WM 2018: Taktik und Teamgeist sind Joachim Löws größte Baustellen

Große Analyse ist vertagt : Taktik und Teamgeist sind Joachim Löws größte Baustellen

Joachim Löw bleibt Bundestrainer. Gut so, sagt Fußball-Deutschland. Doch die Geschichte der Nationalmannschaft sollte eine Warnung sein.

Die "saubere Analyse" ist erst einmal aufgeschoben, von "tiefgehenden Maßnahmen" noch nichts zu sehen. Doch während Joachim Löw nach seiner Bestätigung als Bundestrainer im heimatlichen Freiburg weiter das WM-Desaster verarbeitet, zeichnen sich im Umfeld der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bereits erste Veränderungen ab.

Das DFB-Team, das am 6. September in der Nations League gegen Frankreich (München) und drei Tage darauf gegen Peru (Sinsheim) den viel zitierten Neuanfang wagen soll, wird ein anderes Gesicht haben. Und das gilt nicht nur für die Besetzung der Mannschaft, in der nach der Katastrophe von Kasan der ein oder andere Weltmeister von 2014 fehlen dürfte.

Löw hat bereits mit der Aufarbeitung begonnen, am Dienstag stellte er in der Verbandszentrale erste Erkenntnisse vor. Laut Bild-Zeitung war dabei der fehlende Mannschaftsgeist ein Thema. In Russland soll es nicht nur zwischen Jungen und Etablierten, sondern auch zwischen den Rio-Helden geknirscht haben. Laut kicker gab es Knatsch zwischen Mats Hummels und Sami Khedira, zudem sei Toni Kroos kritisch beäugt worden.

Diese Konflikte muss Löw im Hinterkopf haben, wenn er am 31. August seinen Kader für den Neuanfang benennen wird. Bis dahin soll es im August noch einen weiteren Termin beim DFB zur von Präsident Reinhard Grindel eingeforderten, am Dienstag aber als "verfrüht" eingestuften "umfassenden Analyse" geben.

Ein weiterer Punkt: Die Taktik. Löw soll, auch unter dem Eindruck der Hochgeschwindigkeits-WM, bereit sein, sein Ballbesitz-Dogma zu überdenken. Und: Er dürfte seinen Stab verändern. Selbst Scout Urs Siegenthaler, für Löw lange eine Art Guru, steht auf der Kippe. Kritisch gesehen wird zudem Assistent Thomas Schneider, eine Rückkehr von Hansi Flick steht im Raum.

Löw sitzt auf einem Pulverfass, er braucht von September an Ergebnisse. Das zeigt auch ein Blick in die jüngere Historie des DFB-Teams. Berti Vogts, immerhin Europameister 1996, hatte nach dem WM-Fiasko 1998 auch geglaubt, den Umbruch moderieren zu können. "Ich habe Kraft genug, eine neue Mannschaft aufzubauen", sagte er - zwei Spiele später war Vogts Geschichte.

Dabei trat er zum Neustart gegen Malta (2:1) und Rumänien (1:1) immerhin mit 14 Spielern an, die beim Aus in Frankreich nicht dabei waren. Er erklärte die Libero-Taktik für obsolet, holte sogar seinen früheren "Feind" Stefan Effenberg zurück. Alles vergebens.

Vogts nennt Löws Bleiben gegenüber unserer Redaktion dennoch "die einzig richtige Entscheidung". 1998 sei es eine andere Situation gewesen. Vogts reichte damals seinen Rücktritt ein, zermürbt von der Kritik. "Ich bin es mir selbst schuldig, den letzten Rest Menschenwürde zu verteidigen, welcher mir noch gelassen worden ist", sagte er.

Vogts habe es nach 1996 zu sehr genossen, "der große Lehrmeister zu sein", kommentierte die Braunschweiger Zeitung, und nicht bemerkt, "dass sein Stern schon am Tag nach dem Finale zu sinken begann". Wie Löw?

Nein, sagte Vogts, die Nationalmannschaft sei damals "am Ende" gewesen, so weit sei es heute nicht. Er fühlt sich vielmehr an 1994 erinnert, als er in seiner Mannschaft sogar drei Lager - Weltmeister, junge Wilde, Spieler mit DDR-Vergangenheit - vorgefunden habe.

Löw wisse, "dass er Fehler gemacht hat", glaubt Vogts. Sein Rat: zur Ruhe kommen, zu sich selbst finden.

Der Bundestrainer wird ihn erhören: Mitte Juli will er sich in den Urlaub verabschieden.

(lt/sid)