Kritik am Heimat- und Niederrhein-Begriff

Kreis Viersen : Kritik am Heimat- und Niederrhein-Begriff

(plp) Friedrich Gorissen in Kleve, Kunsthistoriker und streitbarer Intellektueller, hat gut 100 Jahre nach der ersten Gründung eines Verschönerungsvereins im Kreis-Heimatbuch 1970 einen klugen, aber nicht unwidersprochen gebliebenen Aufsatz „Vom Nutzen und Nachteil der Heimatkunde“ geschrieben.

Dass er in einem Heimatbuch veröffentlicht wurde, ist schon für sich eine Überraschung. Dabei hat er sich auch kritisch mit einer von ihm diagnostizierten Beliebigkeit im Umgang mit dem Niederrhein-Begriff auseinandergesetzt.

Man muss nicht alles unterschreiben, was Gorissen meinte, aber es ist bedenkenswert: „Das Wort Heimat – unsern Großeltern nicht einmal dem Namen nach bekannt und, wie ein Blick in jedes beliebige Lexikon verrät, allenfalls als juristischer Terminus verwandt, entlockt heute noch, hingehaucht oder aus deutscher Sängerbrust hinausgeschmettert, den verhärtetsten Gemütern Tränen der Rührung. Ist es anders mit dem Wort Niederrhein, mit dem wir wogende Getreidefelder, sattgrüne Weiden, grasendes schwarzbuntes Vieh, krüpplige Kopfweiden und schlanke Pappeln assoziieren, schwielige Fäuste, geraden Sinn, aufrechte Art, Gesundheit, Schwarzbrot, doch auch den Schalk im Nacken, ungebrochenen Optimismus? Man braucht diese Wörter nur mit einigem sprachlichen Füllmaterial aufzuschwemmen, und man hat schon den Standardtext eines Fremdenverkehrsprospektes (. . .) beisammen. (. . .) Seitdem der kritische Sinn überall die selben schwieligen Männerfäuste, den selben geraden Sinn mit dem obligaten Schalk im Nacken oder in den Augenwinkeln feststellt, spätestens seit solchen Feststellungen habe ich das Vertrauen in die Originalität gewisser landschaftlichen Charakterisierungen verloren. Das ist alles austauschbar: man kann in beliebigen Festreden für beliebig landsmannschaftlich geformte Zuhörerkreise die Wörter niederrheinisch, westfälisch, holsteinisch, schlesisch, sudentendeutsch, schwäbisch untereinander vertauschen. (. . .)

So neu und falsch und gefühlsbeladen, so künstlich ist auch unser Niederrheinbegriff. Dass er überhaupt nicht verbindlich definiert werden kann, ist jedem Einsichtigen bekannt. … vor der Mitte des 19. Jahrhunderts haben unsere Vorfahren noch nicht gewusst, dass sie Niederrheiner seien. Sie fühlten sich als Niederländer – was wir heute kaum noch begreifen, da wir dies Wort politisch definieren; und so ist die genaueste Definition unseres heutigen Niederrheinbegriffes immer noch die negative, die ganze Geschichtlichkeit, einschließlich der Gegenwart, umfassende: was wir Niederrhein nennen, ist der Teil des rheinischen Niederlandes, der politisch nicht zum Königreich der Niederlande gehört.“

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