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Analyse: Amerika - zerrissen seit 150 Jahren

Analyse : Amerika - zerrissen seit 150 Jahren

Ein kultureller Bürgerkrieg zermürbt seit langem die USA. Heute scheint die politische Landschaft versteinert, das Land ist ideologisch und vom Lebensgefühl her in zwei Lager gespalten. Und ein Versöhner ist nicht in Sicht.

Es sollte wohl selbstbewusst klingen, ja stolz. Aber die Worte des soeben wiedergewählten Präsidenten klangen eher wie das Pfeifen im Walde: "Wir sind mehr als die Summe unserer Einzelinteressen, und wir sind weiterhin mehr als eine Ansammlung von republikanischen Staaten und demokratischen Staaten", beschwor Barack Obama seine Landsleute. "Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika und werden es immer bleiben."

Wenn das nur so sicher wäre. Obama weiß, dass das größte Problem der USA nicht die Staatsschulden sind und auch nicht die Arbeitslosigkeit oder die marode Infrastruktur. Nein, viel schlimmer als rote Zahlen, Job-Misere oder bröckelnde Highways ist diese tiefe Kluft in den Köpfen der Amerikaner.

Es hat sich seit 150 Jahren kaum etwas verändert

Ein Riss geht durch die Nation, der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht, als die Vereinigten Staaten in einem blutigen und grausamen Bürgerkrieg beinahe auseinandergebrochen wären. In Europa haben wir meist nur eine stark vereinfachte Version des großen Gemetzels in Erinnerung behalten: Nord- gegen Südstaaten, Sklavenbefreier gegen Sklavenhalter, Gut gegen Böse. Aber ganz so einfach war es nicht. Es war auch eine Auseinandersetzung zwischen dem agrarischen, ländlichen Amerika und den boomenden Industrieregionen, zwischen Großgrundbesitzern und Fabrikbesitzern, zwischen Protektionisten und Freihändlern, zwischen einem traditionellen und einem modernistischen Amerika.

Alles sehr lange her. Aber wenn man eine Karte der Vereinigten Staaten von damals neben eine Wahlgrafik von 2012 legt, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass sich an diesem Antagonismus nicht viel geändert hat, so verblüffend ähneln sich beide Darstellungen. Da gibt es zwei Großregionen, die eine, im Blau der Demokraten, hat Obama gewählt und zieht sich an den Küsten entlang sowie an den Großen Seen oben im Nordosten. Die andere, im Rot der Republikaner, hat Mitt Romney die Stange gehalten und erstreckt sich über die Weiten der inneramerikanischen Prärie, der Rocky Mountains und der Südstaaten. Zwei Lager, zwei Amerikas.

Stillstand

Das republikanische Amerika ist größer, das demokratische dafür dichter besiedelt, und beide bewegen sich kaum noch. Nur in einigen Bundesstaaten sind die Wähler noch wankelmütig genug — man könnte auch sagen: beweglich genug —, um sich mehrheitlich einmal für die eine und einmal für die andere Seite zu entscheiden. Ohne diese "swing states" wäre die Polarisierung der Nation vollkommen.

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Die beiden Amerikas denken und wählen nicht nur anders, ihre Bewohner leben auch in gegensätzlichen Konsumwelten. Jene im blauen Amerika fahren Importautos, schlürfen italienischen Espresso und delektieren sich an Lebensmitteln aus dem Bio-Laden. Die "roten" Amerikaner dagegen haben einen US-Pickup in der Garage, trinken dünnen Brühkaffee aus der Thermoskanne und machen ihre Einkäufe in gigantischen Wal-Mart-Supermärkten.

Zersplitterung der Medien

Und daran wird sich auch kaum etwas ändern, denn diese beiden Universen schotten sich zunehmend voneinander ab. Der Politologe Jim Gimpel hat vom Entstehen einer "Patchwork-Nation" gesprochen: Wo vor drei Jahrzehnten noch politisch heterogene Landkreise existierten, finden sich heute häufig sterile Einheitszonen, in denen die Menschen ganz überwiegend derselben politischen Richtung anhängen. Ganz offenbar suchen viele Amerikaner ganz bewusst die politische Segregation: Republikaner wünschen sich republikanisch gesinnte Nachbarn, Demokraten siedeln bei Demokraten.

Die Zersplitterung der Medien verstärkt diese Apartheid der Lebensverhältnisse noch. Bis in die 60er Jahre vermittelten eine Handvoll nationaler TV-und Radiosender noch ein weitgehend einheitliches Bild davon, was "typisch amerikanisch" war. Heute haben die Amerikaner die Auswahl unter Hunderten von Nischen-Kabelkanälen. Gleichzeitig aber haben beide Amerikas ihre bevorzugten Informationsquellen. Republikaner konsumieren fast ausschließlich "republikanische" Sender, viele Demokraten dagegen würden niemals etwas anders einschalten als "demokratische" Kanäle.

Voller Demagogie und Vorurteile

Kein Wunder, dass beide Teile Amerikas extrem anfällig geworden sind für Vorurteile. So erscheinen die Bewohner der jeweils anderen Hälfte als schrille Karikaturen. Ein smarter, urbaner Obama-Wähler aus Kalifornien stellt sich die Bewohner des konservativen, ländlichen Amerika schaudernd als übergewichtige Kreaturen vor, die in der einen Hand eine Bibel halten und in der anderen einen Revolver. Natürlich sind diese Hinterwäldler allesamt Rassisten, Schwulenhasser und Militaristen.

Wer dagegen in Texas wohnt und sein Kreuzchen ganz selbstverständlich für Mitt Romney gemacht hat, hält die Wähler der Demokraten entweder für faule Sozialhilfeempfänger oder aber — schlimmer noch — für elitäre und materialistische Snobs, die anstelle des Herrgotts den schnöden Mammon anbeten und aufgrund ihrer moralischen Haltlosigkeit anfällig sind für Drogenkonsum oder Verirrungen wie lasche Abtreibungsgesetze und Homo-Ehe.

Zerrissenheit ist der Normalzustand

Historiker relativieren den Befund und verweisen darauf, dass die ideologische Spaltung der USA seit ihrer Gründung im späten 18. Jahrhundert eher die Regel denn die Ausnahme ist. Die Frage ist nur, ob sich die führende Wirtschafts- und Militärmacht der Welt ihre Zerrissenheit weiter leisten kann.

Obama wird nun wieder um politische Kompromisse ringen, und vielleicht gelingt dem "blauen" Präsidenten ja auch der eine oder andere Deal mit dem "roten" Amerika. Obama ist der Parlamentär in einem kulturellen Bürgerkrieg — ein undankbarer Job.

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(RP/pst/sap/jre)