Laufen : Leidenschaft Laufen

Holger Maiwald hat vor 19 Jahren mit Jogging begonnen. Fast ebenso lange gehört er der Laufgruppe „Rennhamster“ an. 65 Marathons hat er absolviert. Er propagiert die entspannte Bewegung.

Bei Holger Maiwald war es so, wie bei Millionen Menschen, die täglich laufen. Als Kind und Jugendlicher konnte er nur schwer die Faszination der Erwachsenen am Joggen verstehen, diesen offensichtlichen Drang zur Quälerei, zum Masochismus. Einen Sport betreiben, ohne dafür Applaus zu bekommen? Undenkbar. Doch mit 30 ist er dann einfach mal losgelaufen – und konnte nicht mehr aufhören. Das war vor 19 Jahren. Über seinen Arbeitgeber, Namenssponsor eines Halbmarathons, kam er in Kontakt mit der Laufszene. „Ich habe mich vier Monate lang darauf vorbereitet, die 21-Kilometer-Distanz bewältigen zu können“, sagt der Oberkasseler. Dass er den Halbmarathon dann problemlos bewältigen konnte, war dann sogar fast nebensächlich. „Viel mehr noch hat mich das ganze Drumherum fasziniert, diese friedliche und entspannte Atmosphäre unter den Sportlern.“

Für den 49-Jährigen ist das Laufen und die Teilnahme an den Wettbewerben zur Leidenschaft geworden. 65 Marathonläufe hat er bereits bestritten, außerdem einige Ultra-Läufe, wie die 100 Kilometer von Biel und ein 24-Stunden-Rennen, bei dem er 139 Kilometer zurücklegte. Dabei geht es ihm nicht darum, mit anderen Sportlern zu kokurrieren und sie zu besiegen. Der Weg ist immer das Ziel. Niemand könne sich der Faszination entziehen, wenn sich die Beine scheinbar von allein vorwärts bewegen. Man werde zu einem neuen Menschen.

 2001 schloss sich Maiwald den „Rennhamstern“ an, eine Laufgruppe, die sich zwei Jahre zuvor gegründet hatte. Bis heute ist er dabeigeblieben und „der Dienstälteste in der Gruppe“, wie er sagt. Der IT-Berater hält die Gruppe zusammen, die bunt gemischt ist. Der Schnellste ist beim Berlin-Marathon unter drei Stunden geblieben, die Langsamsten brauchen sechseinhalb Minuten pro Kilometer. Trotzdem haben sie eine gute Verbindung zueinander. „Niemand wird auf der Runde alleine gelassen. Wir orientieren uns am Langsamsten. Wenn sich eine schnellere Gruppe findet, dann läufst sie vor.“ 6,5 Kilometer ist die kleine Runde. „Wer danach genug hat, der kann aussteigen. Die anderen bleiben dabei und laufen noch eine weitere Runde entlang des Brücker Bachs. Das sind dann 10,5 Kilometer.“

Laufen sei mehr als ein  Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Gelenken. „Laufen ist eine Philosophie, macht gelassen und zufrieden. Dabei ist es gleichgültig, ob ich sechs oder 36 Kilometer gelaufen bin. Es zählt das Gefühl, etwas geschafft zu haben, den inneren Schweinehund wieder einmal bezwungen zu haben“, sagt Maiwald.

An Ultraläufen nimmt er nicht mehr teil. Für ihn ist die Bewegung an der frischen Luft aber weiterhin von existentieller Bedeutung. Er hat das Laufen zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens gemacht. Auf den Wegen führt er Dialoge mit sich und der Welt, da fliegen ihm die Lösungen für Probleme des Alltags ganz entspannt zu. Mehr noch, er begegnet dem Sinn des Lebens. „Für Nicht-Läufer ist mein Sport womöglich langweilig. Für mich ist es das nicht. Laufe ich gut gelaunt los, wird die Stimmung noch besser, starte ich mit trüben Gedanken, dann sind sie nach wenigen Kilometern verschwunden.“ Laufen habe eine beinahe therapeutische Wirkung.

Maiwald freut sich über jeden Laufanfänger in seiner Gruppe. „Viele rechnen gar nicht damit, dass die Gruppe auch nach ein paar Kilometern immer noch fröhlich miteinander quatscht.“ Schmerzverzerrte Gesichter, Atmung am Anschlag und Leistungsdruck gibt es bei den Rennhamstern nicht. Joggen passiert dort ohne jeden Leistungsdruck.

Maiwald weiß vom Nutzen der Lauftreffs. Dazu gehört auch, dass Anfänger von den Kameraden Antworten auf Fragen nach dem richtigen Laufschuh, nach der Wichtigkeit von Regeneration und Nahrungsergänzung bekommen. Und selbstverständlich auch auf die Frage:  Wie gelingt es mir dranzubleiben? Das Problem mit der Motivation ist die vielleicht wichtigste Sache. „Ich habe auch nicht immer Lust loszulaufen“, sagt Maiwald. „Aber wenn ich dann unterwegs bin, bin ich nach fünf Minuten froh, dass ich draußen bin.“

Eine Laufgruppe habe noch einen weiteren Vorteil, sagt Maiwald. Gemeinsam einer Leidenschaft nachzugehen, ist Teil eines wahren Glücks. „Ich habe hier schon viele nette Menschen kennengelent. Auf den Runden lernt man sich wirklich gut kennen.“

Kaum eine andere Sportart mache es einem so leicht, aktiv zu werden. „Man muss keinen Platz buchen. Es erfordert kein teures Equipment. Alles, was man braucht, sind gute Schuhe. Dann kann man allein starten, direkt vor der Haustür.“

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