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Premiere im Theater Krefeld: "Carmen" in Halbwertszeit

Konzertante Aufführung im Theater Krefeld : „Carmen“ in Halbwertszeit

Am 12. September ist Premiere der berühmten Oper von Georges Bizet. Regisseur Kobie van Rensburg muss sich unter Corona-Bedingungen mit einer konzertanten Fassung begnügen.

Diese Oper gehört zu den beliebtesten der Gattung: Eine Femme fatale in einer Dreiecksbeziehung zwischen einem ihr verfallenen Sergeanten und einem Torero, fahrendes Volk, Schmuggler, Arbeiterinnen – und Musik voller Ohrwürmer. „Carmen“ zieht Publikum. Ab 12. September steht sie auf dem Spielplan in Krefeld, allerdings in Konzertfassung. Viel versprechend las sich die Ankündigung, dass Kobie van Rensburg, der Meister der Durchdringung von Spiel-Räumen mit Video-Sequenzen und Blue-Screen-Technik, sich der Oper „Carmen“ annehmen würde. Doch die Corona-Regeln machten dem südafrikanischen Opernregisseur dieses Unterfangen zu einer schwierigen Herausforderung. Die Sängerinnen und Sänger dürfen sich auf der Bühne nicht zu nahe kommen. Eine szenische Spielform, die diese Bezeichnung verdient hätte, war nicht möglich.

Also beschloss er in Abstimmung mit Musikdirektor Mihkel Kütson und Dramaturgin Ulrike Aistleitner, die Aufführung konzertant zu fahren. So werden die Darsteller ohne besondere Kostüme und eher unbewegt ihre Partien singen, doch ganz ohne Bewegung wird es auf der Spielfläche dennoch nicht zugehen. In vorab gefertigten Videos sind vier Mitglieder des Ballettensembles zu sehen, welche die tragisch ausgehende Liebesgeschichte in stummem Spiel ausdeuten. Dabei werden Irene van Dijk die Titelperson und Alessandro Borghesani den Don José verkörpern. „Sie dürfen in echten Pas de deux auftreten, weil die beiden privat zusammen leben“, verrät Kobie van Rensburg ein Detail, das in „normalen“ Zeiten nicht Thema eines Pressegesprächs ist. Zwei weitere Tänzer sind Marco A. Carlucci als Torero Escamillo und Chantal Hinden als Micaela.

Auch wenn es kein Bühnenbild geben wird, sorgt van Rensburg dennoch für Hinguck-Effekte im Hintergrund. Das Motiv, dass Carmen anderen aus Karten gern die Zukunft weissagt, hat der Regisseur auf Projektionsflächen umgesetzt, die für jede virtuelle Szene eine Spielkarte mit wechselnden Motiven zeigen. Eine „halbszenische“ Darstellung lehne er jedoch ab, sagt van Rensburg: „Ich möchte keine halben Sachen machen, also spielen wir ein Konzert, dem ich einen besonderen Rahmen gebe“, erläutert er.

Für den Mann vor dem im Umfang deutlich reduzierten Orchester, das auf der Bühne platziert wird, gibt es ebenfalls große Herausforderungen. „Die bewegten Videos der Tänzerinnen und Tänzer werden in die virtuelle Handlung einbezogen“, erklärt Kütson. „Die musikalischen Verläufe exakt mit den vorproduzierten Tanzvideos zu koordinieren, hat viel Probenaufwand gefordert“, fügt der Dirigent an. So habe ihm van Rensburg zum Beispiel erklärt: „Diese Szene sollte exakt drei Minuten und 22 Sekunden dauern“, damit Videobilder und Musik nicht auseinander streben.

Andererseits geht Kütson davon aus, dass die Musik dieser 1875 in Paris uraufgeführten „Opéra comique“ immer die Hauptrolle spielt. Allerdings hat das Produktionsteam sich entschlossen, die Spieldauer zu halbieren. Und entsprechend kräftige Striche an der Partitur vorzunehmen. Alles wegen der Pandemie, denn eine Pause soll es nicht geben. Die Aufführung wird etwa 80 Minuten dauern.

Für den Schluss hat sich Kobie van Rensburg etwas Besonderes einfallen lassen. „Ich komme aus einem Land, in dem das Thema Gewalt an Frauen massiv gegenwärtig ist. Das hat mich bewogen, Positionen der Me-Too-Bewegung ins Spiel zu bringen.“ Das Publikum darf also gespannt sein, ob Don José (David Esteban) wie überliefert Carmen (Eva Maria Günschmann) ersticht. Oder ob es ein wenig anders abläuft.