Düsseldorf: SPD feiert Hannelore Kraft: "So sehen Sieger aus!"

Düsseldorf : SPD feiert Hannelore Kraft: "So sehen Sieger aus!"

Hannelore Kraft hat ihre engsten Vertrauten um sich versammelt. Ihr Mann Udo und ihr Sohn Jan sitzen neben ihr vor dem Fernseher, auch der Regierungssprecher und der Chef der Staatskanzlei sind in Krafts Büro in die Düsseldorfer Regierungszentrale gekommen. Als die erste Prognose den roten Balken der SPD auf über 38 Prozent klettern lässt, bricht Jubel aus. Der historische Moment wird fotografiert und sogleich über den Kurznachrichtendienst Twitter im Internet verbreitet.

Mit diesem fulminanten Wahlsieg hatte man in Krafts Umfeld bis zum Wochenende nicht gerechnet. Es werde knapp für Rot-Grün, hatte ein Mitglied des Landesvorstands vorhergesagt. Doch die befürchtete Zitterpartie ist ausgeblieben. Umso größer ist der Jubel über den klaren Erfolg.

Von der Staatskanzlei fährt Kraft direkt zur Wahlparty der SPD in der Disco "3001" im Düsseldorfer Medienhafen. Dort, wo sonst Fans elektronischer Musik im Scheinwerferlicht tanzen, hat die SPD eine Bühne für ihre Spitzenkandidatin aufgebaut. "NRW im Herzen" – Krafts Wahlkampfslogan – hängt hinter dem Rednerpult.

Um 18.30 Uhr geht ein Raunen durch den Saal, in dem der Wahlsieg schon kräftig gefeiert wird. Durch eine Seitentür betritt Hannelore Kraft den Großraum. An ihrer Seite sind erneut Ehemann Udo und Sohn Jan. Sie halten sich an den Händen. "So sehen Sieger aus", skandieren die Sozialdemokraten, als die drei auf dem Podium stehen. Kraft verneigt sich. Sie hat Tränen in den Augen. "Was für ein toller Abend", ruft sie in den Saal. "Ihr habt das auf den Weg gebracht." Es sei ein tolles Gefühl, dass die SPD nach zwölf Jahren wieder stärkste Partei sei. Es sei richtig gewesen, den Menschen in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu stellen. Auch jetzt geht es herzlich zu.

Kraft bedankt sich bei ihrer Familie. Bei ihrem Mann, der in ihrem Wahlkampf so viele Plakate wie sonst keiner aufgehängt habe. Bei ihrem Sohn, der rechtzeitig von seinem Auslandsjahr zurückgekommen sei, um im Wahlkampf mitzuhelfen. Und bei ihrer Mutter Anni, die zu Hause in Mülheim die Blusen gebügelt habe. Ute Schäfer, stellvertretende Landesvorsitzende der NRW-SPD, überreicht Kraft einen Strauß roter Nelken. "Ehrlich gesagt, bin ich jetzt total kaputt", sagt die Spitzenkandidatin – und die SPD-Anhänger lachen amüsiert. Krafts Auftritt dauert sieben Minuten. Dann muss sie weiter in den Landtag.

Es seien die Offenheit und die Authentizität, die Kraft zur klaren Wahlsiegerin gemacht hätten, sagt Frank Baranowski, Oberbürgermeister von Gelsenkirchen und Chef der einflussreichen Ruhr-SPD. Gleichzeitig sei die Stärke der SPD auch die Schwäche der CDU gewesen, sagt Baranowski, der gemeinsam mit vielen anderen Spitzenpolitikern vor der Bühne steht. Als die Rücktrittserklärung von CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen übertragen wird, gibt es Schmährufe. "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", skandieren einige Jungsozialisten. Juso-Chef Veith Lemmen hat sich ein T-Shirt bedrucken lassen. "Leider geil" lautet die Aufschrift – in Anlehnung an einen populären Song der Band Deichkind.

Dann wird beim Bier über die Ursachen des Erfolgs gefachsimpelt. Die Strategie, mit zusätzlichen Ausgaben eine präventive Sozialpolitik zu finanzieren, galt als Achillesferse der SPD. CDU und FDP erklärten Kraft im Wahlkampf zur "Schuldenkönigin". Doch die hatte Attacken auf ihre Finanzpolitik geschickt abgewehrt. Im Bund nehme Wolfgang Schäuble, Finanzminister von der CDU, im Vergleich sogar noch mehr Schulden auf als die NRW-Landesregierung. "Der Union gelang es nicht, den Ball zurückzuspielen", sagt Norbert Spinrath, Chef der SPD im Kreis Heinsberg. Krafts Versprechen, die SPD werde "kein Kind zurücklassen", stamme zwar aus dem Wahlkampf 2010, wirke aber immer noch authentisch. Gisela Walsken, Regierungspräsidentin von Köln und langjährige Finanzexpertin der SPD-Fraktion, nickt. "Das Thema Schulden ist nur schwer zu greifen, es wirkt kalt und abstrakt", sagt die Duisburgerin. Deshalb habe die CDU nicht punkten können.

Volker Münchow ist in Mettmann als Direktkandidat für die SPD angetreten. Er glaubt, der Wiederaufstieg der NRW-SPD sei ohne Hannelore Kraft nicht möglich gewesen. "Sie gibt sich souverän, ohne andere zu beleidigen, und kennt die Fakten, ohne oberlehrerhaft zu wirken", lobt er die Spitzenkandidatin. Im direkten Vergleich habe Norbert Röttgen dagegen keine Chance gehabt. "Er war unser Mitarbeiter des Monats", spöttelt Münchow.

Und es gibt noch ein weiteres Thema, das die Sozialdemokraten an diesem Abend umtreibt. Wie geht die Karriere der Ministerpräsidentin jetzt weiter? Nach nur zwei Jahren Amtszeit ist die Regierungschefin so beliebt wie kaum einer ihrer Vorgänger. Sie vereine die Eigenschaften von Johannes Rau, der beliebt und volksnah war, mit denen von Wolfgang Clement, der als oft ungeduldiger Haudrauf in Erinnerung ist, heißt es. Die Ruhrpott-Mentalität präge ihren Führungsstil. "Nach dem Schrumpfungsprozess durch die Hartz-Reformen machte sie die SPD wieder zur Kümmerer-Partei", sagt Dietmar Nietan, Chef der SPD-Mittelrhein. Bislang hat Kraft der Versuchung, dem Ruf nach einer Kanzlerkandidatur nachzugeben, widerstanden.

Nun werden diese Rufe wieder lauter. "Ich glaube nicht daran, dass sie sich überreden lässt, nach Berlin zu gehen", sagt Marc Fege, Jungsozialist aus Hückelhoven. Karin Selbach, Genossin aus Langenfeld, stößt mit ihren Freundinnen mit einem Glas Prosecco an. "Hannelore ist unsere Landesmutter", sagt sie. "Und das wird sie hoffentlich ganz lange bleiben."

(RP)