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Neuss: Till Bödeker erhielt den Kunstförderpreis der Stadt Neuss

Kunstförderpreis der Stadt Neuss : Ein Künstler schwebt im Isolationstank

Till Bödeker ist einer von zwei Künstlern, die kürzlich mit dem Kunstförderpreis der Stadt Neuss ausgezeichnet worden sind. Die Jury überzeugte der 29-Jährige mit einer „zeitgemäßen Arbeit.“

Schwerelos im Salzwasser treiben, die Grenzen des Körpers verlieren, völlig isoliert von der Außenwelt zu sein: „Ist es möglich, eine Erfahrung zu machen, die aus Nichts besteht?“, fragt Till Bödeker, „oder wird man zwangsläufig auf sich selbst zurückgeworfen und mit Gedanken konfrontiert?“ Es ist ein Experiment, das der 29-Jährige mit einem selbstgebauten Isolationstank künstlerisch umgesetzt hat. „Think outside the box“, so der Titel seines Werkes, war auch eine seiner Hauptarbeiten, mit der er sich für den Kunstförderpreis der Stadt Neuss beworben hat. Mit Erfolg: Die Jury überzeugte er mit „einer zeitgemäßen Arbeit, die einen wissenschaftlichen Ansatz mit künstlerischem Schaffen zu vereinen weiß.“

Das kann man sich so vorstellen: Bödeker hat im vergangenen Jahr für den alljährlichen Rundgang in der Düsseldorfer Kunstakademie – seit fünf Jahren studiert er dort in der intermedialen Klasse von Rita McBride – aus einem Weinfass einen Isolationstank gebaut. Der wird mit warmen Salzwasser gefüllt. Steigt man hinein, schwebt der Körper abgeschottet von jeglichen Außenreizen wie schwerelos an der Oberfläche.

 Till Bödeker studiert an der Kunstakademie in der Klasse von Rita McBride.
Till Bödeker studiert an der Kunstakademie in der Klasse von Rita McBride. Foto: Till Bödeker
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Die Idee des Isolationstanks ist nicht neu: Mittlerweile sind es vor allen Dingen Wellness-Anbieter, die mit dem sogenannten Floating Tank werben. Entwickelt wurde das Modell jedoch schon 1954 von dem Neurophysiologem und Bewusstseinsforscher John C. Lilly, der damit unter anderem erforschen wollte, wie das menschliche Bewusstsein funktioniert. „Mit 17 habe ich davon zum ersten Mal gehört und fand die Idee spannend“, erzählt Bödeker. Seine erste eigene Erfahrung machte er während seiner Performance beim Akademierundgang im Februar 2020: Damals stieg er vor den Augen des Publikums in seinen selbstgebauten Tank: „Ich habe mich sehr getragen und geborgen gefühlt“, erinnert sich Bödeker. Jegliche Anspannung sei im Wasser von ihm abgefallen. Und dadurch, dass es auf Körpertemperatur erhitzt war, sei es beinahe so als würden die Außengrenzen des Körpers verschwimmen. Aber auch mental habe er Veränderungen gespürt: „Ich hatte keine Lust mehr, mir über das Konzept Gedanken zu machen. Man kann es mit einer Meditation vergleichen, die Gedanken waren wie in einem Fluss.“

 Der Tank „Think outside the box“ wurde aus einem Weinfass gebaut.
Der Tank „Think outside the box“ wurde aus einem Weinfass gebaut. Foto: Till Bödeker

Wichtig bei seiner Arbeit war ihm, dass er ein Objekt hat, dass man ausstellen kann, was aber zugleich die radikalste Form künstlerischer Erfahrbarkeit aufweist. „Man kann die Arbeit nur von außen sehen, während sich die Auflösungserfahrung nur von innen machen lässt. Beides zugleich ist nicht möglich“, erklärt er. Dass beides jedoch zusammen gedacht werden sollte, darauf weist auch der Titel „Think outside the box“ hin, der auf dem Tank zu lesen ist.

Nach dem Akademierundgang war der Tank noch einmal im Kunstmuseum Solingen zu sehen. Und als der Künstler ihn im September in einem Projektraum in Düsseldorf aufbaute, bekamen die Besucher nach vorheriger Absprache selbst die Möglichkeit, die Isolationserfahrung zu machen. „Es folgten intensive Gespräche“, erzählt Bödeker, der sich bewusst dagegen entschieden hat, die persönlichen Erfahrungen zu dokumentieren. Stattdessen konnten die Besucher nach dem Tank-Bad ein Bild mit Kohle malen, die nach und nach schachbrettartig die Wände füllten.

Der Aufkleber, der damals zu dem Werk leitete, eine fallende Person über einem Wassertank, hat der Student noch einmal aufbereitet. Nun zeigt ein mit Rost überzogenes Stahlbild jenen Vorgang. „Falling for the tank“ ist der Titel und im Sitzungssaal des Neusser Rathauses zu sehen.

Dass er nun mit dem Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde, freut den 29-Jährigen: „Es ist etwas Besonderes, in einer Reihe mit den anderen Künstlern zu stehen“, sagt Bödeker, der in Neuss lebt. Dort ist er auch zur Grundschule gegangen und besuchte das Marie-Curie Gymnasium. Neben seinem Studium an der Kunstakademie studiert er an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf Philosophie und Germanistik. Mit dem Doppel-Studium erfüllt er sich einen Traum: Damals habe er einen Ausgleich gesucht und wollte herausfinden, wie sich das konzeptuelle Denken auf das kreative Schaffen auswirkt.

Die Verbindung von Wissenschaft und Kunst zieht sich durch sein Wirken: So arbeitet er für die Alte Post an einem Projekt zu diesem Thema. Außerdem ist er Chefredakteur eines Online-Journals mit dem Titel „Zwischen Wissenschaft & Kunst“. Auch, wenn bei seinem Tank die Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst offensichtlich sei, möchte er sich nicht als rein wissenschaftsbezogener Künstler verstanden wissen: „Das ist zu einfach, zu ernst, wenn man ausschließlich Arbeiten macht, die zum Beispiel Theorien veranschaulichen. Irgendwie auch unsexy“, sagt er und lacht.