Medien im Studium Leichter lernen per App

Das Medizinstudium gilt als besonders lernintensives Fach. An der Uni Duisburg-Essen wird deshalb eine App entwickelt, die Studierende beim Lernen unterstützt. Zunächst steht dabei die Lehre am Krankenbett im Fokus.

 Medizinstudenten üben in einem nachgebildeten OP-Raum das hygienisch korrekte Anlegen eines OP-Kittels.

Medizinstudenten üben in einem nachgebildeten OP-Raum das hygienisch korrekte Anlegen eines OP-Kittels.

Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Essen Der Alltag im Krankenhaus ist für Ärzte und Pflegepersonal eine Herausforderung: Neue Patienten kommen, Genesene müssen entlassen werden, es gibt Routineuntersuchungen und Notoperationen, Tag und Nacht stehen die Patienten und ihre Gesundheit im Fokus. Kein Wunder, wenn es da für Medizinstudierende, die Erfahrungen am Krankenbett sammeln sollen, mal unübersichtlich wird, und auch diejenigen, die sie unterrichten sollen, nicht immer genau wissen, was auf dem Lehrplan steht. „Wir haben beobachtet, dass die Zeit am Krankenbett oft nicht optimal genutzt wird – und da diese in der Medizinausbildung aber sehr kostbar und wichtig ist, wollten wir daran etwas ändern“, sagt Stephanie Herbstreit, Oberärztin und Lehrbeauftragte für Orthopädie und Unfallchirurgie am Uniklinikum Essen. Gemeinsam mit Cynthia Szalai (Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin), ebenfalls Medizindidaktikerin, und Daniela Mäker (Referentin für E-Learning der Medizinischen Fakultät) entschied sie, die App "Learning Toolbox“ als Begleitinstrument für die Lehre am Krankenbett zu nutzen.

Die App zeigt auf, welche Dinge die Studierenden insgesamt am Krankenbett lernen sollten: So soll zum Beispiel eine Anamnese mit der Vorgeschichte des Patienten gemacht werden, Studierende sollten beim Gipsen dabei sein und ein Röntgenbild mitauswerten. „Auch die Kommunikation mit den Patienten gehört zu den praktischen Fertigkeiten, die Medizinstudierende am Krankenbett lernen. Ebenso wie klassische Untersuchungen, etwa das Abtasten des Abdomens“, sagt Stephanie Herbstreit. „Im Klinikalltag verliert man aber sowohl als Studierender wie auch als ausbildender Arzt schnell die Übersicht, wer jetzt was noch lernen soll. Da hat dann ein Student vielleicht schon häufig Abdomenuntersuchungen gemacht, dafür aber noch nie ein Knie untersucht.“

Hier kommt die App ins Spiel: Sie zeigt übersichtlich, welche praktischen Fähigkeiten die Studierenden am Krankenbett lernen sollen. Studierende können damit abhaken, was sie schon gelernt haben, und die Ärzte direkt auf etwas ansprechen, was noch fehlt. „Das gibt Sicherheit. Diese Transparenz nützt auch den Dozentinnen und Dozenten, die ja zum Teil Assistenzärzte sind und damit selbst noch nicht sehr erfahren in der Lehre. In der App ist klar vorgegeben, was unterrichtet werden soll. Dozierende, etwa in der Unfallchirurgie, begrüßen die bessere und übersichtliche Organisation der Lehre durch eine entsprechende App. Man hat sie auf seinem Handy oder Tablet immer dabei und muss nicht erst in dicken Modulhandbüchern nachschlagen“, sagt Daniela Mäker. Auch bei den Studierenden sei die App gut angekommen.

Aus diesen ersten positiven Erfahrungen heraus soll die App weiter ausgebaut werden, um Studierende künftig stärker beim Lernen zu unterstützen. Außerdem werden der Nutzen der App wissenschaftlich untersucht und ihre Anwendungsbereiche ausgeweitet. Das passiert im Rahmen des durch die Europäische Union geförderten Projekts „4D – Digitalization in Learning Practice Placement“ in der Förderlinie „Erasmus+“. Im Zuge dessen kooperieren die Essener Medizinerinnen und Mediziner mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Spanien, Polen, Österreich und den Niederlanden. Gemeinsam erforschen sie die Herausforderungen, Erfolgsfaktoren und Gelingensbedingungen, die es in der Entwicklung, bei der Implementation und im Praxiseinsatz einer solchen App geben wird. Das Projekt wird in den nächsten drei Jahre mit knapp 400.000 Euro unterstützt. Davon fließen rund 68.000 Euro an die Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Die App soll sich den individuellen Bedürfnissen der Zielgruppe anpassen können und den komplexen Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung gerecht werden.

Blick in die App, mit der Medizinstudierende an der Uni Duisburg-Essen etwa beim Lernen am Krankenbett unterstützt werden.

Blick in die App, mit der Medizinstudierende an der Uni Duisburg-Essen etwa beim Lernen am Krankenbett unterstützt werden.

Foto: Uniklinikum Essen

Eine Möglichkeit, wie die App weiter ausgebaut werden könnte, ist eine Bewertungsfunktion: „Darüber könnten die Dozenten den Studierenden direkt Feedback, etwa zu einem Patientengespräch geben“, sagt Cynthia Szalai. Auch könnte man neue Inhalte für andere medizinische Fächer hinterlegen. „So könnten die Medizinstudierenden dann jederzeit Wissen abrufen, wenn sie es brauchen, ob im Krankenhaus oder im Seminar, im Zug oder zu Hause.“ Wichtig sei die Übersichtlichkeit der App und ein einfacher Zugriff, damit sie auch wirklich genutzt werde. „Die App ist besonders dann eine starke Ergänzung zu Vermittlung von medizinischem Wissen, wenn ich gerade nicht alle Studierenden gleichzeitig im Raum habe – wie bei einer Vorlesung – aber dennoch sicherstellen will, dass sie dieses Wissen mitbekommen“, sagt Stephanie Herbstreit.

Mit all dem werden sich die Forscherinnen und Forscher nun beschäftigen. „Wir machen Studien mit Studierenden wie Dozierenden, holen über Interviews und Fragebögen Feedback ein. Die Kollegen in den anderen europäischen Ländern beschäftigen sich zudem damit, wie die App in der Ausbildung von Pflegekräften und in der Physiotherapie angewendet werden kann“, so Herbstreit. Im besten Fall, so die Professorin, könne die App eines Tages nicht nur an der Uniklinik in Essen, sondern an medizinischen Fakultäten deutschland- und europaweit zum Einsatz kommen.

Auch in der medizinischen Weiterbildung ist ein Einsatz der App denkbar, genauso wie sie eine Art sofort verfügbares Logbuch für Medizinerinnen und Mediziner in den Kliniken sein kann, zum Beispiel, wenn diese sich einem bestimmten Notfall gegenüber sehen: Die App kann in diesem Fall schnell und übersichtlich aufzeigen, welche Handlungen nötig sind – ein schneller Zugriff auf praktische Kenntnisse für den Klinikalltag.