Düsseldorf: Piraten überrascht von sich selbst

Düsseldorf : Piraten überrascht von sich selbst

Die Hand von NRW-Piraten-Chef Michele Marsching zittert. Vor ihm skandieren rund 500 Parteifreunde "jetzt geht's los" und trommeln dabei mit säbelförmigen Luftballons in Richtung Bühne. Marsching klammert sich an sein Mikrofon. Die Scheinwerfer hier im Düsseldorfer Kulturzentrum Zakk, in denen sich sonst Rockbands sonnen, lassen heute Tränen funkeln. Marschings Freudentränen.

"Wenn ich mit irgendwas nicht gerechnet hätte, dann, dass Ihr mich heute zum Heulen bringt", ruft Maching der jubelnden Menge zu. Gerade hat die erste Hochrechnung 7,5 Prozent für die Piraten vorhergesagt – im Laufe des Wahlabends werden daraus noch über acht Prozent. Aber die NRW-Piraten sind drin im Düsseldorfer Landtag – soviel ist jetzt schon sicher. Keine fünf Jahre nach ihrer Gründung.

"Wir haben heute Geschichte geschrieben", ruft der Vollzeit-Vater aus Weeze ins Mikrofon. Jetzt wird er Vollzeit-Politiker. Mit Listenplatz vier ist ihm ein Mandat sicher. Er und rund 15 weitere Piraten werden dabei sein, wenn der 16. Landtag des Landes sich am 31. Mai konstituiert. Nach Berlin, dem Saarland und Schleswig-Holstein ist Nordrhein-Westfalen das vierte Bundesland, in dem die polarisierende Untergrund-Bewegung nun den Sprung in die professionelle Politik schaffen muss. Joachim Paul – mit Listenplatz Eins der absehbare Chef der neuen Fraktion – übernimmt das Mikrofon: "Wir werden Fehler machen", kündigt er an, "aber wir werden schnell lernen."

Dann bittet er alle Listenkandidaten zu sich auf die Bühne: Eine im Schnitt vielleicht 40 Jahre alte Gruppe von Frauen und Männern mit unauffälliger und vereinzelt auch mutiger Garderobe, lachend und winkend. Sie geben kein einheitliches Bild ab. Nur in einem Punkt sind sie uniform: Sie alle unterscheiden sich optisch deutlich von den Vertretern der etablierten Parteien, die genau in diesem Moment auf einer Großbild-Leinwand im Hintergrund der Piraten-Bühne zu sehen sind. Peter Hintze (CDU), Karl Lauterbach (SPD) und Daniel Bahr (FDP) sprechen dort erste Wahlanalysen in die Fernseh-Kameras. Das Bild ist unscharf und etwas blass. Zu verstehen ist von der Live-Übertragung sowieso nichts, denn die Piraten lachen das Fernsehbild lauthals aus.

Johannes Ponader, politischer Geschäftsführer der Bundes-Piraten, ist auch da. Wie schon bei Günther Jauchs Fernseh-Talk vor einer Woche in Sandalen, mit Halstuch und Strickjacke. Auf die Frage, was von den Piraten in NRW als erstes zu erwarten ist, sagt er: "Ein Untersuchungsausschuss zur WestLB." Mit Blick auf die Bundestagswahl sagt er, Piratenwähler würden wohl eher Bündnisse im "progressiven" Lager bevorzugen als die Fortsetzung einer großen Koalition. Marsching und Paul wollen sich an diesem Abend noch auf keine Agenda festlegen. Nur darauf: "Wir bringen den Spaß in den Landtag zurück."

(RP)
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