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Wie bei Franz Schubert der Tod klingt

Grandiose CD mit Orchestermusik : Wie bei Franz Schubert der Tod klingt

Lauter letzte Werke: Heinz Holligers neue CD mit dem Kammerorchester Basel philosophiert über Abschiede und entdeckt eine unbekannte „Begräbnis-Feyer“.

Im Bereich der klassischen Musik kann man sich, etwa vor dem Radio, auf köstliche Weise irren. Stellen wir uns ein Ehepaar vor, das eine Sendung zwischendurch einschaltet und einem Lied lauscht, das nach spätem Schubert klingt. Sagt er: „Hedi, bei diesen Klängen hörst du doch schon genau, wie der Tod an Schuberts Tür klopft.“ Hedi wartet auf den Ansager, hört den Werktitel, googelt das Lied und sagt ihrem Gunter: „Du, das hat Schubert mit 17 Jahren geschrieben.“ Von wegen Tod: Da hat Schubert noch ganz fidel Bratwürste gegessen.

Trotzdem ist das mit dem Tod bei Schubert nie ganz verkehrt. Seine Musik ist so voller Ahnungen, voller Wechsel von Dur nach Moll, voller Stillstände. Natürlich gibt es auch den sonnigen, optimistischen Schubert, aber der andere, der nachtseitige, ist uns bekannter. Und vertrauter. Wahrscheinlich war er beides zur selben Zeit.

Jetzt ist bei Sony eine CD erschienen, die den Tod bei Schubert zum Generalthema macht. Die „Unvollendete“, nämlich die 7. Sinfonie h-Moll, 1822 entstanden, also sechs Jahre vor seinem Tod, hat mit dem Tod nun gar nichts zu tun. Zwei vollständige Sätze blieben erhalten, zum dritten gibt es nur Skizzen, Fetzen, Entwürfe. Irgendwas kam dem Meister dazwischen, er plante ja eine Oper. In einem Brief schrieb er: „Es geht mir überhaupt sehr schlecht. Ich mache mir nichts draus und bin lustig.“ So etwas konnte nur das Gefühls-Chamäleon Schubert schreiben.

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Er wollte sie vielleicht gar nicht mehr komplettieren, denn er plante eine neue Sinfonie in D-Dur, die er in den letzten Wochen seines Lebens begann. Davon stehen nur Bruchstücke eines zweiten Satzes herum, eines Andante in h-Moll, das Roland Moser 1982 spielfähig gemacht hat. Jetzt beendet das Kammerorchester Basel unter Heinz Holliger seinen Schubert-Zyklus mit diesen beiden Werken, und wie Holliger das Karge, Rohe, Unfertige mit größter Zartheit zu Musik werden lässt, das ist erschütternd. Der Komponist hatte tatsächlich nur noch wenige Tage, als er diese herrlich traurigen Melodien erfand. Wie so oft fehlt ihnen der Ruck, Schubert war streng anti-­dynamisch, deshalb die Formel seiner „himmlischen Längen“.

Holliger ist kein Romantiker, sondern ein Archäologe des Klangs, hier passt das wunderbar. Man wandelt durch eine Landschaft, die gleichsam erst im Entwurf vorhanden ist, alles Organische fehlt, doch Schuberts Löcher sind ja fast die schönsten in der ganzen Klassik. Auch in der „Unvollendeten“ wird nicht gekleistert und tapeziert. Das Orchester spielt, als wolle es für die Musik eine neue Beleuchtung finden. Die Farbe aber bleibt, es ist h-Moll, die Tonart für Abschiede.

Es gibt noch eine weitere, nämlich es-Moll. In dieser Tonart steht eines der merkwürdigsten Werke des jüngeren Franz: seine „Begräbnis-Feyer“ für neun Blasinstrumente. Schubert schrieb sie mit 16 Jahren. Er denkt hier erstmals über einen musikalischen Abschied nach. Depressiver geht’s nicht, die Musik lebt selbst kaum noch. Das ist überwältigend. Roland Moser hat für dieses Rätsel nach Noten jetzt noch einen „Echoraum“ geschrieben. In sechs Minuten verweht Schuberts Musik vollkommen ins Jenseits.

Keine CD für Menschen, die einen Sommerhit ersehnen. Für Freunde Schuberts ist sie unumgänglich.