Borussia Mönchengladbach: In der Ruhe liegt im Team von Dieter Hecking die Kraft

Analyse zum perfekten Rückrundenstart: In der Ruhe liegt Borussias Kraft

Einst galt die Borussia als Lieferant für spektakuläre Fußballspiele. In der Offensive gefährlich, in der Defensive schludrig. Doch die Gladbacher haben sich verändert.

Es ist nur eine Vermutung, doch vielleicht haben sich die Borussen am Samstag in der Schalker Arena ab und an mal umgeschaut, um festzustellen, dass sie tatsächlich nicht im eigenen Stadion spielten, sondern in dem des Gegners. Denn die Spielkonstellation, die sich beim Vizemeister des Vorjahres bot, glich doch arg den vergangenen Heimspielen gegen Augsburg, Nürnberg, Stuttgart und Düsselorf: Der Gegner nutzte die tiefe Tiefe des Raumes, um sich aufzustellen, wartete weit hinten in der eigenen Hälfte auf die Borussen und überließ diesen freiwillig die meisten Spielanteile. Einigen Respekt darf man hinter einer solchen Taktik vermuten. Übertrieben gesagt auch: Angst.

Tatsächlich ist es schon fast beängstigend, mit welcher Selbstverständlichkeit die Borussen derzeit unterwegs sind, und wie schon in Leverkusen und gegen Augsburg lässt sich kritisch anmerken, dass sie längst nicht ihr ganzes spielerisches Potenzial auf den Platz gebracht haben. Aber sie haben gewonnen und damit den Vertrauensvorschuss, den sie von Manager Max Eberl und Trainer Dieter Hecking bekommen haben, gerechtfertigt: Die sportlichen Macher haben entschieden, dass der Kader des Sommers immer noch die beste Option für diese Saison ist, ohne Wenn und Aber und ohne neue Männer. 

Schließlich ging es auch um die Chemie in der Kabine, die extrem gut in Gladbach ist. Weswegen es auch so viele Jokertore gibt, da die Spieler von der Bank ihre Nebenrolle annehmen ohne zu murren und dann gern auch mal Hauptdarsteller werden.

Hecking hat vieles richtig gemacht, in der Vorbereitung auf die  Saison, als er mit dem Systemwechsel das Signal zur Attacke gab, aber auch jetzt, in der Vorbereitung der Rückrunde. Er hat nach den schwachen Testspielen gegen Magdeburg und Lüttich die Gunst der Stunde genutzt und polternd darauf hingewiesen, dass nur 100 Prozent Konzentration Erfolg bedeuten und jedes Nachlassen ein Problem. Sein Team war dann auf den Punkt bereit: Kein Bundesligateam ist so gut im Jahr 2019.

Die Borussen befinden sich in einer klassischen Erfolgsspirale (es gab Jahre, da war das genaue Gegenteil in Gladbach der Fall, der Teufelskreis). Sie haben aus der Hinrunde ein gigantisches Selbstvertrauen gezogen, das nicht in Sorglosigkeit mündet, sondern im Sinne des Erfolgs kanalisiert wird: in ein „brutales Selbstverständnis“, wie Christoph Kramer sagt.

Das kann im Gefühl der Unbesiegbarkeit gipfeln, und es wäre nicht ehrenrührig, wenn sich die Gladbacher dies schon angeeignet hätten. Doch hat Hecking den Profis nicht nur eine neue Spielkultur vermittelt, sondern ihnen wohl auch den Kopf gerade gerückt. Sie haben verstanden, dass Selbstverständnis eine Folge von Erfolg ist, Erfolg aber nicht selbstverständlich. Wer wie die Gladbacher auf Schalke vor allem das Richtige tut, der ist total fokussiert darauf, seinen Job erfolgreich zu machen.

„Man darf nicht zu viel nachdenken“, sagte Hecking auf Schalke. Wer das tut, wird in einer Situation wie der aktuellen vielleicht zu euphorisch, und in der Euphorie passieren schneller Fehler als im Pragmatismus. Den hat Hecking den Gladbachern vermittelt. So herrscht dann auch Ruhe in der Borussen-Welt, ungeachtet allen Erfolgs. In der Ruhe liegt die Kraft – die Fohlenelf ist dabei, diesen Slogan in dieser Saison empirisch zu belegen. Bislang läuft die Beweisführung rund.

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