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General Wolf-Dieter Langheld im Interview: "Vieles ist besser in Afghanistan"

General Wolf-Dieter Langheld im Interview : "Vieles ist besser in Afghanistan"

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist nach Nato-Angaben deutlich besser, als es einzelne Anschläge und Zwischenfälle vermuten lassen. "Der Übergabeprozess funktioniert. Die Taliban werden es nicht schaffen, je wieder ganze Gebiete zu beherrschen", sagte der ranghöchste deutsche Nato-Kommandeur, Wolf-Dieter Langheld, im Interview mit unserer Redaktion.

Nicht nur deutsche Politiker erwecken zurzeit den Eindruck, dass man einen unpopulären Nato-Einsatz in Afghanistan so schnell wie möglich beenden will, egal, was danach passiert. Über allem scheint das Zitat von Bischöfin Margot Käßmann "Nichts ist gut in Afghanistan” zu schweben. Ärgert Sie diese mutmaßliche Schwarz-Weiß-Darstellung als jemand, der sich nun seit Jahren sehr intensiv mit diesem Einsatz befassen muss?

Langheld Der Nato-Einsatz in Afghanistan erfordert fortwährende Aufmerksamkeit und Besuche, um die schrittweisen positiven Veränderungen wahrzunehmen. Das Hauptquartier in Brunssum führt den Isaf Einsatz seit 2003, und ich stelle in den letzten zweieinhalb Jahren einen deutlichen Zuwachs an Sicherheit, gerade in den Städten, bei noch andauernder Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Polizei und die Streitkräfte sowie eine Verbesserung der schulischen, medizinischen und technischen Versorgung fest. Natürlich gibt es noch viel zu tun, aber es ist deutlich besser geworden in Afghanistan. Und diesen Optimismus teilen auch die Afghanen in einer aktuellen Studie der Asia-Foundation, in der 52 Prozent die Entwicklung Afghanistans positiv bewerten.

Eine Exit-Strategie hat es zunächst nicht gegeben, stattdessen ein ständiges Aufstocken der Truppen. Hat die Nato vorausgesehen, worauf sie sich mit dem Isaf-Einsatz in Afghanistan eingelassen hat?

Langheld Nein, natürlich nicht. Sicherlich waren unsere Erwartungen an Ziel, Entwicklung und Dauer des Einsatzes in Afghanistan zu Beginn zu hoch. Mit dem NATO-Gipfel 2010 in Lissabon haben wir den Strategiewechsel zur schrittweisen Verantwortungsübernahme durch die afghanische Regierung vollzogen. Das setzte den Aufbau und die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte voraus. Sehen Sie, vor zwei Jahren waren ISAF Truppen noch für die Sicherheit in ganz Afghanistan, mit Ausnahme Kabul, verantwortlich. Heute sorgen afghanische Sicherheitskräfte für die Sicherheit bei 75 Prozent der Bevölkerung. Und in etwa zwei Jahren wird die Sicherheitsverantwortung komplett in afghanischen Händen liegen.

Seit dem Nato-Gipfel in Lissabon ist klar, dass der Einsatz der Schutztruppe Isaf im Dezember 2014 endet. Werden bis dahin die Ziele der Nato erreicht?

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Langheld Das Ziel ist es, dass Afghanistan eigenverantwortlich für seine Sicherheit sorgen kann. Und damit dem Terrorismus keinen sicheren Hafen mehr bietet. Bereits während des ersten Halbjahres 2012 haben afghanische Sicherheitskräfte über 80 Prozent aller Operationen gegen Aufständische selbständig geführt. Und sie bilden bereits zu 85 Prozent mit eigenen Kräften den Polizei- und Streitkräftenachwuchs aus.

Da gibt es kein Zurück?

Langheld Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung ist unumkehrbar und wird Schritt für Schritt bis 2014 beendet werden. Der Übergabeprozess funktioniert — allen Unkenrufen zum Trotz. Masar-i-Scharif, im Verantwortungsbereich der Bundeswehr, ist inzwischen ebenfalls von den afghanischen Sicherheitskräften übernommen worden. Dennoch bleibt insgesamt die Unterstützung durch fachliche Beratung und Hilfestellung in den Jahren auch nach 2014 notwendig.

Wird sich die Sicherheitslage nach dem Abzug der der Isaf-Truppen ab 2015 nicht zwangsläufig verschlechtern?

Langheld Wir werden in wenigen Wochen das angestrebte Ziel von 352.000 afghanischen Sicherheitskräften erreicht haben. Das sind fast 220.000 Mann und erstmals auch Frauen, mehr als internationale Truppen je in Afghanistan stationiert waren. Die Ausbildung wird täglich intensiver, und bis Ende 2014 wird ein angemessenes Sicherheitsniveau erreicht werden. Die Afghanen sorgen dann selbst für ihre Sicherheit.

Sind nicht die zunehmenden Angriffe der Taliban auf die zivile Bevölkerung ein Zeichen für wieder aus dem Ruder laufende Verhältnisse nach 2014?

Langheld Es gab in den letzten Wochen in der Tat einige dramatische Anschläge, wie zum Beispiel auf eine Moschee in Faryab. Dass Muslime Muslime beim Beten töten, ist dabei besonders zu verabscheuen. Aber die Taliban werden es nicht schaffen, je wieder ganze Gebiete zu beherrschen. Sie werden heute in ihren früheren Rückzugsgebieten bekämpft. Bei meinem letzten Besuch sah ich in Kabul ein Mädchen ohne Kopftuch mit einem Laptop in der Hand auf einem Brunnenrand sitzen. 71 Prozent der Bevölkerung verfügen mittlerweile über ein Mobiltelefon, 2007 waren es erst 42 Prozent. Ich glaube nicht, dass sich diese Entwicklung zur Bildung, zu landesweiter und globaler Information wieder zurückdrehen lässt. Die afghanische Armee und Polizei, denen von 93 bzw. 82 Prozent der Bevölkerung das größte Vertrauen entgegengebracht wird, wird den Kampf gegen Aufständische weiterhin führen — so lange noch nötig, mit unserer Beratung und Hilfestellung.

Die Nato will bis 2014 mit Nachdruck ausbilden und ab 2015 in einem neuen internationalen Ausbildungs-, Beratungs- und Hilfestellungseinsatz gehen. Müssen diese Kräfte nicht auch geschützt werden und kämpfen können?

Langheld Der Nato-Einsatz ab 2015 ist kein Kampfeinsatz mehr. Eindeutiges Ziel dieses Einsatzes ist es, afghanische Sicherheitskräfte, gerade in langwierigen Ausbildungen, wie Piloten, Logistiktruppen, Spezialkräfte weiterhin auszubilden, in der Lehre zu beraten und zu unterstützen.

Die Taliban werden aber nicht tatenlos zusehen …

Langheld Natürlich werden diese Soldaten bei angemessenem Eigenschutz auch sich selbst schützen müssen und so, wie sie es gelernt haben, kämpfen, wenn es nötig sein wird. Daher kann ich nicht ausschließen, dass dabei ein Nato-Soldat getötet werden kann. Auch wenn es kein Kampfauftrag sein wird, so sollte man Kampfhandlungen nie ausschließen und muss darauf vorbereitet sein.

Wie viele Soldaten benötigen Sie, um den neuen Auftrag in Afghanistan erfüllen zu können? Lässt sich das auf die Bundeswehr herunterbrechen?

Langheld Das lässt sich heute noch nicht beantworten. Seit dem 3. Oktober gibt es eine Richtlinie des Nordatlantikrates zum neuen Nato-geführten Einsatz nach 2014. Zurzeit befinden die Nato-Staaten und bisherigen Partnernationen in Abstimmungsgesprächen. Wir in Brunssum leisten unseren militärischen Beitrag auf der operativen Ebene. Ich rechne mit weiteren Entscheidungen im Frühjahr 2013.

Was halten Sie für die größten Herausforderungen in den nächsten zwei Jahren?

Langheld Die größte Afghanistan-Herausforderung für das Hauptquartier in Brunssum ist die Koordination der drei parallel verlaufenden Operationen: erfolgreiche Beendigung des Isaf-Einsatzes, Rückführung der dafür eingesetzten Truppen und des Materials sowie der Aufbau der neuen Nato-Mission nach 2014.

Sie werden im Dezember das Joint Force Command verlassen. Wie sieht Ihr ganz persönliches Fazit aus?

Langheld Unser Hauptquartier in Brunssum leistet einen gewaltigen Beitrag in der Führung und Unterstützung des Isaf-Einsatzes. So werden 50 Soldaten aus Brunssum nächstes Jahr ihren Dienst in Kabul leisten. Meine besondere Anerkennung gilt den Soldaten und Mitarbeitern im Isaf-Hauptquartier in Kabul und ganz Afghanistan, die mit ihrem Mut, Engagement und ihrer Offenheit zum afghanischen Partner zum Erfolg der Mission beitragen. Ein Fazit zum Einsatz in Afghanistan erscheint mir zwar noch zu früh. Aber ich glaube, dass wir die Aussage "Nichts ist gut in Afghanistan" deutlich widerlegt haben. Wir haben eine Strategie für dieses Land und bleiben dabei!

(das)