Kino-Kritik: Portrait eines Unbeirrbaren

Kino-Kritik : Portrait eines Unbeirrbaren

Düsseldorf (RPO). Am Ende dieses Films weint Jörg Immendorff. Er sitzt im Rollstuhl in seinem Atelier, stoßweise pumpt das Atemgerät Luft in den schwachen Körper, er ist mutterseelenallein. Um ihn herum feiern sie, Veronica Ferres, Kai Diekmann und Gerhard Schröder, dem er soeben das Kanzler-Portrait übergeben hat. Sie achten nicht auf ihn. Als Immendorff merkt, dass die Kamera seine Tränen sieht, dreht er sich weg. Wenige Wochen später ist er tot.

"Ich. Immendorff" heißt der Dokumentarfilm, der zum zweiten Todestag des Düsseldorfer Malers ins Kino kommt. Die Filmemacherin Nicola Graef begleitete den an der unheilbaren Krankheit ALS leidenden Künstler zwei Jahre bis zu seinem Tod. Sie hat das bewegende Portrait eines Menschen geschaffen, dessen Geist so gerne würde, es aber doch nicht vermag: den Verfall des Körpers aufhalten und leben.

Der Film zeigt die Mühsal täglicher Atelierarbeit. Man bewundert die Disziplin, mit der Immendorff seine jungen Helfer anweist, mit ihnen Bilder betrachtet, Korrekturen anmahnt. Manchmal verstehen sie nicht, was der Meister will, dann wird er ungeduldig, ruppig, ungenießbar. Ihm läuft die Zeit davon. Er möchte trinken, sie bringen ihm Wasser, er sagt: "Nicht den Strohhalm so fest in den Mund drücken, Mann!" Einen Studenten, der sich um Aufnahme in seine Klasse an der Akademie bewirbt, kanzelt er ab: "Ich nehme dich nicht. Keine Chance." Und dann sieht man seine Hände. Zwischen den Fingern eine Zigarette, sie brennt herunter, die Haut ist gelb und rot und braun, er spürt es vielleicht gar nicht. Das ist ein eindrucksvolles Bild.

Graef bringt viel Privates, wunderbare Szenen des späten Vaters mit seiner kleinen Tochter, aber vor allem interessiert sie der Künstler Immendorff. In Rückblenden zeichnet sie seinen Weg nach, den Eintritt in die Kunstakademie Düsseldorf mit 18 Jahren, die wilde Zeit, als er für eine Kunstaktion ein Kartonhaus an das Bundeshaus in Bonn pappte, abgeführt wurde und sagte: "Ich halte mich als Verteidigungsminister bereit".

Künstler kommen zu Wort, Galeristen, auch Immendorffs Arzt. Mutter Irene beschreibt ihre Zukunftsangst, als sie von den politischen Happenings des Sohnes erfuhr: Sie arbeitete im öffentlichen Dienst und fürchtete die Entlassung.

Dieser Films ist keine Hagiographie, das macht ihn so stark. Warum Immendorff in den 80ern seinen Kumpel Markus Lüpertz in Aussehen und Stil imitiert habe, fragt einer. Über die Bedeutung seiner Kunst wird spekuliert. Und dann ist da Immendorff selbst, den man mal umarmen möchte, dann wieder ohrfeigen. "Was Jüngeres finde ich nicht mehr", soll er seiner Mutter gesagt haben, als er ihr von den Heiratsplänen mit der 17-jährigen Schülerin und späteren Frau Oda Jaune erzählt hat. Man muss Immendorff nicht mögen. Aber man muss ihn achten, seine Leistung, sein Mensch-Sein, sein unbeirrbares Ich-Sein.