Kino-Kritik: Mord in der Puppenstube

Kino-Kritik : Mord in der Puppenstube

Düsseldorf (RP). Von Brügge hatte Ray (Colin Farrell) bislang noch nie etwas gehört. Als waschechter Londoner Profikiller irischer Abstammung kennt man zwar die hintersten Winkel von Soho, aber nicht die Perle Flanderns. Nun aber hockt Ray mit seinem Kompagnon und väterlichen Freund Ken (Brendan Gleeson) in dem malerischen belgischen Städtchen.

Der Grund: Nach einem alles andere als planmäßig verlaufenen Auftragsmord, bei dem der hitzköpfige Ray nicht nur wie bestellt einen Priester, sondern auch einen kleinen beichtwilligen Jungen erschossen hat, wurden die beiden von ihrem wütenden Boss Harry (Ralph Fiennes) in den verschlafenbeschaulichen Touristenort geschickt, zum Untertauchen sozusagen, bis Gras über die schlecht getane Arbeit gewachsen ist.

Doch während sich der ältere und reifere Ken den Sehenswürdigkeiten zwischen Kopfsteinpflaster, Kanälen und Kirchen hingibt, langweilt sich der depressive und zugleich aggressive Ray zu Tode. Schon die erste Sightseeing-Fahrt per Boot erzählt uns viel über die gegensätzlichen Anschauungen der beiden Killer. Derweil der ruppige Ray frierend dasitzt und mosert, giftet der besonnene Ken gelassen zurück "Du bist der mieseste Tourist, den ich kenne". Derlei amüsante Dialoge legt der britische Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh, der bislang als Theaterautor arbeitete und 2006 für seinen Kurzfilm "Six Shooter" den Oscar erhielt, seinen Hauptfiguren in den Mund, und zuweilen erinnert das Warten der verbannten Killer auf den nächsten Anruf ihres Bosses an Becketts "Warten auf Godot".

Wo ein Guy Ritchie ("Bube, Dame, König, grAs") oder ein Quentin Tarantino ("Pulp Fiction") mehr auf die Optik achten und ihre Charaktere oft ins comichaft Groteske überzeichnen, gibt McDonagh seinen Figuren mehr Farbe und verleiht ihnen bei aller Gewaltbereitschaft auch melancholische Facetten. Es war zudem ein geschickter Schachzug von McDonagh, dass er mal nicht die üblichen Verdächtigen wie London, Paris oder Barcelona zum Schauplatz gemacht hat, sondern seine skurrile Gangstergeschichte an einen Ort verlegt hat, der im Kino selten zum Zuge kommt. Denn erst durch den Gegensatz zwischen Brügges pittoresker Puppenstuben-Atmosphäre und der in ihr angesiedelten großstädtischen Unterweltgeschichte, entfaltet "Brügge sehen. . . und sterben?" einen ganz eigenwilligen Charme.

Wie hier die verlorenen Verbrecherseelen durch das vorweihnachtliche Venedig des Nordens schlendern und immer mit dem Finger am Abzug über Sünde, Sühne und das jüngste Gericht philosophieren, das hat was. So entspinnt sich zwischen den verschlungenen Gässchen und romantischen Grachten der Stadt eine bizarre Fabel, eine Mischung aus Buddy-Komödie, Killerballade und hartem Gangsterthriller, der irgendwann ins Rollen kommt, als schließlich auch der jähzornige Harry in Brügge auftaucht, der Ray tot sehen will und stocksauer auf Ken ist, weil der den Auftrag zum Mord am Komplizen nicht ausgeführt hat.

Doch selbst als nach vielen pointierten Dialogen dann doch das obligatorische Blutvergießen beginnt, behält McDonaghs Film seinen originell lakonischen Erzählton. Als Glücksgriff erweist sich dabei auch die Besetzung. Colin Farrell und Brendan Gleeson geben ein uriges Killer-Duo. Doch auch Ralph Fiennes dürfte im Gedächtnis bleiben, der mit seiner denkwürdigen Performance eines dämonischen Fieslings selbst den "Sexy Beast"-Auftritt von Ben Kingsley in den Schatten stellt.