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Chefin der Arbeitsagentur Krefeld: „Wir hatten 2400 Anfragen zur Kurzarbeit“

Wirtschaft in Krefeld : „Wir hatten 2400 Anfragen zur Kurzarbeit“

Die Leiterin der Arbeitsagentur sagt: „Jeder Antrag verhindert Arbeitslosigkeit.“

Wie viele Anträge auf Kurzarbeitergeld aus Krefeld und dem Kreis Viersen sind bei der Arbeitsagentur schon eingegangen?

Bettina Rademacher-Bensing Das kann ich gar nicht sagen, weil es so viele Anfragen gibt. Wir erleben ein exponentielles Anwachsen der Fragen zum Kurzarbeitergeld in der Corona-Krise. Und unser erstes Ziel ist die Beratung der Unternehmen – und die eingehenden Anträge schnellstmöglich zu bearbeiten. Die Statistik machen wir dann hinterher.

Sie haben 177 Mitarbeiter – sind die dem Ansturm gewachsen?

Rademacher-Bensing Wir haben die Teams neu zusammengestellt, damit so viele Mitarbeiter wie möglich an unseren Service-Hotlines sitzen können. Das geht auch deshalb ganz gut, weil wir die persönlichen Beratungsgespräche ja derzeit wegen des Kontaktverbots ausgesetzt haben. Um mal eine Zahl zu nennen: Wir hatten im vergangenen Jahr rund 50 Unternehmen, die Kurzarbeitergeld beantragt haben. Das war kaum nachgefragt, trotz Brexit, trotz der Handelsblockaden. Kurzarbeitergeld wurde insbesondere wetterbedingt ausgezahlt – an Unternehmen aus dem Baugewerbe, an den Dachdeckerbetrieb oder den Gartenbauer. In der vergangenen Woche waren es  coronabedingt ungefähr 1200 Anrufe aus dem gesamten Agenturbezirk zum Thema Kurzarbeitergeld. Und in der Woche davor waren es ebenfalls rund 1200. Jeder Antrag, der eingereicht wird, verhindert Arbeitslosigkeit.

Und wie viele Mitarbeiter kümmern sich um die Beratung?

Rademacher-Bensing Wir haben die Anzahl unserer Mitarbeiter für Kurzarbeit verfünffacht. Und die für die telefonische Beratung haben wir verzehnfacht. Üblicherweise sind das drei bis vier Berater – jetzt sind es bis zu 40. Sie stehen montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr den Unternehmen für Fragen zur Verfügung.

Bei bisher rund 2400 Anrufen könnte man doch grob hochrechnen, dass – Stand jetzt – rund 2400 Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragen…

Rademacher-Bensing Ja, das wäre aber falsch. Nicht jeder Anruf mündet auch in einen Antrag auf Kurzarbeitergeld. Da gibt es beispielsweise Firmen, die überlegen, ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, um sie zu halten. Die haben aber gar nicht die Kapitaldecke, um das Geld vorzuschießen. Kurzarbeitergeld funktioniert ja so, dass der Arbeitgeber 60 Prozent des Nettogehalts zahlt – bei Arbeitnehmern mit Kindern sind es 67 Prozent. Dieses Geld wird dann später von der Arbeitsagentur erstattet. Oft sind es kleinere Betriebe, beispielsweise Friseursalons, bei denen die Liquidität nicht so lange reicht: Einnahmen sind ausgeblieben, die Miete läuft weiter…

…da bleibt ihnen nur, den Angestellten die Kündigung auszusprechen.

Rademacher-Bensing Nicht unbedingt! Solche Unternehmen können sich um eine Bürgschaft bemühen. Und: Seit Freitagmittag können die Zuschüsse des Landes abgerufen werden. Davon haben bereits am ersten Tag Tausende Unternehmen Gebrauch gemacht. Das sind, neben dem Kurzarbeitergeld, zwei Wege, mögliche Entlassungen zu verhindern.

Nochmal zum Kurzarbeitergeld: Wann werden die ersten Zahlungen fließen?

Rademacher-Bensing Da tue ich mich ausgesprochen schwer, einen konkreten Termin zu nennen. Nach der Beratung zum Kurzarbeitergeld folgt die Anzeigenbearbeitung. Unternehmen müssen anzeigen, dass sie Kurzarbeitergeld beziehen wollen. Danach erfolgt die Listenbearbeitung – da geht’s um die Auszahlungen. Wir werden auch hier die Teams verstärken: Wenn die Zahl der Beratungsanfragen zurückgeht, werden die Mitarbeiter in die konkrete Bearbeitung der Anträge wechseln.

Was können Firmen tun, um die Bearbeitung zu beschleunigen?

Rademacher-Bensing Von telefonischen Anfragen absehen. Oder auch von Anfragen per E-Mail. Wenn ständig das Telefon geht, nützt das niemandem. Je ungestörter wir arbeiten können, desto schneller geht’s. Zumal: Wir können niemanden vorziehen. Die Anträge sind im System hinterlegt, bearbeitet wird nach Antragseingang.

Wer nur noch 60 oder 67 Prozent vom bisherigen Nettolohn bekommt, hat ein existenzielles Problem. Welchen Rat haben Sie für die Kurzarbeiter?

Rademacher-Bensing Wer ohnehin schon einen geringen Nettolohn hat und jetzt nur noch 60 Prozent davon bekommt, sollte prüfen lassen, ob er sein Einkommen mit Arbeitslosengeld II ergänzen kann. Ansprechpartner dafür ist das Jobcenter. Auch dort gelten wegen der Coronakrise derzeit erleichterte Bedingungen: So wurde die Vermögensprüfung vorübergehend ausgesetzt, ebenso die Prüfung, ob die Miete für den persönlichen Wohnraum angemessen ist. Das Ziel: die Auszahlung zu beschleunigen. Wer keinen Anspruch hat, kann sich trotzdem etwas dazuverdienen. Gerade hier im Kreis Viersen gibt es viele landwirtschaftliche Betriebe, die dringend Saisonarbeitskräfte suchen. Statt sich zu Hause die Decke auf den Kopf fallen zu lassen, kann das eine sinnvolle Alternative sein.

Wie stark ist Ihre Agentur von der Corona-Krise betroffen?

Rademacher-Bensing Einige Mitarbeiter – insbesondere die, die zur Risikogruppe gehören – erledigen die Arbeit derzeit vom Homeoffice aus. Unsere Beschäftigten mit Kindern haben Anspruch auf Notbetreuung, weil die Arbeitsagentur zur „kritischen Infrastruktur“ zählt. Die überwiegende Mehrzahl unserer Mitarbeiter sitzt am Arbeitsplatz. Was wir gestrichen haben, sind Teamzusammenkünfte. Stattdessen kommunizieren wir per Videoschalte mithilfe von Skype.