Eurovision Song Contest 2023 Ein ukrainischer ESC in Liverpool

Liverpool · Weil in der Ukraine immer noch Krieg herrscht, wurde Großbritannien zum Ausrichterland des Eurovision Song Contests. Doch vor Ort ist der Einfluss der eigentlichen Gastgeber allgegenwärtig. Eindrücke einer besonderen Zusammenarbeit.

 Zwölf aufblasbare „Soloveikos“ sind überall in Liverpool verteilt. Die Nachtigall ist der Nationalvogel der Ukraine.

Zwölf aufblasbare „Soloveikos“ sind überall in Liverpool verteilt. Die Nachtigall ist der Nationalvogel der Ukraine.

Foto: Marc Latsch

Wer in Liverpool nach der Ukraine sucht, der findet Nachtigallen. Zwölf „Soloveikos“, wie der ukrainische Nationalvogel in der Landessprache heißt, sind überall im Stadtgebiet verteilt. Aufblasbar und meterhoch stehen sie alle für eine andere Region des kriegsgeplagten Landes. Eine ist besonders prominent positioniert, nahe dem Flussufer der Mersey. Sie symbolisiert die Krim.

Es ist nur ein Symbol. Aber es steht dafür, wie besonders und politisch dieser ESC ist. Während in der Ukraine der Kampf um das Stahlwerk Azovstal tobte, gewann das Kalush Orchestra in Turin mit großem Vorsprung den Eurovision Song Contest. Die Ukraine erhielt aus allen anderen 39 Teilnehmerländern hohe Punktzahlen bei der Telefonabstimmung, sie gewann die meisten. Es war ein großer Akt der Solidarität für einen sehr guten Auftritt, der ohne Krieg aber wohl kaum gewonnen hätte.

Dem Krieg in der Ukraine ist es auch geschuldet, dass der Eurovision Song Contest 2023 ausnahmsweise nicht im letztjährigen Siegerland stattfinden kann. Das zweitplatzierte Großbritannien sprang ein und wählte die nordenglische Hafenstadt Liverpool als Austragungsort. Doch auch fernab der eigentlichen Gastgeber ist das Leid der Ukrainer allgegenwärtig. Besonders gut lässt es sich bei einem Besuch in der imposanten Liverpooler Kathedrale nachempfinden. „Izyum to Liverpool“ heißt die Videoinstallation, die dort im Kirchenschiff aufgebaut wurde. Zehn große Bildschirme ersetzen dort die Fenster eines Zuges, der in Echtzeit von Izyum im Osten der Ukraine bis zur polnischen Grenze fährt.

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Foto: dpa/Jens Büttner

Oksana Skybinska kommt in Liverpool eine merkwürdige Rolle zu. Die Chefin der ukrainischen Delegation ist sozusagen Gastgeberin im fremden Land. „Es war von Anfang an eine wunderbare Zusammenarbeit“, sagt sie. Mehrfach sei sie in der Vorbereitung nach Liverpool geflogen und immer äußerst gastfreundlich empfangen worden. Dass überall in der Stadt nun die ukrainische Kultur präsentiert werde, sei das Ergebnis monatelanger kreativer Diskussionen. „Liverpool war die bestmögliche Wahl als Gastgeber des diesjährigen Eurovision Song Contests, der für uns alle so besonders ist“, sagt Skybinska. Auch wenn die Ukraine, natürlich, den Wettbewerb lieber im eigenen Land ausgetragen hätte.

So harmonisch, wie es nun bei Skybinska klingt, war die Stimmung im Juni 2022 allerdings nicht. Rund einen Monat nach dem ukrainischen ESC-Sieg veröffentlichte damals die den Wettbewerb ausrichtende European Broadcast Union (EBU) eine Pressemitteilung. Darin ist von einem engen Austausch mit dem ukrainischen Fernsehen die Rede und von nicht erfüllbaren Sicherheitsgarantien. Daher, so die EBU, könne der Musikwettbewerb leider nicht in der Ukraine stattfinden. Die verprellten Gastgeber waren damals völlig anderer Meinung. Erst zwei Tage zuvor hatte das ukrainischen Fernsehen noch von guten Planungen und möglichen Austragungsorten in drei Regionen gesprochen.

Von diesem Konflikt ist kurz vor dem ESC-Finale am Samstagabend in Liverpool nichts mehr zu spüren. Nicht nur in der Stadt, auch in den Shows selbst ist die Ukraine allgegenwärtig. Im Logo des Wettbewerbs ist die Landesflagge zu sehen, schon in den Halbfinals gab es mehrere ukrainische Pausenacts, ukrainische und britische Moderatoren stehen gemeinsam auf der Bühne. Beim Finale werden gleich fünf ehemalige ukrainische ESC-Acts auftreten. Darunter die Vorjahressieger Kalush Orchestra, Jamala, die Siegerin von 2016, und der Fan-Liebling Verka Serduchka, 2007 Zweiter mit „Dancing Lasha Tumbai“. „Die Offenheit der Stadt und der Wunsch, die Ukraine so sehr wie möglich in den Mittelpunkt zu stellen, war beispielhaft“, sagt Delegations-Chefin Skybinska.

Der dritte „ukrainische“ ESC ist sehr besonders, doch auch die beiden vorherigen Siege des Landes waren von der jeweiligen politischen Lage geprägt. 2005 trat das Gastgeberland mit den Rappern von Greenjolly an, die kurz zuvor die „Hymne der Orangenen Revolution“ in der Ukraine geschrieben hatten. 2017 nominierte Russland erst eine Sängerin, die einem Einreiseverbot in die Ukraine unterlag, um sich dann komplett zurückzuziehen.

Das Duo Tvorchi, das die Ukraine in diesem Jahr beim ESC vertritt, ist bereits seit mehr als einer Woche in Liverpool. In einem ersten Pressegespräch dort ging es um die üblichen Banalitäten: musikalische Einflüsse, Lieblingsessen, Ouftitpläne. Bis Bandmitglied Andrij Huzuljak nach seinen Vorbildern gefragt wurde. „Alle Menschen, die in diesen harten Zeiten in der Ukraine leben. Diejenigen, die unseren Soldaten und Zivilisten helfen. Sie inspirieren uns sehr“, sagte er.

Mit „Heart of Steel“ hatten sich die beiden Musiker beim Vorentscheid in einem Kiewer U-Bahn-Bunker durchgesetzt. Sie gehören zum erweiterten Favoritenkreis der diesjährigen Ausgabe. Bei den Proben überzeugten sie mit starken Gesang und einer schönen Inszenierung. Besonders genug für einen erneuten ukrainischen Sieg sollte der Song allerdings nicht sein. Auch die Solidaritätswellen aus Europa dürften nicht mehr ganz das Vorjahresniveau erreichen.

Am Mittwochabend fühlte sich Liverpool dann doch einmal ganz britisch an. Im Eurovision Village, dem großen Fantreffpunkt am Ufer der Mersey, stand Indie-Rock auf dem Programm, mit den Lightning Seeds als Headliner. Kurz bevor die Band ihren großen Fußball-Hit „Three Lions“ anstimmen konnte, dämmerte es in Liverpool und rechts von der Bühne erleuchtete an den Fassaden rund um das prachtvolle Royal Liver Buildung die Abendbeleuchtung. In blau und gelb – den Farben der Ukraine.