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London: Sturmflut legt Großbritannien lahm

London : Sturmflut legt Großbritannien lahm

Das Hochwasser hat Nordfrankreich und Südengland fest im Griff. Die Briten müssen sich nun sogar auf weitere Flutschäden durch steigendes Grundwasser vorbereiten. Am Donnerstag soll es wieder regnen.

Ganze Landstriche sind in Großbritannien inzwischen zu Seenplatten geworden – die Briten kommen nach den schweren Winterstürmen der vergangenen Wochen nicht zur Ruhe. Die Wettervorhersage für heute und morgen verspricht zwar Besserung, doch nun kommt das Wasser auch von unten: Durch die enormen Niederschlagsmengen wird das Grundwasser weiter steigen.

Seit Neujahr peitschen wilde Stürme mit Orkanböen von bis zu 160 km/h über die Insel – drei Menschen starben bereits. In Großbritannien hat die Regierung 2200 Soldaten zur Fluthilfe abgeordnet. Täglich ruft Premierminister David Cameron einen Krisenstab zusammen. Auch die Prinzen William und Harry haben zeitweise geholfen, Sandsäcke zu stapeln. Die Queen spendet Tierfutter und Bettzeug für Bauernhöfe in Not.

Die französische Bretagne auf der anderen Seite des Ärmelkanals ist ebenfalls von der Sturmflut betroffen. Dort mussten 90 000 Haushalte ohne Strom auskommen. In Großbritannien sind noch immer mehr als 5000 Wohnhäuser vor allem im Süden und Südwesten Englands überflutet. Straßen sind nur noch mit Booten befahrbar und meterhohe Wellen schlagen an Kaimauern hoch. Zehntausende Briten und Iren waren ohne Strom, nachdem der Sturm Leitungen gekappt hatte. Die Summe der Schäden wird inzwischen auf bis zu 14 Milliarden Pfund geschätzt. Vor allem im Süden Englands müssen sich Reisende auf Probleme im Zug- und Autoverkehr einstellen. Doch das Wetterdrama ist noch nicht beendet. Bereits für Donnerstag ist wieder Regen gemeldet. "Im Moment ist jeder weitere Tropfen fatal – die Böden sind gesättigt, die Flüsse voll – die Lage ist immer noch ernst", erklärt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. Im Dezember und Januar seien in Großbritannien insgesamt 372 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen – ein zuvor noch nie gemessener Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1910. Es werde noch Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis diese Wassermassen in manchen Teilen des Landes abfließen können.

Der Hochwasserschutz wird in Großbritannien schon seit Jahrzehnten stiefmütterlich behandelt. Die Fluten und ihre Folgen sind nach Auffassung vieler Kritiker auch ein Ergebnis jahrzehntelangen Wegschauens und Vernachlässigung infrastruktureller Aufgaben. Die derzeit unterspülte Bahnlinie von London nach Cornwall mag als Beispiel dienen. Recht nett anzuschauen sei sie zwar, schreibt der britische "Sunday Express". Aber als infrastrukturelle Lebensader einer Region sei sie nicht nur wegen ihrer Wetteranfälligkeit ungeeignet.

Großbritannien ist den Fluten von Atlantik und Nordsee stärker ausgesetzt als jedes andere europäische Land – und gibt doch nur einen Bruchteil für Hochwasser- und Küstenschutz im Vergleich zu anderen Ländern aus. Die Niederlande investieren etwa 600 Millionen Euro pro Jahr in den Schutz ihrer 450 Kilometer Nordseeküste – Tendenz steigend. Großbritannien wird im kommenden Jahr umgerechnet rund 500 Millionen Euro ausgeben – für 12 500 Kilometer Küste. Und das ist schon ein Plus. Die Wut über die Regierung von Premierminister David Cameron wächst. 51 Prozent der Briten sind laut einer Umfrage der Auffassung, Cameron habe das Problem nur mangelhaft im Griff. Oppositionsführer Ed Miliband ist der Meinung, dass Cameron "in eine nationale Krise hinein schlafwandelt".

(RP)