1. Politik

Der britische Premier führt Ukrainekrieg auch auf Machodenken zurück

Aussagen über Putin : Boris Johnson entdeckt „toxische Männlichkeit“

Der britische Premier hat Kremlchef Wladimir Putin „toxische Männlichkeit“ attestiert. Die These ist wenig überraschend. Der Absender schon.

Boris Johnson pflegt das Image des strubbeligen Kindskopfes, der ausspricht, was ihm in den Sinn kommt; der zwar der Oberschicht entsammt und Eliteschulen besuchte, aber wenig auf Konventionen gibt, die Nöte „der kleinen Leute“ versteht und unverdrossen deren Ziele verfolgt. Seine chaotische Art, seine verbalen Ausrutscher und kruden Auftritte, diese ganze Selbstinszenierung als politischer Clown helfen ihm bisher, Skandale zu überstehen. Dass er während der Corona-Lockdowns fröhlich Partys feierte, während der Rest des britsichen Volkes Hygieneregeln einhalten musste, wurde „BoJo“ weniger als fürstliche Anmaßung und Überheblichkeit eines Berufspolitikers angekreidet als vielmehr seinem jungenhaften Charakter zugeschrieben. Hat halt gefeiert, der sonnige Premier, ohne die Regeln parat zu haben. Was soll man auch erwarten von einem, der morgens den Scheitel nicht gerade hinkriegt?

Doch bei aller Strubbeligkeit ist Johnson natürlich ein gewiefter Politiker und Machtmensch mit dickem Fell, der Auseinandersetzungen nicht scheut, Anfeindungen aushält und schon in seiner ersten Karriere als Journalist trainiert hat, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Notfalls auch mit unlauteren Mitteln. Das sind Eigenschaften, die Menschen das Überleben im politischen Betrieb erleichtern, obwohl Machtausübung natürlich auch immer eine Stilfrage ist. Politik lässt sich auch anders betreiben. Johnson hat sich für die ungestüme, populistische, exzentrische Variante entschieden. Hat antieuropäische Stimmungen im Land aufgegriffen, verstärkt und das Königreich gegen alle Bedenken aus der EU herausgelöst. Und seither alle Stürme der Kritik stoisch ausgehalten.

Darum ist es bemerkenswert, dass er jüngst in einem Interview zum Ukrainekrieg beim ZDF nicht nur die These wagte, wenn Putin eine Frau wäre, hätte er keinen „so verrückten, machohaften Krieg“ vom Zaun gebrochen. Sondern den russischen Staatschef auch zum „perfekten Beispiel toxischer Männlichkeit“ erklärte.

Nun kann man der Kriegs-These wohl zustimmen, sogar ohne der Frage nachgehen zu müssen, ob Frauen grundsätzlich weniger kriegerisch veranlagt wären als Männer. Schließlich spricht vieles dafür, dass niemand sonst als Wladimir Putin die Ukraine überfallen hätte, also auch keine Frau. Denn dieses aggressive und völlig skrupellose Vorgehen hat wahrscheinlich viel mit seinem Werdegang als Geheimdienstler, mit seinem lang genährten Hass auf den Westen, einem nationalistischen Welt- und eklektizistischen Geschichtsbild zu tun, also einer Putin-spezifischen Mischung. Doch Johnson hat ja auch nicht von einer Frau an Putins Stelle gesprochen, sondern die Formulierung gewählt, wenn „Putin eine Frau wäre“. Gerade sein spezifisches Mannsein, sein Machogehabe und das, was Johnson „toxisch“ nennt, sollen also dafür verantwortlich sein, dass Putin Europa ein neues Denken aufzwingt. Ein Denken im Modus von Angriff und Verteidigung, von Kräftemessen und Interessenskonflikten, ein Denken ohne den Faktor Vertrauen.

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Toxische Männlichkeit ist kein wissenschaftlich klar definierter Begriff, doch wird er meist für eine Norm verwendet, die Männer zwingt, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich dominant bis aggressiv zu geben. Toxische Männlichkeit funktioniert allein durch Über- und Unterordnung und Gewalt. Sie geht einher mit Homophobie, Hass auf Frauen und alles, was eindeutige, gewaltlegitimierende Machtstrukturen infrage stellt. Der Kremlchef hat unzählige Bilder geliefert, vom Eisbaden, Jagen bis hin zu Verhandlungen am absurd riesigen Herrschertisch, die nahelegen, dass Putin ein toxischer Mann ist. Mit entsprechenden Gewaltfantasien – und der Macht, sie ins Werk zu setzen.

Johnson hat also eigentlich nur das Offensichtliche ausgesprochen. Damit hat er sich zugleich als „anderer Mann“ positioniert, als einer, der ohne Dominanzverhalten auskäme. Doch das ist eine rhetorische Figur, ein strategisches Mittel. Bisher ist Johnson jedenfalls weniger durch kooperatives Verhalten aufgefallen. Mit dem Brexit hat er politische Bindungen gekappt, die britische Variante von „unsere Nation first“ exerziert und ist gerade dabei, mit der zwangsweisen Abschiebung von Migranten nach Ruanda die britische Insel weiter zur Festung auszubauen. Das ist eine Politik der Härte, auch wenn sie von einem Politiker vertreten wird, der das Image des ungezogenen Genies verkörpern will. Auch Männer, die andere Männer Machos nennen, bleiben an ihren Taten zu messen.