Kugel" befindet sich heute im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, der "Tisch auf Stahlstäben" im Kölner Museum Ludwig. Zur Zeit dieser Adelungen war Ruthenbeck bereits eine feste Größe im Kunstbetrieb. Dreimal hatte er auf der Kasseler "documenta", einmal auf der Biennale von Venedig ausgestellt. Außerdem hatte er an der Kölner "Westkunst" teilgenommen. Es folgten die "Skulptur Projekte Münster", die Biennale von Sydney und eine weitere "documenta".

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Ruthenbeck zählte früh zu den Verfechtern einer Richtung, die bis heute die Szene beherrscht: der Konzeptkunst. Sie baut darauf, dass Idee und Entwurf eines Kunstwerks wichtiger seien als seine materielle Ausführung. Ruthenbeck machte sich Metall, Asche, Stoff, Glas, Holz, Papier, Licht, Geräusche und Fotografien zunutze, schuf ein Video-Objekt und zeichnete viel.

Oft ging es ihm um Gegensätze: etwa den zwischen der Standfestigkeit, die man mit einem Tisch verbindet, und der scheinbar aufgehobenen Schwerkraft. Indifferentes Gleichgewicht, Balance, Schweben - das waren weitere, nur scheinbar spröde Themen, die ihn begeisterten. Der gebürtige Velberter, der in Ratingen lebte und arbeitete, hat sich in der deutschen Nachkriegskunst einen unverwechselbaren Platz erobert: mit seiner Meditationsarbeit, aber auch mit seinem Gespür für eine Bildsprache, die den Betrachter ganz unmittelbar erreicht.

(RP)
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