David Wagner: Neuer Trainer von FC Schlake 04 soll Revolution anzetteln

Schalkes neuer Trainer : David Wagner soll die königsblaue Revolution anzetteln

Ein 47 Jahre alter Bundesliga-Neuling soll den FC Schalke 04 wieder aufpäppeln. Das klingt mindestens mutig. Doch wenn man in Huddersfield fragt, könnte Königsblau wohl keinen Besseren als David Wagner finden.

In jedem dritten Satz werde er darauf angesprochen, dass er Jürgen Klopps Trauzeuge gewesen sei, hat David Wagner dem Magazin „11 Freunde“ mal erzählt. Das hat sich der damalige Trainer von Huddersfield Town hart erarbeiten müssen. Früher, sagt er, sei es jeder zweite Satz gewesen.

Nun lässt sich die Geschichte des David Wagner freilich auch ohne den langen Schatten von Jürgen Klopp erzählen. Bloß vollständig ist sie dann nicht. Bei Mainz 05 wurden beide einst Freunde und sind es geblieben. Wohl auch deshalb stellte der Liverpool-Coach Wagner unlängst noch ein besonders blumiges Empfehlungsschreiben aus. Dass er mit Huddersfield Town in die Premier League aufgestiegen sei, sei dasselbe, als würde Remscheid in die Bundesliga aufsteigen. Und zwar genau dasselbe!

Jürgen Klopp ist Medienprofi genug, als dass er weiß, dass solche Bilder verfangen. Seitdem ein paar schlaue Menschen die Bundesliga erfunden haben, konkurrieren schließlich immer auch die heißesten Narrative gegeneinander. Schalker Kreisel, Fohlenelf und der übermächtige FC Bayern sind einige der großen Bögen. Im Kleinen kann aber allein ein Jadon Sancho einen kollektiven Run auf englische Talente verursachen oder Adi Hütter dafür sorgen, dass allein die österreichische Staatsangehörigkeit als Ausweis besonderer Trainerleistungen genügt. Dass sich auch noch so gute Geschichten nur leider selten wiederholen lassen, wird darüber schnell vernachlässigt. Die Bundesliga erinnert bisweilen an einen Zirkel hysterischer Aktionäre, die versuchen, aus einem großen Märchenbuch die Zukunft abzulesen.

Nach diesem Muster lässt sich die Bundesliga in eine Ära vor und nach Klopp aufteilen. Seit seiner Zeit in Mainz und vor allem Dortmund dreht das Trainerkarussell mit den Altgedienten in zunehmend gleichbleibender Besetzung seine Runden. Stattdessen werden junge Männer zum Mitreisen gesucht. Mindestens 15 von 18 Erstligisten eint die Sehnsucht nach dem großen Bessermacher. Möglichst jung, dynamisch, eloquent hat er nun zu sein, der Idealtyp des Bundesliga-Trainers. Seit Hoffenheim die Eskalationsstufe Julian Nagelsmann gezündet hat, dazu bestenfalls in theoretisch noch spielfähigem Alter. Kaum zu denken an die Zeiten, in denen für Fußballlehrer stillschweigend eine ähnliche Altersuntergrenze galt wie für Bundespräsidenten.

David Wagner wird in diesem Jahr 48. Dennoch lassen sich zumindest einige Wünsche und Hoffnungen auf seine Person projizieren. Der Mann ist schließlich nicht nur dicke mit dem Liverpooler Trainer, er macht keinen Hehl daraus, dass er ihm in vielerlei Hinsicht nacheifert. „Brutal cool, eine überragende Geschichte“, sagte Wagner vor dem Aufeinandertreffen der beiden als Trainer von Huddersfield und Liverpool. Wer da einen Klopp im Ohr hat, wird das bei Wagner öfter erleben. Beide sind nicht nur freundschaftlich verbunden, sondern haben auch einen großen Teil ihrer beruflichen Laufbahn miteinander verbracht, sprechen im Wortsinn eine Sprache. Nachdem Wagner als Jugendtrainer in Hoffenheim entlassen wurde, wechselte er 2011 zur Dortmunder U23. Dass der BVB hier auf Anraten seines damaligen Cheftrainers Klopp handelte, leugnet niemand. Zwischen seinem Rücktritt in Dortmund und seiner Vorstellung in Huddersfield 2015 lagen nur wenige Tage - auch dabei soll Klopp, nun bereits in Diensten des FC Liverpool, eine Rolle gespielt haben.

Als sich der Sohn einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters sich auf der Pressekonferenz in Huddersfield auf Englisch vorstellte, hörte man den Sound eines Frankfurters. Wagner ist vor allem Hesse. Doch fernab seiner Heimat hat er sich freigeschwommen und vor allem emanzipiert von seinem Fürsprecher. Der Traditionsklub aus West Yorkshire ist in der zweitklassigen englischen Championship mit dem Etat eines Absteigers angetreten. Wagner ist einfach trotzdem aufgestiegen - mit einem negativen Torverhältnis. Dass Huddersfield Town die „Terrier“ genannt werden, passt zum Spiel- und Trainingsstil des Wagner-Fußballs, der auf Trainingsfleiß, auf hohes Pressing und schnelles Umschaltspiel Wert legt. Nach dem umjubelten Aufstieg gelang Wagner damit sogar das eigentliche Wunder: Huddersfield hielt die Klasse.

Auch wenn sich der Klub danach zunehmend der wirtschaftlichen Realität beugen musste und Wagner schließlich freiwillig zurücktrat, überdauert eine märchenhafte Geschichte. An der Stelle, wo Borussia Dortmund sich der „Echten Liebe“ bekennt, hat Huddersfield den Hashtag #WagnerRevolution zur Marke gemacht – auch wenn Wagner das ein wenig zu viel des Personenkults war. Liest man heute, mit welchen Worten der Trainer nach seinem freiwilligen Rücktritt im Januar von den Fans verabschiedet wurde, lässt sich erahnen, welchen Stellenwert er dort noch immer genießt. Wagner kam als No Name und ging als Ikone.

Nun brauchte es auch keinen Klopp mehr, um Angebote aus der Bundesliga zu bekommen. Wolfsburg, Hertha und Köln waren dem Vernehmen nach interessiert, nun gewinnt wohl Schalke. Gleichwohl verordnen sich die Gelsenkirchener mit dieser Personalie eine Lektion in Demut. Bei genauerer Betrachtung versuchten die Knappen bei der Besetzung des Trainerpostens schon in den vergangenen Jahren eigentlich durchgehend, auf aufstrebende Kandidaten zu setzen. Ob die nun André Breitenreiter, Markus Weinzierl oder Domenico Tedesco hießen. Letztmals vor zehn Jahren war mit Felix Magath der Trainer der Star - was den Klub nachhaltig erschütterte.

Das Projekt Wagner ist daher nicht umwerfend neu. Dass er trotz seiner zwischenzeitlich engen Bindung an den BVB einst als Spieler mit Schalke 1997 den Uefa-Cup holte, gewährt ihm beim Umfeld womöglich einen kleinen Kredit. Gleichwohl geht S04 mit Wagner großes Risiko. Nachdem die auf Langfrist angelegten Personalien Christian Heidel und Domenico Tedesco schließlich doch überraschend geräuschvoll gescheitert sind, hätte der Sportchef Jochen Schneider durchaus eine defensivere Wahl treffen können. Dieter Hecking etwa, über den zuletzt das durchaus respektvoll gemeinte Bonmot kursierte, er könne mit jeder Bundesliga-Mannschaft Siebter werden. Eine Zielvorgabe, die den Schalkern vorerst doch gut zu Gesicht stehen würden. Immer vorausgesetzt, dass sie in dieser Saison nicht noch kompletten Schiffbruch erleiden.

Wagner hingegen steht nicht für behutsamen Aufbau, sondern schnelles Umschaltspiel. Schalke sucht den direkten Weg zurück nach vorne. Domenico Tedesco hat das in seiner ersten Saison beinahe perfektioniert. Was einmal klappte, soll auch zweimal gelingen. Aber mit guten Ergebnissen allein ist der königsblauen Volksseele nach der laufenden Saison nicht mehr Genüge getan. Wagner muss aus einem heillos zerrütteten Kader wieder so etwas ähnliches wie eine Mannschaft formen, die Herzen der Anhänger gewinnen, offensiven Fußball spielen lassen, mindestens im gesicherten Mittelfeld spielen und sich auf Anhieb in der Bundesliga und dem schwierigen Vereinsumfeld zurechtfinden. Ganz schön viel für einen Neuling. Doch bevor irgendwelche Zweifel aufkommen, hat sich Klopp dann doch noch mal zu Wort gemeldet. Leute, die Zweifel an Wagner äußerten, seien grundsätzlich „nichtsahnend“ und „ohne Durchblick.“ Wagner habe „jedem Verein, der auch nur im Ansatz ein bisschen Probleme hat, bewiesen, dass er das Zeug dazu hat.“ Nun, Probleme hat Schalke reichlich im Angebot. Vielleicht ist es also wirklich an der Zeit für eine königsblaue Revolution.

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