WM 2018: Mesut Özil ist das Bauernopfer von Oliver Bierhoff

Aufarbeitung beginnt mit Schuldzuweisungen: Özil ist Bierhoffs Bauernopfer

Im DFB beginnt die Zeit der WM-Aufarbeitung. Sie beginnt mit den ersten Schuldzuweisungen. Manager Oliver Bierhoff versucht sich aus der Schusslinie zu ziehen, indem er auf Mesut Özil zeigt. Ein durchschaubares Manöver.

Die Funktionäre im Deutschen Fußball-Bund sind offenbar bessere Sprinter als die Spieler der Nationalmannschaft. Während sich das einstweilen mal frühere Vorzeigeteam im deutschen Sport bei der Weltmeisterschaft in Russland vornehmlich durch eine sehr zurückhaltende Spielweise bereits nach der Vorrunde verabschiedete, legen die hohen Herren des Verbands große Schnelligkeit an den Tag. Noch bevor irgendwer auch nur mit der allseits geforderten gründlichen Analyse des historischen Absturzes beginnen konnte, erklärte das Präsidium Trainer Joachim Löw sein Vertrauen. Sechs Tage nach dem Ausscheiden war Löw von diesem Vertrauensbeweis so sehr gerührt, dass er sich zum Weitermachen entschloss.

Da durfte der Nationalmannschaftsdirektor natürlich nicht im Startblock hängenbleiben. Sein tempogeladener Beitrag zur Aufarbeitung der peinlichen Geschichte von Moskau und Kasan ist ein Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“. Bierhoffs zentrale Aussage in diesem Gespräch: Die Teamleitung hätte die Foto-Affäre der türkischstämmigen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan „klarer aufarbeiten müssen“. Die richtige Konsequenz zu Özils Verweigerungshaltung wäre gewesen: „Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Mesut Özil verzichtet.“

Das ist eine bemerkenswerte Einsicht. Weil sie dem Manager sechs Wochen zu spät kommt, darf man durchaus den Verdacht hegen, dass diese Erkenntnis einer billigen Schuldzuweisung dient. Bierhoff weiß, dass die Aufräumarbeiten im Verband personelle Konsequenzen haben müssen. Und um sich schon mal aus der Schusslinie zu bringen, zeigt er auf Özil. Er weiß nämlich auch, dass der Mittelfeldspieler bei großen Teilen des Publikums unten durch ist. Wegen der Erdogan-Affäre, wegen seiner sturen Verweigerungshaltung und wegen schwacher fußballerischer Leistungen. Gern wird in diesem Zusammenhang von interessierten Kreisen die melancholische Körpersprache des Mittelfeldspielers zum Thema gemacht. Und ebenso gern wird übersehen, dass Özil im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea in einer rundherum schlechten Mannschaft noch einer der weniger schlechten Spieler war.

Der DFB-Direktor Bierhoff redet aber bewusst einer Mehrheit das Wort, ohne von der inneren Wahrheit seiner These überzeugt zu sein. Denn wäre er das, dann hätte er kraft seines Amts viel eher Druck auf Özil ausüben können. Bierhoff aber gehörte zu jenen, die sehr bald und ziemlich unwirsch ein Ende der Diskussionen um Özil verlangten. Deshalb ist das, was er nun tut, nichts als Populismus. Zwar ruderte Bierhoff noch am Freitag zurück und sprach von einem Missverständnis, die Wogen glätten konnte er damit aber nicht.

Die Anbiederung an eine vermeintliche Mehrheitsmeinung folgt dem Zweck, bei den fälligen Renovierungsarbeiten im DFB der starke Mann zu bleiben. Dem smarten Fußballgeschäftsmann Bierhoff ist selbstverständlich nicht verborgen geblieben, dass er namentlich in konservativen Verbandskreisen Gegner hat, die nun Angriffsflächen erkennen. Um sich in Deckung zu bringen, leistet sich Bierhoff sogar den Verstoß gegen ehrenwerte Selbstverpflichtungen. Eine hat er im Gespräch mit der „Welt“ genannt: Er werde „nicht einzelne Spieler oder Mitarbeiter an den Pranger stellen. Das ist nicht unsere Art, mit Menschen umzugehen“. Trotzdem hat er Özil zum Sündenbock gemacht.

Bierhoff hat eine erstaunliche Karriere beim DFB hingelegt. In den ersten Jahren seines Schaffens war er vor allem damit beschäftigt, allen um sich herum zu erklären, was er überhaupt für eine Aufgabe hat. Das war nicht jedem klar, ist aber immer klarer geworden. Bierhoff hat das fußballerische Aushängeschild des Verbands zu einer Marke entwickelt. Zum Kunstprodukt „Die Mannschaft“.

Natürlich steht die zunehmende Kommerzialisierung nicht in direktem Zusammenhang mit dem frühen WM-Aus. Doch sie hat ein Klima geschaffen, in dem es wichtiger zu sein scheint, sich um persönliche Inszenierung zu kümmern und sich weniger intensiv mit dem Mitspieler zu beschäftigen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es im Team eine Grüppchenbildung gibt. Wie ernst wird ein sogenannter Führungsspieler wie Mats Hummels von den Mitspielern genommen, der seine Ankunft im Teamquartier auf den sozialen Netzwerken im edlen Maßanzug seines Sponsors verkündet? Oder Julian Draxler, der in einem Interview mit einem Modemagazin zur epochalen Feststellung gelangte, einen Fußballplatz nur zu betreten, wenn er sich vorher parfümiert hat? Aus dem Munde von Bierhoff hört sich das so an: „Wir verlangen einerseits Spieler, die ihren eigenen Weg gehen, die ihre eigenen Aussagen machen – auch in den sozialen Netzwerken, die Typendiskussion. Wir wollen offene und ehrliche Ansagen, keine angepassten und weichgespülten.“

Der DFB selbst tut sich genau damit extrem schwer. Jede Mitteilung für die Öffentlichkeit liest sich so, als sei sie so und so oft chemisch gereinigt worden und hinterher noch mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet worden. Bierhoff, der Manager, hat eine Gemeinschaft geschaffen, die wirtschaftlich so erfolgreich ist, weil sie eben nirgendwo angeeckt ist. Er ist mit der Vorlage neuer wirtschaftlicher Erfolge immer mächtiger geworden. Er hat das für sich genutzt und sich einen großzügigen Spielraum verschafft. Bierhoff ist der Verantwortliche für die neue Akademie des Verbands, in der alles Wissen gebündelt und ganz wichtige Projekte entwickelt werden sollen. Zurück bleiben viele überforderte Funktionäre aus der zweiten Reihe, die längst aufgegeben haben, beim Tempo von Bierhoff mitzuhalten.

Solange der Erfolg bei der Nationalmannschaft da war, traute sich niemand zu maulen. Das Klima hat sich verändert. Vielleicht wird nach Özil über einen anderen Namen geredet: Bierhoff.

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