1. Kultur

150 Jahre Reichsgründung in Versailles

Gründung des deutschen Nationalstaats : Das Reich des Ikarus

Unter den großen europäischen Nationalstaaten war Deutschland der letzte, der die Bühne der Geschichte betrat. 150 Jahre ist es her, dass im Spiegelsaal von Schloss Versailles das deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde. Einem beispiellosen Aufstieg folgte keine 50 Jahre später ein tiefer Fall.

Die Gewalt derer, die sich am 29. August 2020 vor dem Reichstagsgebäude Bahn brach, wo Tausende gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung demonstrierten, mag nicht so brutal gewesen sein wie die derjenigen, die am 6. Januar 2021 das US-Kapitol in Washington stürmten. Während in Berlin den radikalen Gegnern der Demokratie – schockierend genug – bloß ein Zehn-Minuten-Triumph auf den Stufen gelang, die in den Bundestag hineinführen, gab es in Washington Tote und Verletzte. Doch verbindet die Wütenden dies- und jenseits des Atlantiks dieselbe Rückwärtsgewandtheit. Das verraten auch ihre Flaggen aus längst vergangenen Tagen: Hier das Schwarz-Weiß-Rot des Deutschen Reichs, dort das mit Sternen bedeckte Schrägkreuz der Konföderierten Staaten von Amerika.

Es sind Erkennungszeichen von Reaktionären, und sie verklären Epochen zu Mythen, über die die Geschichte hinweggegangen ist. Die Legendenbildung vom verlorenen Paradies, in dem Sklavenhalter als Gentlemen erscheinen, Hochverräter als Helden, fällt bei den rassistischen Anhängern der Südstaaten besonders krass aus. Doch auch in der Bundesrepublik trauern Leute alten, mäßig kontrollierten Autoritäten nach, die, wenn es ihnen opportun erschien, hart durchgreifen konnten.

Deshalb kramen sie gerade jetzt wieder die Flagge eines Reichs hervor, das diese Art der Machtausübung in ihren Augen auf ideale Weise verkörperte – gestützt auf Nationalismus, Militarismus, Aristokratie: das Deutsche Kaiserreich. Freilich machen seine Merkmale sicher auch, wenngleich keineswegs nur dessen ungewöhnliche Erfolgsstory aus, die vor genau 150 Jahren beginnt. Aber weil diese Geschichte vom Drang nach Macht und Erlösung getrieben ist, führt sie in den Größenwahn und endet keine 50 Jahre später mit einem tiefen Fall.

„Franzosen und Russen gehört das Land / Das Meer gehört den Briten / Wir aber besitzen im Luftreich des Traums / Die Herrschaft unbestritten“. Schon 1844 legt Heinrich Heine mit diesen spöttischen Versen aus seinem Gedicht „Deutschland – ein Wintermärchen“ den Finger in die Wunde. Sprache und Kultur verbinden die Deutschen zu jener Zeit, einen Nationalstaat jedoch haben sie nicht. Das ändert sich erst 1871. Am 18. Januar wird im prächtigen Spiegelsaal des Versailler Schlosses der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser proklamiert.

In Versailles befindet sich damals das Hauptquartier der deutschen Armeen, die im Begriff sind, mit der Einnahme von Paris die militärische Niederlage Frankreichs zu besiegeln. Vergeblich hat Napoleon III. versucht, den fortschreitenden Einigungsprozess der Nachbarländer im Osten, die zu einem immer größeren Machtfaktor werden, durch einen Krieg zu verhindern. Nun aber ist der Weg frei für einen Beitritt auch der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund, in dem Preußen 1866/67 bereits alle deutschen Staaten nördlich der Mainlinie unter seiner Führung versammelt hat.

Architekt dieses komplizierten Gebildes ist der preußische Staatsmann Otto von Bismarck. Der hatte zuvor in zwei Einigungskriegen gegen Dänemark und Österreich in der deutschen Machtfrage zwischen den protestantischen Hohenzollern in Berlin und den katholischen Habsburgern in Wien Klarheit geschaffen: An der Wiege des deutschen Nationalstaates steht auch der Ausschluss der deutschsprachigen Gebiete Österreichs.

Eine „deutsche Revolution“, die Europa mehr verändere als die Französische, nennt der damalige britische Außenminister Benjamin Disraeli ahnungsvoll das, was da aus dem Windschatten der Geschichte heraustritt. Eine Revolution, die – typisch deutsch – von oben stattfindet. Und selbst dort oben knirscht es zunächst gewaltig, denn der preußische König fremdelt mit dem „Scheinkaisertum“, wie er es nennt, zudem mit dem ihm angetragenen Titel: „Kaiser von Deutschland“, nicht aber, wie von Bismarck vorgesehen, „Deutscher Kaiser“ will der 74-jährige Monarch genannt werden. „Ich war zuletzt so moros, dass ich drauf und dran war zurückzutreten“, berichtet er seiner Frau Augusta später.

Nun aber steht Wilhelm I. zusammen mit Bismarck, zahlreichen deutschen Bundesfürsten, Hunderten Soldaten und Offizieren im Schloss des Sonnenkönigs Ludwig XIV., der in ausschweifenden Deckengemälden als Eroberer deutscher Städte und Länder verherrlicht wird. Der Triumph, die Dominanz des Militärischen an diesem 18. Januar 1871 ist überwältigend. Von gewählten Volksvertretern fehlt beim Gründungakt der neuen europäischen Großmacht indes jede Spur. Bismarck verliest die Kaiserproklamation, woraufhin dem Großherzog von Baden, Friedrich I., ein kleines diplomatisches Meisterwerk gelingt: Er bringt ein schlichtes Hoch auf „seine Majestät Kaiser Wilhelm“ aus, und dieser macht gute Miene zum bösen Spiel.

Mit der Etablierung des neuen Reichs erfüllt sich der Traum des deutschen Liberalismus nur teilweise. Die nationale Einheit ist erreicht, das Ziel einer parlamentarisch verantwortlichen Regierung hingegen nicht. Erst am 28. Oktober 1918 sollte Deutschland zu einer parlamentarischen Monarchie werden, die der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann nur zwölf Tage später durch die Republik ablöst, die er von einem Fenster des Reichstagsgebäudes ausruft.

Zunächst aber entwickelt sich das Kaiserreich ab 1873 in wirtschaftlicher, technologischer, wissenschaftlicher und sozialstaatlicher Hinsicht wie im Zeitraffer zu einem der modernsten Länder der Welt. Bis 1914 versechsfacht es seine industrielle Produktion, vervierfacht die Exporte, überflügelt das in Europa bis dahin führende Großbritannien. Dort war zur Kennzeichnung von Waren vermeintlich minderer Qualität die Herkunftsbezeichnung „Made in Germany“ eingeführt worden. Jetzt ist sie ein Gütesiegel.

Als Ausgleich für das Verbot der Sozialdemokratie führt Reichskanzler Bismarck ein modernes Sozialversicherungssystem ein: 1883 die gesetzliche Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung, 1889 die Rentenversicherung. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt von 37 auf 47 Jahre. In Deutschland entsteht Europas größte Frauenbewegung. Schon bei der ersten Nobelpreisverleihung 1901 ist ein Deutscher unter den Ausgezeichneten: Wilhelm Conrad Röntgen. Viele folgen.

Doch die Verbindung von Monarchie und Demokratie, von Tradition und Moderne bleibt konfliktreich. Sowohl die antikatholischen Kulturkampfgesetze als auch die Sozialistengesetze gegen die organisierten Arbeiter in den 1870er-Jahren widersprechen rechtsstaatlichen Grundsätzen. Es fehlt an Parteien, die bereit sind, grundsätzliche Interessenskollisionen abzufedern und über die Blockbildung hinaus zu dauerhaften Koalitionen zusammenzufinden. Noch geht es ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten bloß um eine Kontrolle der Regierung, nicht aber um die Übernahme der Macht. Um Mehrheiten zu bekommen, löst Reichskanzler Bismarck zur Not den Reichstag kurzerhand auf und ordnet Neuwahlen an.

Nahezu zwingend als Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere im Zivilleben bleibt für den ambitionierten deutschen Mann im Reich der Pickelhauben der vorherige Dienst im Militär, der als Nachweis seiner „vaterländischen Gesinnung“ gilt. Überhaupt entwickelt sich der Begriff „national“ mehr und mehr zu einem Kampfbegriff der politischen Rechten gegen die Liberalen, zunehmend aber auch gegen die Juden. Der Antisemitismus erlebt im Deutschen Reich einen bestürzenden Aufschwung. Der Rassismus ebenfalls. In Deutsch-Südwestafrika begehen die deutschen Kolonialherren mit der brutalen Auslöschung der Herero und Nama den ersten in der Geschichtsschreibung anerkannten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Dabei wolle Deutschland doch „niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, erklärt der damalige deutsche Außenminister Bernhard von Bülow am 6. Dezember 1897. Der Sonne will das Reich nicht zuletzt durch eine gigantische Aufrüstung näherkommen, vor allem zu Wasser gegen die führende Seestreitmacht Großbritannien. Aber dann kommt dieses Reich in seiner Hybris wie Ikarus in der griechischen Sage der Sonne zu nahe, verbrennt in den sinnlosen Schlachten des von ihm mit angezettelten Ersten Weltkriegs und stürzt ins Nichts.

Dennoch: Das deutsche Kaiserreich war die Voraussetzung für das Land, in dem wir heute leben. Es bestand nicht nur aus schwadronierenden Chauvinisten und Imperialisten. Sein Weg führte allen Widerständen zum Trotz in die Demokratie. Der vielgeschmähte Reichstag gewann an politischem Gewicht. Die Wahlbeteiligung stieg. Spätestens um 1900 setzte eine fundamentale Politisierung breiter Gesellschaftsschichten ein.

In den Wirren der darauf folgenden Weimarer Republik aber waren es deren reaktionäre Feinde, die die schwarz-weiß-rote Flagge des untergegangenen Reichs hochhielten. Sie sehnten sich damals wie heute zurück nach einer Zeit, die zum Mythos verklärt wurde. Die Feinde der Demokratie verabscheuten damals wie heute die Zumutungen der Freiheit, die mit dem Parlamentarismus einhergehen. Die von der Weimarer Nationalversammlung favorisierten Farben Schwarz, Rot und Gold hielten sich seinerzeit nicht sehr lange. Dann wehten Hakenkreuze im Wind.