WM 2018: Dagmer Freitag sorgt sich um Integrationskraft der DFB-Elf

Causa Özil/Gündogan beschäftigt die Politik : „Integrationskraft der DFB-Elf steht auf dem Spiel“

Die mangelhafte Aufarbeitung der Causa Mesut Özil und Ilkay Gündogan durch die DFB-Spitze beschäftigt auch die Politik. Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, fürchtet um die gesellschaftspolitische Bedeutung der DFB-Elf.

DFB-Präsident Reinhard Grindel kündigte am Montag "gravierende Veränderungen" an, doch die Angst vor bleibenden Schäden des WM-Desasters und der leidigen Affäre Özil wird immer größer. Für Dagmar Freitag, der Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, steht nicht weniger als die gesellschaftspolitische Bedeutung der Fußball-Nationalmannschaft auf dem Spiel.

Grindel ließ am Montag in einem Interview mit dem „kicker“ durchblicken, dass das WM-Aus personelle Konsequenzen nach sich ziehen werde - allerdings wohl eher auf unterer Ebene. "Ich weiß sehr wohl, dass eine Trennung von dem einen oder anderen Mitarbeiter schmerzlich und schwer sein wird, weil Jogi Löw ein zutiefst loyaler Mensch mit einer hohen sozialen Kompetenz ist. Aber die Signale aus der Mannschaft und von Oliver Bierhoff sagen mir, dass es personelle Entscheidungen geben muss", sagte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes.

Es gehe um "gravierende Veränderungen, möglicherweise im Team, beim Team hinter dem Team, auch bei einzelnen Abläufen, die die Darstellung der Mannschaft in der Öffentlichkeit betreffen", ergänzte Grindel. Darüber werde Ende August mit dem Präsidium intensiv diskutiert. Es würden dann "hoffentlich Weichen" gestellt, die "uns zu alter Stärke führen".

Im politischen Berlin herrscht längst die Sorge, dass dies zumindest in puncto Integrationskraft des A-Teams nicht mehr möglich sein wird. "Der Umgang mit der Causa Özil/Gündogan hat das Potenzial zu gefährden, was diese Nationalmannschaft in den letzten Jahren zu Recht auch verkörpert hat: Integration kann gelingen. Auch oder vor allem im Sport", sagte Freitag auf SID-Anfrage.

Die Angelegenheit sei laut der SPD-Politikerin "dermaßen verfahren, dass es nur noch Verlierer geben kann: Özil, Verband und die Gesellschaft". Die SPD-Politikerin kritisierte in diesem Zusammenhang Grindel und Bierhoff. "'Wenn jemand nach einem Rückweg sucht, soll man helfen'", zitierte Freitag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Ob der DFB Özil gerade eine Brücke baut, über die beide zu gehen bereit sind, erscheint mir zumindest zweifelhaft."

Sie halte es für "fatal, dass die Kommunikation zurzeit einseitig über die Medien läuft. Ein Spieler, der schweigt, ein Verband, dessen Spitze redet und sich auch noch missverstanden fühlt". Damit bezog sich Freitag auf Nationalmannschaftsdirektor Bierhoff, der zuletzt wegen Äußerungen bezüglich Özil in einem Interview mit der Welt zurückgerudert war.

Heftige Kritik am DFB übte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, dem die Sündenbock-Rolle von Özil sehr missfällt. "Auf die Idee, dass ein Foto mit Erdogan an der Niederlage gegen den Fußball-Giganten Südkorea Schuld sein soll, können auch nur DFB-Funktionäre nach drei Wochen Nachdenken kommen", twitterte Laschet.

Gerüchte, der seit Wochen schweigende und derzeit im Urlaub weilende Mesut Özil wolle sich, wie am Sonntag von Grindel vehement gefordert, nun doch öffentlich äußern, ließen sich am Montag nicht erhärten. Das Management des Spielers wollte sich auf SID-Anfrage zunächst nicht äußern.

Ohnehin sehen auch ehemalige hochrangige Funktionäre des weltweit größten Sportfachverbandes noch immer vor allem den DFB selbst gefordert. "Das Krisenmanagement der DFB-Spitze nach dem WM-Aus war kein gutes, das gilt insbesondere für die Causa Özil", sagte der ehemalige DFB-Vize Rainer Milkoreit dem SID. Es werde sehr schwer werden, sagte der Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), "unbeschadet aus dieser Nummer herauszukommen - das gilt für Mesut Özil ebenso wie für Oliver Bierhoff".

Eine Lösung könne nur im Team entstehen. "Wenn jeder für sich alleine seine eigene Kommunikationsstrategie verfolgt, wird es ganz schwierig werden", sagte Milkoreit. Die DFB-Spitze solle sich nicht scheuen, "Hilfe von außen anzunehmen".

Grindel will bei den anstehenden Aufräumarbeiten zumindest die Bundesliga ins Boot holen. Man müsse "unsere Spielidee überprüfen und uns enger zwischen A- und U-Mannschaften abstimmen", sagte der DFB-Präsident. Man müsse sich fragen, "ob bei der Ausbildung der Nachwuchsspieler zu Spielerpersönlichkeiten alles richtig läuft. Müssen wir sie zu mehr Eigenverantwortung, mehr Selbstständigkeit bewegen? Das gehört in die Gesamtanalyse, am besten mit der Bundesliga."

Konsequenzen aus den Reihen seiner Großsponsoren hat der DFB unterdessen offenbar nicht zu fürchten. "Es ist nicht unsere Aufgabe, die Aussagen des DFB zu bewerten", sagte adidas-Sprecher Oliver Brüggen und betonte: Wir stehen zum DFB, in guten wie in schlechten Zeiten."

Die Commerzbank ließ verlauten: "Unabhängig von einzelnen Spielern steht für die Commerzbank immer die gesamte Mannschaft im Fokus. Wir bleiben als Premium-Partner weiterhin an der Seite der Nationalmannschaft und freuen uns auf die neuen sportlichen Herausforderungen." Der scheidende Partner Mercedes Benz wollte sich nicht äußern.

(old/sid)