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Krefeld: Was ein Schauspieler macht, wenn er keine Rolle hat

Theater in Krefeld : Was ein Schauspieler macht, wenn er keine Rolle hat

Corona schafft Ausnahmesituationen und macht erfinderisch - auch am Theater.

Die Stimme flüstert verschwörerisch. Der Text hat schon lange Flügel: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein anderer Weg nach Küssnacht.“ Alle Glocken aus dem Deutschunterricht schrillen. Schiller! Wilhelm Tell! Der Held des Schweizer Bauernaufstands von 1307 lauert dem Fiesling Hermann Gessler auf, einem Landvogt, der Natur und Mitmenschen ausbeutet. Der Legende nach soll Tell den Landvogt dort ermordet haben. Doch das Dickicht, in dem sich dieser Tell zu verstecken sucht, ist das sparsame Grün einer Balkon-Topfpflanze. Und der Text weicht auch von Friedrich Schillers Vorlage ab: „Wenn Corona vorbei ist, kriege ich ihn.“ Wir erleben, wie der Schauspieler Paul Steinbach sich auf seine Rolle vorbereitet. Laut Spielplan soll „Wilhelm Tell“ am 16. Mai Premiere auf der Krefelder Theaterbühne haben. Aber Corona schafft Ausnahmesituationen und macht erfinderisch. Die Theaterleute begegnen ihrem Publikum nun von zu Hause, sozusagen von der Homestage.

Das Theater ist wie alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen, aber das entbindet nicht vom Textlernen. Sobald der Spielbetrieb wieder startet, wollen Intendant Michael Grosse und sein Ensemble bereit sein. Also: Text büffeln, Partituren lernen, Tanztraining nicht schleifen lassen. Was machen Theaterleute, wenn sie nicht auf die Bühne können? Sie suchen sich eine andere Plattform, um Zuschauer zu erreichen. Zum Beispiel einen Corona-Sonderkanal: Unter www.theater-kr-mg.de/corona/ gibt es täglich neue Szenen und Filmchen, ernste und kluge Gedanken, Erheiterndes und auch Hanebüchenes. Mit einem Klick ist man Zaungast auf Steinbachs Terrasse. Oder im Garten, wo Henning Kallweit als Kult-Ross Patsy aus „Spamalot“ dressiert wird. Oder zu Hause bei Esther Keil, die ein französisches Chanson singt, im Wohnzimmer von Eva Spott, die von der Rolle der Kassiererin, die sie in „Mein Kühlraum“ spielt, auf die Gegenwart blickt und ihre Gedanken sehr persönlich teilt. Aus vielen Ecken, von Sofas, mit und ohne Begleitung von Haustieren schmettert einem „Always look on the bright side of life“ entgegen.

Ja, was macht ein Schauspieler, wenn er keine Rolle hat? Der Frage geht Schauspieler Philip Sommer nach. Rollenlos zu sein, ist ein Schicksal, dass er niemandem wünscht. Da ist er im Bund mit Millionen Deutschen, die sich ebenfalls davor zu fürchten scheinen. Denn es geht ihm nicht um eine Rolle in einem Stück, sondern um die Rollen, die in den Supermarkt- und Drogerieregalen in diesen Wochen fehlen.

Doppellagig, pardon: doppeldeutig, mitunter sogar visionär klingt mancher Text, wenn er durch die Corona-Brille gelesen wird. Das macht Michael Grosse deutlich, der einen Monolog des Theaterdirektors Emil Striese aus „Der Raub der Sabinerinnen“ rezitiert – ein Schwank, der 1884 uraufgeführt wurde und demnächst auch auf die Krefelder Bühne soll. Striese lobt mit selbstgefälligem sächselndem Tonfall den Wert des Theaters, vor allem seiner Truppe.

Denkanstöße oder praktische „Lebenshilfe“ wie Jannike Schuberts Anleitung zum Backen ohne Mehl, die mit Kollege Philip Sommer chattet und Überraschungsgäste präsentiert, geben den Zuschauer ganz neue Möglichkeiten, ihrem Ensemble nahe zu sein. Denn der Monitor gewährt mehr oder weniger Einblicke ins Private, zeigt dass Esther Keil die Klarheit weißer Wände liebt, Eva Spott einen warmen Rotton bevorzugt und Philip Sommer Blumen in Karaffen stellt. Und sonntags bei der virtuellen Live-Show kann man sich vorstellen, dass zeitgleich ganz viele andere auf ihrem Sofa sitzen und applaudieren. „Die erste Ausgabe war sehr erfolgreiche. Einige Zuschauer haben den Kuchen bereits nachgebacken“, sagt Dirk Wiefel vom Theater.

Das Theater ist bis mindestens 19. April geschlossen. Die Trailer und Livestreams sind zu sehen über www.theater-kr-mg.de/corona/ und es gibt auf Facebook den Theater-Kanal, den Sinfoniker-Kanal und den Ballett-Kanal(den auch auf Instagram). Jeden Sonntag um 16 Uhr gibt es – vorerst bis zum 19. April - den Livestream „BackenohneMehl“ mit Jannike Schubert: www.instagram.com/p/B-XHk0DoVuT/